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Archive for the ‘Polemik’ Category

Fünfzig Jahre ist es her, dass C.P. Snow sich darüber ausließ, dass es zwischen den Vertretern von Naturwissenschaft und Technik auf der einen Seite und Geisteswissenschaften und Literatur auf der anderen Seite eine kaum zu überwindende Mauer gäbe. Damals war es so, dass Snow über Geisteswissenschaftler überrascht war, die mit ihrem nicht-Wissen über den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik prahlten. Heutzutage, in unserer auf Zweckmäßigkeit und Verwertbarkeit ausgerichteten Universitätslandschaft sind diese Leute zwar eher marginalisiert, d.h. die Studentenzahlen gehen zurück (zumindest in den USA), Gelder fehlen, Institute werden geschlossen, dass aber Snows Vorstellungen zum Teil immer noch Gültigkeit besitzen, demonstriert auf erschütternde Art und Weise der „Heidelberger Appell für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte„.

Den Text dieses Appells kann man – > hier nachlesen, seine Entstehungsgeschichte -> hier, im Perlentaucher – ich kann nur empfehlen, sich damit auseinander zu setzen, denn die Absicht, die der „Heidelberger Appell“ verfolgt, ist gefährlich. Sollte er auch nur einen gewissen Erfolg haben, würde die Transparenz der wissenschaftlichen Welt Schaden erleiden (zumindest im Bereich der nicht marginalisierten technischen Fächer und Naturwissenschaften – aber von diesen haben die Unterzeichnung ja wohl wenig Ahnung).

Was den Appell umtreibt, ist das Vorgehen von Google. Dort scannt man dreisterdings die Bücher dieser Welt ein und verwertet diese, sofern ein Rechteinhaber nicht widerspricht. Keine Frage, das ist nicht Ok, wie man dagegen vorgehen kann (und ob man es sollte), davon habe ich keine Ahnung. Was der Initiator des Appells (seines Zeichens Literaturwissenschaftler) allerdings mit abschaffen will, ist der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen. Dass seine Annahmen und Vorstellungen verkehrt sind, wird nicht nur bei der Lektüre des Perlentauchers, sondern auch der Leserbriefe der FAZ und der TAZ deutlich: Der Mann hat schlichtweg keine Ahnung.

Tatsache ist, dass wissenschaftliche Publikationen eines gewissen Qualitätsniveaus dem Publizierenden (und damit seiner Hochschule) viel Geld kosten; Rechte an der Nutzen der Artikel hat er keine. Ebenso viel Geld kostet es, diese Artikel anschließend zu lesen.

Zwei Beispiel aus meinem eigenen Bereich können vielleicht zeigen, dass es dabei nicht nur um die hohe Wissenschaft, sondern häufig auch um ihre Anwendung im „Feld“ geht. Wir sind ein kleineres mikrobiologisches Labor und erhalten Untersuchungsgut von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern. Wir identifizieren die Keime, die in diesen Proben vorhanden sind und bestimmen deren Empfindlichkeit gegen Antibiotika. Wie ja auch immer wieder in den Zeitungen zu lesen ist, ändern sich die Ansprechbarkeit der Keime auf Antibiotika im Laufe der Jahre dahingehend, dass deren Resistenz zunimmt, es gibt also weniger verfügbare Medikamente, und diese sind dann zumeist teurer und nebenwirkungsreicher. Ganz gelegentlich kommen nun neuere Medikamente auf den Markt oder andere Behandlungsstrategien werden ausprobiert. Man erhält natürlich „Informationen“ zu diesen auch von der Pharmaindustrie, aber es ist doch sinnvoll gelegentlich Primärdaten selber und genau zu studieren. Ein anderes Beispiel sind neue Methoden, die gelegentlich notwendig sind, um neue Erreger oder spezielle Subtypen zu identifizieren. Eine Möglichkeit liegt im Einsatz der PCR, diese ist ein modernes molekularbiologisches Werkzeug, welches sensitiv und spezifisch ist. Auch hier muss man auf Arbeiten zurückgreifen und braucht Zugriff auf die genauen Genomsequenzen.

Hilfreich ist hierbei eine Datenbank namens PubMed in der alle derartigen Arbeiten als Abstracts, also Zusammenfassungen, hinterlegt sind. Häufig sind die Abstracts aber nicht ausreichen und man muss zum Beispiel den Methodenteil genau lesen, hier sind einige Zeitschriften (unter dem Druck von Open Access, oder weil sie in den USA öffentliche Forschungsgelder erhalten) dazu übergegangen die Artikel auch im Internet frei anzubieten. Einzelne Artikel könnte man auch kaufen, aber die Kosten von bis zu 30 € pro Artikel sprengen schnell das Budget eines kleine Labor und werden auch nicht wieder ‚reingespielt – ein einzelner Artikel genügt zumeist nicht, man braucht Querreferenzen.

Tatsache ist nämlich, dass der Markt der Fachzeitschriften von zwei Verlagen dominiert wird, die also beide Seiten, Autoren und Leser beliebig abschöpfen können. Deshalb wurde auch Open Access eingeführt. Die Produzenten (also Wissenschaftler) sollen billiger publizieren können, darin liegt nämlich ihr primäres Interesse und die Leser sollen Zugang zum Wissen haben. Wer das wegen Google unterbinden will, ist naiv und unwissend und fügt der Sache der demokratischen Wissenschaftskultur einen immensen Schaden zu und sorgt dafür, dass nur finanzstarke Großkonzerne (1) einen Zugang zum Wissen haben.

Mit Dank an dpr.

bernd

(1) Zum Beispiel der alten Pseudosozie Michael Naumann, der den Appell mit unterschrieben hat.

Nachtrag: Dass es auch eine Welt jenseits des Tellerrandes gibt, zeigt beindruckend der Bremer Sprachblogger, der seine Sicht der Dinge als Geisteswissenschaftler darlegt und über den Nutzen der Googledigitalisierung schreibt.

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Vorletzte Woche hatte Olaf, unserer jüngster Sohn seinen 7. Geburtstag. Er wünschte sich die Ritterburg von Lego, die ich bei einer Firma des Marktplatzes von Amazon bestellte, da diese die Burg recht günstig verkaufte. Ich hatte sie rechtzeitig vor dem Geburtstag bestellt und bekam sie rechtzeitig geliefert. Allerdings hatte man die dünne Legoverpackung nicht durch eine Umverpackung gesichert. Als das Paket ankam, war die Verpackung vollkommen zertrümmert und als Geburtstagsgeschenk untragbar. Da man ja auch nicht weiß, ob nicht eine der kleinen Tüten, die drinnen sind, ‚rausgefallen war, ging das Paket postwendend zurück.

Der Firma schrieb ich ein Mail, in dem ich dieses mitteilte und darauf hin wies, dass es sich um ein Geburtstagsgeschenk handele. Dann schrieb ich ein zweites Mail, weil sich die Firma nicht bei mir gemeldet hatte und dann rief ich an. Recht lustlos und verständnislos wurde mein Begehr angehört und mir dann mitgeteilt, dass mir ein neues Paket zugestellt wird. Nach einer Woche, da ich weder das Paket noch einen Hinweis erhielt, wann das Paket eintreffe, schrieb ich ein drittes Mail und als ich immer noch keine Antwort erhielt, rief ich ein zweites mal an.

Als die Burg letztlich eintraf, war der Geburtstag längs vorbei, aber Olaf trug das alles mit Fassung.

Kein Wunder, dass sich meine Unzufriedenheit in meiner Bewertung des Shops bei Amazon niederschlug, findet auch der Versender selber, bittet mich aber dennoch in einer Mail meine Bewertung zu löschen:

Sehr geehrte(r) Dr. Bernd Kochanowski,

Ihre Bestellung bei „m-shopping“ über Amazon
Amazon Nr.: 302-7251016-6331549
Artikel:
Amazon: 56864185672875
1 x [C7-VKJQ-YZBG] LEGO 7094 – Castle 7094 Große Königsburg
ID:
EUR 59,99
————————————————————-

habe eben ihre Bewertung gelesen.
Dies tut mir leid, und sollte natürlich nicht passieren.

Versteh dadurch auch ihre Bewertung. Leider wird diese in unserem
Amazon-Ranking als negativ bewertet und schadet uns wirklich.

Daher meine Bitte um Löschung ihrer Bewertung.
Anbei eine kurze Anleitung dazu und
besten DANK im voraus.

Sie können dem Käufer die folgenden detaillierten Anweisungen zum Entfernen von Feedback zur Verfügung stellen:

1. Öffnen Sie die Hauptwebsite von Amazon.de unter http://www.amazon.de, und klicken Sie dann auf die Schaltfläche „Ihr Konto“.
Die Seite „Ihr Konto“ wird angezeigt.
2. Klicken Sie auf das Scrollfeld neben „Nach Bestellung anzeigen“, um Bestellungen auszuwählen, und klicken Sie dann auf „Los“.
Eine Liste von Bestellungen wird angezeigt.
3. Wählen Sie die Bestellung aus, und scrollen Sie dann zum Feedbackabschnitt.
Rechts neben der Bestellung wird der Link „Entfernen“ angezeigt.
4. Klicken Sie auf „Entfernen“.
Die Seite „Feedback entfernen“ wird angezeigt
5. Wählen Sie einen Grund für das Entfernen des Feedbacks aus, und klicken Sie dann auf „Feedback entfernen“.
Das Feedback wird entfernt.

Liebe Grüße und nochmals Besten DANK!
Mistelberger Strada OEG

Für wie blöd … ? Wenn ich die Bewertung so nicht wollte, hätte ich sie nicht abgegeben und welchen Sinn sollten denn solche Bewertungen haben, die ja nun offensichtlich die einzige Möglichkeit von Kunden sind, ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen, andere Kunden auf mögliche Probleme hinzuweisen und letztlich auch jene Geschäfte zu honorieren, die ordentlich mit Kunden umgehen, wenn man sie dann doch wieder löscht ?

Interessant übrigens, dass die Anleitung zum Löschen offensichtlich von Amazon den Lieferanten zur Verfügung gestellt wird.

Beachtenswert ist auch, dass die Firma ihr Niveau auch hier aufrecht erhält, Sie schafft es nicht einmal unten den Namen einer menschlichen Person anzugeben und auch die Anrede „Sehr geehrte(r) Dr. Bernd Kochanowski,“ lässt Zweifel daran aufkommen, dass hier mehr als ein Standardschreiben versandt wurde.

bernd

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[…] and the worst of all things are innovations: every innovation is heresy, every heresy is error, and every error leads to hell.“

Aus der Unterhaltung eines orthodoxen jüdischen Rabbis und eines radikalen palästinensischen Moslems. (Robert Littell Vicious Circle – deutsch: Die Söhne Abrahams).

Endlich einmal dürften sich die Fanatiker aller Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen einig sein – dabei haben sie doch nur Angst vor ihren Söhnen (und heutzutage natürlich auch Töchter).

bernd

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In jeder der bislang sechs Staffeln hat er 24 Stunden Zeit eine terroristische Bedrohung abzuwenden.

Axel Bussmer über 24

Ihre Paranoia kommt der Gesellschaft teuer.

Dabei täten den USA eine Reflexion über die realen Folgen dieser Paranoia vermutlich gar nicht schlecht.

bernd

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Für Declan Burkes Blog crime always pays hatte ich versucht, die Diskussion um den sog. Ripper Awards für englischsprachige Leser zusammenzufassen, wer mag, kann’s -> hier nachlesen. Für den Beitrag hatte ich die wenigen verfügbaren Internetseiten (vom Hellwegfestival oder von Dritten) zum Thema ausgewertet. Ganz klar: Viel Aufmerksamkeit erzeugt das Festival und sein Preis bisher nicht.

1. Das Festival

Liest man die die Seiten des Festivals, die Ankündigung für 2008, die Events 2006, findet man ein breites Spektrum an Veranstaltungen, die im Rahmen des „Mord am Hellweg“ stattfinden. Da ist viel von Spaß und Event und Guter Laune die Rede, da weht so ein Geist von organisierter Pseudo-Subversivität durch die Darstellungen. Literatur, so scheint es, hat eher eine sekundäre Bedeutung und unter einer „Literaturveranstaltung“würde ich mir etwas anderes vorstellen:

  • „Wer Gegenstände besitzt, mit dem sich gut morden lässt, bitte mitbringen und bei Raimon Weber abgeben.“ […] „… er demonstriert zahlreiche Methoden, wie man jemanden um die Ecke bringen kann: gängige wie Würgen, Erstechen oder Erschießen, einige ausgefallene mit Giftspinnen, Schlangen oder Fröschen oder absolut skurrile Methoden mit Hilfe von fleischfressenden Pflanzen, Bartstoppeln und Eiswürfeln.“
  • „Auf der Jagd nach dem Mörder geht es mit dem Oldtimer durch die unterschiedlichen Landschaften der Hellweg-Region. Aber Vorsicht! Überall können Indizien auf den Mörder hinweisen. Beim gemeinsamen Abendessen wird der Mord dann hoffentlich aufgeklärt.“
  • „Den Hellweg entlang werden mit dem Fahrrad Mordsmeilen abgeradelt. Zeitzeugen und kostümierte Henker geben sachkundig Auskunft. Bei Onkel Albrecht, dem Tatort eines spektakulären Mordes, wird der Mittagstisch eingenommen.“
  • „Bis zu sechs Darsteller tragen knifflige Kriminalfälle auf der Bühne vor – ermitteln muss anschließend das Publikum. Moderator Georg Uecker (‚Lindenstraße‘, ‚Schillerstraße‘) führt galant durch den Abend. Wer ist der Mörder? Raten Sie live mit und sichern sie sich schon jetzt die Chance auf die begehrte Trophäe ‚Die goldene Tappert'“
  • „Ob Bondmelodien, ob Musik aus Mission Impossible oder halt der bekannte Schlager „Wenn die Mimi mit dem Krimi …“ – Das beliebte Landespolizeiorchester NRW spielt in Bigband-Besetzung groß auf und zeigt neben Krimimusik, was es sonst noch an fetzigem Sound beherrscht.“

Der Eindruck drängt sich auf: Das Festival dient der Förderung des Tourismus in die Hellwegregion und bietet zahlreiche, möglicherweise sogar unterhaltsame Veranstaltungen. Die vollmundige Feststellung, dass es sich bei diesen regional verstreuten Events, die mehr oder weniger eng mit Kriminalliteratur verbunden sind, um eine der größten Literaturveranstaltung Europas handelt, muss man so gesehen, als Marketingaussage deuten. Das ist im Grunde wie beim Hamburger Dom und dem Münchener Oktoberfest, ersterer hat 9 Millionen Besucher jährlich, letztes 6 Millionen, dennoch gilt das zwei Wochen dauernde Oktoberfest als größtes Volksfest der Welt, denn den Dom gibt es dreimal einen Monat.

Nun will man also von diesem Festival aus European Crime Fiction Star Award vergeben. Was „berechtigt“ denn das Hellwegfestival einen Star Award zu vergeben, welche Stars waren und welche sind 2008 präsent ? Was oder wer ist denn überhaupt ein Star im Krimigenre ?

Leo P. Ard (Mallorca), Peter James (England), Bernhard Jaumann (Namibia), Michael Morley (England), Sabina Naber (Österreich), Yrsa Sigurdardottir (Island), Maj Sjöwall und Jürgen Alberts (Schweden/Bremen), Michael Theurillat (Schweiz), Jac Toes und Thomas Hoeps (Niederlande) sind 2008 als europäische Spitzenautoren angekündigt. Da sicher gute Autoren dabei, zum Beispiel die beiden deutschen Autoren Leopard und Bernhard Jaumann, aber Stars ?

Das Bild ändert sich auch nur wenig, wenn man in den Annalen des Festivals blättert. Da sind durchaus gute Autoren dabei, aber ein Beleg dafür, dass hier ein Kompetenzträger für Crime Fiction Stars aktiv ist, sieht anders aus.

Giles Blunt (Kanada), Gianrico Carofiglio (Italien), Vikram Chandra (Indien), Polina Daschkowa (Russland), Âke Edwardson (Schweden), Alicia Giménez-Bartlett (Spanien), Marek Krajewski (Polen), Petros Markaris (Griechenland), Barbara Nadel (England), Jo Nesbo (Norwegen), Leena Lehtolainen (Finnland), Leonardo Padura (Kuba), Celil Oker (Türkei), Val McDermid (Schottland), Heinrich Steinfest (Österreich), Peter Tremayne (Irland), Minette Walters (England).

2. Auswahlkriterien

Nun, soll also durch dieses Festival des Krimis ein Krimipreis verliehen werden und zwar nicht irgendeiner, sondern, wenn große Autoren schon kaum präsent sind, dann ein Preis der einen herausragenden europäischen Autoren würdigt.

Im Wesentlichen ist schon alles hierzu geschrieben. Ein seriöser Preis der einen europäischen Krimiautoren auszeichnet, würde Sinn machen. Aber diese eigenartige (da germanophonophil) Jury, die Wahl des Siegers durch ein Publikum, welches kaum einen der Autoren im Original gelesen haben dürfte und der Klamaukrahmen des Hellwegsfestivals fügt dieser Idee Schaden zu – eine Rolex macht eben noch keinen seriösen Mann.

3. Der Name des Preises

So ganz weiß man eigentlich nicht wie der Name des Preises lauten soll: Ripper Award und/oder European Crime Fiction Star Award; letzterer soll wohl sowas wie ein Programm definieren, wirkt aber im Rahmen einer „Literaturveranstaltung“ unpassend.

Es scheint mir so, als wenn die literarisch geneigten Menschen mit dem Namen Ripper Award keine Probleme hätten und gerne darauf verweisen, dass der London Ripper metaphorisiert worden ist.

Der Name der europäischen Auszeichnung verweist auf eine der modernen Großstadtmythen, einen ‚Serienmörder, mit dem das Grauen, aber auch Kriminalität und der Krimi par excellence verbunden wird‘, so Sigrun Krauss,

aus kultur:macht:europa und zitiert im Weiteren Susanne Scholz:

„Wären da nicht die kollektiven Ängste und Phantasien, aber auch das ‚schmutzige Unterbewusste’ der viktorianischen Gesellschaft sowie die morbide Faszination der aufstrebenden Gerichtsmedizin (gewesen), hätte ‚Jack the Ripper’ nicht zur Projektionsfigur des Bösen werden können.“ Deshalb könne seine Geschichte „als beispielhaft für kulturelles Erzählen gelten“.

Diese abstrakte Wahrnehmung des Rippers als Großstadtmythos (oder wie ich sagen würde, urban legend) scheint der Vorstellungen mehrerer (-> hier, -> hier, -> hier) zu entsprechen.

Die Geschichte, die einer urban legend zugrunde liegt, muss nicht unbedingt unwahr sein, aber sie ist mindestens verdreht, übertrieben und sensationalisiert. Mir leuchtet nicht ein, warum die Tatsache, dass der London Ripper die Medien anregte und anregt und sein mediales Bild ein Eigenleben begann, so anders sein soll, als das was mit geschichtlichen Ereignissen vor und nach ihm geschah und geschieht. Was hindert zukünftige Preisgeber daran einen Krimipreis für Spionagekrimis nach Adolf Eichmann zu benennen, dessen Gefangennahme durch die Israelis mit dem anschließender Prozess und seiner medialen Aufarbeiten eine gewisse Analogie zur der medialen „Bearbeitung“ des London Rippers aufweist. Nur unsere besondere Verantwortung als Deutsche ? Sorry, aber diese wird zukünftig an Bindekraft verlieren. Die Quantität der Opfer ? Zweischneidig und in Bezug auf das einzelne Opfer irrelevant.

Wenn es denn nur um den Ripper als Metapher geht, warum dann die nagende Unzufriedenheit ? Auffallend, dass diese Unzufriedenheit (-> hier, -> hier, -> hier, -> hier, -> hier, ) eher aus dem Milieu der Genreleser kommt – vielleicht steckt im Genre doch mehr als nur amüsante Unterhaltung am Kaminfeuer.

Ich zumindest störe mich daran, dass hier reales Verbrechen, Leid, und Unglück nur noch als Metapher wahrgenommen werden soll. Wie sehr muss Literatur ihre Empathie erzeugende Wirkung verloren haben, wenn man den London Ripper und seinesgleichen so nur interpretieren will.

bernd

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Die Adaption seines [James Ellroy, bk] Romans („L.A. Confidential)“ gilt als einer der atmosphärisch dichtesten, brillant gespielten und gnadenlos zupackenden, kurz: besten Krimis, die die Traumfabrik je produziert hat.

Zitieren die Alligatorpapiere eine (sehr gute) Rezension über die filmische Adaption von LA Confidential.

la.jpgMan muss wohl „Filmfan“ sein, um diese Euphorie teilen zu können. Bei mir macht sich da Mitleid breit. Nicht, dass ich den Film nicht schon mehrere Male angesehen hätte und nicht, dass er nicht gut wäre … aber mal ehrlich: Im Vergleich zum Buch fehlen ganze Handlungsstränge, die Handlung, die sich im Buch über mehrere Jahre erstreckt, scheint auf wenige Wochen herunter gebrochen zu sein, der innere Antrieb einiger Personen kommt nicht nicht so ‚rüber und der brillante (und soweit unerreichte Aufbau), bei dem mehrere „Fälle“ verbunden aber unabhängig voneinander sind und wie die Schalen einer Zwiebel nacheinander gelöst werden, wird auch nicht bewahrt.

bernd

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„ich dachte schon, ich lasse euch alle doch lieber allein machen. aus dem gefühl heraus, dass männer und frauen sich schlecht einigen können. ich habe noch mal hard-case-krimi in google eingegeben und stieß nur auf grottige cover mit nackten frauen, die high heels anhatten und auf pistolenmündungen pusteten …“

Anobella über Hard Case Crime bei wtd.

Hier könnte man natürlich (wie es Claus gemacht hat) auf Axel Bussmers Beitrag im Krimijahrbuch 2006 verweisen.

Man könnte aber auch auf Christa Fausts vielgehyptes Buch Money Shot bei eben jenem Verlag verweisen, welches bei Rap Sheet vorangekündigt worden war, von Sarah Weinman gelobt wird, zu einem Interview bei In For a Questioning führte und von dem Kevin Burton Smith schrieb:

But it turns out MONEY SHOT is my kinda noir. The grown-up kind that has real people and a real story, not just shock tactics and cardboard pawns disguised as characters. The lady knows her stuff.“

Man könnte aber natürlich auch darauf verweisen, dass es bei literarischen Texten gelegentlich vorkommt, dass sich in ihrem Hintergrund etwas anderes abspielt als in ihrem Vordergrund – kommt sogar bei HCC vor.

bernd

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