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Archive for the ‘Edgar’ Category

(Deutsch: Kurier des Todes)

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Mindestens ein Jahr lang lag das Buch in meinem Regal, und obwohl es einer der besten Spionagekrimis und obwohl es von le-carrescher Qualität sein soll, so richtig gereizt hatte es mich bisher nicht das Buch zu lesen. Nun weiß ich warum.

John Wells hat geschafft, was sonst scheinbar niemand geschafft hat, er ist als verdeckter CIA-Agent bei al-Kaida unter gekommen. Nicht, dass man dort so richtig Vertrauen in ihm gefasst hätte, nein, sein Leben unterliegt ständig neuen Prüfungen. Aber immerhin: Seit circa 7 Jahren ist er dabei und lebte in Tschetschenien, Afghanistan und nun in Pakistan und so plötzlich interessiert man sich für ihn. Er erhält den Auftrag in die USA zurückzukehren und sich bereitzuhalten.

All die Jahre hatte der CIA nichts von ihm gehört. Kein Wunder also, dass man auch dort an seiner Treue zweifelt. Und als dann auch noch kurz nach seiner Rückkehr ein fürchterliches Attentat stattfindet und al-Kaida dafür die Verantwortung übernimmt, scheint seine Mission gescheitert zu sein. Er jedoch ahnt, dieses Attentat ist nur der Anfang von etwas sehr viel Größerem, und so beginnt ein Katz-und-Maus Spiel zwischen dem CIA, ihm und der al-Kaida-Zelle in den USA.

Es ist natürlich eine hochspannende Geschichte, die Berenson da entwickelt, zudem hat der der gelernte Journalist, wie einige Stellen zeigen, offensichtlich gut recherchiert und er kann auch die Motivationslage der Protagonisten (z.B. des US-amerikanischen Foltermeisters) plausibel aufzeigen. Kurz: The Faithful Spy ist ein Buch, das man trotz seines üppigen Umfanges zügig durch hat.

Das Problem ist jedoch, dass Berenson zu viel will. Er weiß so viel und will so viel erzählen, dass er viele Szenen zerdehnt. Da ist es dann kein Wunder, dass plötzlich 174 Seiten vorbei sind und das Buch erst so richtig beginnt – eine Alex Carr fängt bei dieser Seitenzahl üblicherweise an ihre Geschichte so langsam aufzuräumen. Das ist alles nicht ungelehrig und Berenson hat auch die Gabe Informationen so aufzubereiten, dass man sich als Leser gut bedient fühlt. Aber das ändert nichts daran, dass er, salopp formuliert, schwätzt. Dieser Hang findet sich nicht nur in den einzelnen Szenen, sondern auch in der Geschichte selber, da muss dann noch irgendwann ein Mikrobiologe her und gefährliche Organismen züchten. Durchaus gut dargestellt, mit so kleinen Fehlern, dass diese lediglich sehr Versierte entdeckten, die Problematik der Anzucht zum Beispiel ist außergewöhnlich gelungen dargestellt, aber dennoch wirkt dieses Element irgendwie als Fremdkörper in der Geschichte.

Berenson offers a very American story […]“ steht auf dem Umschlag und dem kann man nur zustimmen. Ein guter, reiner US-Amerikaner verteidigt das Land gegen die bösen Terroristen aus dem Osten und zur Not auch noch gegen die Beamtenmentalität in den eigenen Diensten, so einfach ist das.

bernd

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Dieses Jahr begleitete Sarah Weinman die Preisverleihung bei den Edgars via Twitter, schneller kann man die Information nun nicht liefern.

Gewinner in der Kategorie Bestes Buch

  • Blue Heaven von C.J. Box

Gewinner in der Kategorie Bestes Taschenbuch

  • China Lake von Meg Gardiner

Gewinner in der Kategorie Bestes erstes Buch

  • The Foreigner von Francie Lie

Nicht in allen Kategorien unbedingt das, was ich getippt hatte, aber gerade beim Edgar muss man das Risiko eingehen.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall noch, dass T. Jefferson Parker mit Skinhead Central den Edgar für die Beste Kurzgeschichte gewann, womit der Autor eigentlich von nun an von sich behaupten darf dreifacher Edgargewinner zu sein und Brügge sehen erhielt den Edgar für den Besten Film.

bernd

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In der Serie über die diesjährigen Kandidaten für die Edgar Awards, schaue ich mir zum Schluss die Bücher an, die für die Kategorie „Bestes Buch“ des Edgars nominiert sind, also:

Bezogen auf den Anspruch, bin ich ein wenig enttäuscht. Natürlich war keines der Bücher wirklich schlecht. Die Liste besitzt so eine Aura von gediegener Qualität,aber nur einige Bücher sind wirklich so gut, wie man es erwarteten sollte .

Der humorvoll hintersinnige Krimi ist durch Curse of the Spellmans würdig vertreten. Izzy, die Protagonistin des Buches wirkt immer noch wie ein widerspenstiges Kind, innerhalb des Familienverbandes ist sie diejenige, die dank ihrer anarchischen Persönlichkeit durch gelegentliche Erschütterungen dessen Erstarrung verhindert. Izzy ist misstrauisch und neugierig und so hat sie dann innerhalb weniger Seiten einige Fälle am Hals, die es zu lösen gilt. Die Mutter schleicht nachts aus dem Haus, der Vater neigt zu eigentümlichen Attacken von sportlicher Aktivität, die kleinere Schwester … usw usf. Insbesondere der neue Nachbar ist Objekt ihrer paranoiden Aufmerksamkeit. Was an diesem Buch beeindruckt, ist die Leichtigkeit, die der Text ausstrahlt. Dabei ist er sorgsam konstruiert, da geht es gerade am Anfang wüst in der zeitlichen Ebene hin und her und auch die diversen Stränge wollen gekonnt miteinander verknotet werden. Lutz reiht eine witzige Erläuterung an die nächste, ist eine feine Beobachterin der kleinen menschlichen Schwächen und kann sich auch selber auf die Schippe nehmen.

Den literarisch schwergewichtigen Krimi verkörpert The Night Following, welches die Geschichte einer Frau erzählt, die eine andere über’n Haufen fährt. In der Folge verliert sie, ebenso wie der Witwer ihre Ordnung im Leben und so langsam stürzen die beiden aufeinander zu. Es ist nicht nur ein mutiges, modern innovatives Buch, es ist auch ein Buch, das genau das darstellt, was es darstellen will und zwar konsequent und gelungen. The Night Following ist ein Buch, welches insbesondere den Kopf anspricht, was an der aufwändigen Sprache der Icherzählerin liegt, die reflektiv-introspektiv und mit selten verwendeten Wörtern und langen Sätzen den Weg der Frau aus der Gesellschaft kühl darstellt. Und natürlich fällt es Joss leicht, den Personen jeweils unterschiedliche Stimmen zuzuweisen, sei es die nüchterne des naturwissenschaftlich ausgebildeten Ehemannes oder die der Toten als suchende „Literatin“. Die Atmosphäre ist leicht düster, geheimnisvoll, aber nicht besonders spannend, das Ende scheint vorhersehbar.

Den klassischen Krimi mit Privatdetektiv repräsentiert The Price of Blood (The Dying Breed) von Declan Hughes. Ed Loy soll ein Kind suchen und muss sich in der Folge mit der Familie der Tyrrells auseinander setzen. Es ist ein Buch, welches diese Familie nimmt und ihr Inneres, ihre Funktionsweise bloß legt, aber es zielt darüber hinaus auf eine Darstellung der modernen irischen Tigergesellschaft. Es ist sehr zurückhaltend, mit starken Dialogen erzählt. Zum Schluss zeigt dann Hughes auch noch, dass er Ambitionen hat und dass er diese wohl erfolgreich zu Papier bringen könnte. Denn üblicherweise sind die Bücher in der ersten Person aus der Sicht Ed Loys geschrieben, das ist zwar bei Hughes keine ganz unmittelbare und intime Angelegenheit, dennoch hockt man Ed Loy natürlich relativ eng auf der Pelle. Für die obligate Auflösung wechselt Hughes nun in zwei Kapiteln kurz vor Schluss in die dritte Person und die Leser begeben sich zum Täter, aus dessen Sicht die Vorgeschichte dargestellt wird. Die Art und Weise wie das erzählt wird, offenbart großes handwerkliches Geschick.

Blue Heaven von C.J. Box ist ein Buch über die klassischen amerikanischen Tugenden (oder das was man dort dafür hält). Zwei Kinder beobachten drei Männer, wie diese einen vierten töten. Sie werden ihrerseits von den Männern gesehen und müssen vor ihnen flüchten. Der lokale Sheriff ist neu und entsprechend unerfahren, da die Täter pensionierte Polizisten aus Los Angeles sind, können sie ihn davon überzeugen, dass ihre Erfahrung helfen kann, die im Ort vermissten Kinder zu finden. Es ist ein Buch über den Wandel der Zeit. Reiche Kalifornier, die sich auf’s Alteinteil zurückziehen, dringen ein nach Nord-Idaho, sie können die Hinterwäldler dort so wenig leiden, wie diese sie. Es ist ein Thriller mit einer starke Westernanmutung und einem etwas klischeehaften Ende. Diese Polizisten, die den braven Sheriff glauben lassen, dass sie Gutes vollbringen wollen, mag man allerdings als Metapher für die Bushmenschen halten, die die USA für sich und ihre Sache in Beschlag nahmen und doch so viel Lähmung über das Land brachten.

Missing (deutsch: Die Flüchtige) von Karin Alvtegen ist dagegen mehr der archetypische psychologisch motivierte Thriller. Sibylla Forsenström ist eine Tochter aus guten Hause, doch seit Jahren schon ist sie als Pennerin unterwegs. Als sie durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen mit einem Mord in Zusammenhang gebracht wird, macht sich das gesamte Land auf sie zu hetzen. Die Flüchtige ist ein feines Buch, einfühlsam erzählt, geschickt inszeniert und durchaus, wenn man so will, mit Mehrwert, denn es fragt den Leser angesichts der Verhalten der Bürgerlichen gegenüber den Bewohnern der Straße: „Et tu, Brute“.

Ein wenig Extravaganz ins Feld der Nomninierten bringt The Sins of the Assassin von Robert Ferrigno. Das Buch tranportiert uns ins Jahr 2040, die USA sind längs zweigeteilt und auf ihrem Boden sind zwei religiös motivierte Staaten entstanden, einer christlich, der andere muslimisch. Rakkim Epps, die Hauptfigur des ersten Buches ist muslimischer Schattenkrieger, also jemand der sich in einem feindlichen Land aufhalten kann ohne dort aufzufallen. Er wird in den Bible Belt, dem christlichen Staat geschickt, um dort Grabungen in einem Bergbaugebiet unter die Lupe zu nehmen. Er reist nun allerdings nicht allein, sondern hat Leo, einen Hightech-Nerd bei sich, einer der kaum den Kindesbeinen entwachsen ist und dessen natürliche mathematische Intelligenz durch Implantate verstärkt wurde. Es ist auch eine Welt, der man ansieht, dass sie in die Klimakatastrophe ‚reinschlittert und das wird nun gar nicht sensationell aufgeplustert, sondern kommt nüchtern über viele kleine Konsequenzen zum Vorschein. Letztlich präsentiert Ferrigno einen ganzen Strauss von Genres und Stilen, wie Spionagekrimi, Hightechthriller, Zukunftswarnung, ein wenig Horror und auch impressionistische Szenen und macht ein geschlossenes Ganzes draus.

Sollte der US-amerikanische Patriotismus die Jury dominieren, dann wird Blue Heaven den Edgar gewinnen, im Vergleich der psychologisch motivierten Bücher ist The Night Following das herausragendere Buch, den Mut zu The Curse of the Spellmans traue ich keiner Jury der Welt zu. Die beiden verbleibenden Bücher hätten es beide verdient: The Price of Blood ist unauffällig wegweisend und Sins of the Assassin ein komplexes, facettenreiches und gelungenes Buch.

bernd

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Nachdem letzten Freitag die Kandidaten in der Kategorie „Bestes Taschenbuch“ dran waren, folgen jetzt diejenigen in der Kategorie „Bester Erstling eines US-amerikanischen Autors“. Dieses Jahr waren hier folgende Bücher nominiert:

Ähnlich wie letztes Jahr, ist dieses wieder die einzige Kategorie, in der jedes einzelne Buch überzeugt und (mit kleinen Anstrichen) den Sieg verdient hätte.

The Kind One von Tom Epperson erzählt eine Geschichte aus dem Gangstermilieu der 30er Jahre in Los Angeles. „Two Gun Danny“ ist ein aufstrebendes, hoffnungsvolles Mitglied des Milieus, aber er hat ein Problem: Er hat keine Vergangenheit, zumindest keine an die er sich erinnern kann. Vor einem Jahr wurde er zusammengeschlagen und hat alles vergessen, was er davor erlebt hatte. Aber er hat ein Gewissen: Als ein Mädchen und eine Frau aus dem Milieu seiner Hilfe bedürfen, erhalten sie diese, auch wenn Danny sich mit Gott und der Welt anlegen muss. Epperson erzählt das in einer Art und Weise, die zu der Zeit der 30er Jahre passt. Mit einfachen Worten und Sätzen, sehr zurückhaltend und ohne groß anzugeben, erzählt Danny was er erlebt und denkt. Das Buch wirkt sehr literarisch, sehr durchdacht, dabei weiß der Autor, was er dem Genre schuldet und so wartet die Geschichte immer wieder mit kleineren und größeren Überraschungen auf.

Noch weiter zurück liegt die Geschichte die Sweetsmoke von David Fuller erzählt. Cassius ist schwarzer Sklave auf einer Farm zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. Als eine ehemalige Sklavin, die ihn einst rettete, ermordet aufgefunden wird, will er den Täter finden und Rache nehmen. Gar nicht so leicht für einen Schwarzen, der sich außerhalb der Farm nur mit einem Pass aufhalten darf, den der Herr ausgestellt hat und der schon gehängt werden kann, wenn er nur in der Nähe einer weißen Frau gesehen wird. Sweetsmoke ist ein atmosphärisch reiches Buch, klug aufgebaut, welches von den Beobachtungen seines Protagonisten lebt, der seine Welt aufmerksam studiert. Es endet, sprachlich wie inhaltlich fulminant im Bürgerkrieg der Weißen, in dem Cassius sich wie ein unsichtbarer Mann zwischen den Fronten bewegt.

Die Geschichte, die The Foreigner von Francie Lin erzählt, spielt nicht in der Vergangenheit, sondern auf Taiwan. Nach dem Tod seiner Mutter muss Emerson, ein taiwanstämmiger US-Amerikaner, nun 40 Jahre alt, selber zurecht kommen. Als erste Aufgabe des „neuen“ Lebens muss er den einst verschwundenen Bruder ausfindig zu machen und ihm das Vermächtnis der Mutter übergeben. Also macht er sich auf nach Taiwan und erlebt dort eine Welt, die so ganz anders ist, als die Welt die er kennt. Von Anfang an zieht die Sprache des Buches in seinen Bann, so literarisch, niveauvoll, umsichtig und gekonnt findet man es selten. Emerson selber erzählt uns die Ereignisse und so erleben wir, wie er an die Käfigstäbe seiner Werte stößt und versucht seine selbst gesteckte Aufgabe zu lösen. Er ist natürlich ein wenig naiv und kann Personen, mit anderen Wertesystemen nicht richtig lesen, aber er hat ein großes Herz. Die Autorin erzeugt gekonnt eine leicht unheimlich, bedrohlich wirkende Atmosphäre in einem Land, das weniger fremdartig wirkt als dessen Menschen, aber der ultimative Thrill will sich trotz entsprechender Bemühungen der Autorin nicht recht einstellt.

Patti Black ist Polizistin in Calumet City. Seit Jahren versucht sie mit ihrer Vergangenheit umzugehen und die Dämonen der Erinnerung in Schach zu halten. Die Gespenster in ihrem Kopf  beginnen zu singen und zu tanzen, als nach einer Polizeiaktion die Leiche ihrer Pflegemutter gefunden wird. Der Wahn nimmt noch etwas zu, als eine ihr nahe stehende Person bedroht wird. Ihr Antrieb, ihr Anker in diesem Chaos in ihrem Kopf ist die Gewalt. Dieses Buch sollte man nur mit Handschuhen lesen, die Seiten sind so voll mit Adrenalin, angst, Wut und Zorn, dass einem ansonsten die Hände weggeätzt werden. Der Anfang des Buches machte jedoch ein anderes Versprechen. Hier scheint eine Sprache auf, so knapp und doch streetlike poetisch, dass man aufhorcht. Und das schönste ist, das Buch löst dieses Versprechen ein.

A Cure for Night von Justin Peacock ist ein Gerichtskrimi bei dem die Aktion im Gericht nicht die Hauptrolle spielt, statt dessen steht die Person des gefallenen Anwalts Joel Deveraux, der einst bei einer der großen Kanzleien New Yorks war, nun aber als Pflichtverteidiger arbeitet, eine große Rolle. Die Darstellung der Arbeit im Gericht ist sehr zurückhaltend; all diejenigen, die dem Subgenre die Stilisierung einer juristischen Welt vorhalten, die es so nicht gibt, werden zufrieden mit dem Kopf nicken. Peacock, selber erfahrener Anwalt, scheint sich an die Fakten des Verfahrensprozedere zu halten. Insgesamt kein schlechtes Buch, klug durchdacht und eigenständig.

Drei Bücher ragen heraus: The Kind One und Sweetsmoke sind beides Bücher von hoher literarischer Qualität, die wunderbar atmosphärisch sind. Ein wenig stärker vielleicht, jedoch im Stil sicher ganz anders ist Calumet City, das deutlich härter und moderner auftritt, und auch sprachlich sehr hohe Qualität bietet.

bernd

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Am 30. April werden die Gewinner der Edgar Awards bekannt gegeben. Es wird also langsam Zeit die Kandidaten in den drei großen Kategorien unter die Lupe zu nehmen.

Wie die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt haben, ist es schwierig die Gewinner zu tippen. Der Edgar scheint ein wenig anders als die anderen US-Krimipreise zu funktionieren und in manchen Jahren haben es „literarische“ Krimis besonders leicht, in manchen aber auch nicht.

Den Anfang macht dieses Jahr die Kategorie „Best Paperback Original“. Dieses Jahr waren in der Kategorie folgende Bücher nominiert:

Die Taschbuchkategorie hat in den letzten Jahren häufig interessante und ungewöhnliche Bücher präsentiert. Im letzten Jahr gab es eine starke Liste, die Liste dieses Jahr bewegt sich auf einem ähnlichen Niveau und bietet Bücher, die recht unterschiedliche Stile und Subgenres vertreten.

The Cold Spot von Tom Piccirilli repräsentiert am ehesten den klassischen US-amerikanischen Krimi. Die Geschichte des Rachefeldzuges eines Fluchtautofahrers („Wheelman“) ist schlank, trocken, ohne anzugeben erzählt. Ebenso wie die Idee zur Geschichte wirkt diese Darstellung wie aus den fünfziger Jahren. Dabei zeigen Wortwahl und die Art und Weise wie der Protagonist charakterisiert wird, dass es ein zeitgenössisches Buch ist. The Cold Spot gelingt es vortrefflich, die schwierige Balance zwischen klassischer Darstellung und Modernität zu wahren.

Fast ebenso klassisch, aber eben mit dem Dreh einen Hardboiled mit einer weiblicher Heldin zu besetzen, ist Christa Fausts Money Shot. Eine alternde Ex-Pornodiva will Rache nehmen und gerät ins finstere Herz des Milieus. Es ist eine gradlinige Handlung, mitunter mit Twists, die aber nicht besonders zwingend wirken, in einer einfachen Sprache geschrieben, welche die Geschichte angemessen transportiert, die aber ohne eigenen Reiz ist.

Enemy Combatant ist formal ein Gerichtsthriller und beginnt auch so. Voller Tricks und Action und mit enormen Drive erzählt das Buch eine Geschichte bei der die Finten und Strategien vor Gericht keine Rolle spielen, die private Seite des Helden dagegen schon. Ein Anwalt stolpert in die Verteidigung eines Terrorverdächtigen und hat plötzlich Gegner gegen sich, die diesen mit aller Gewalt verurteilt sehen wollen. Gaffney inszeniert in in diesem Buch nichts anderes als den Kampf des all-American Boy gegen Bushs Reich der demokratischen Unkultur, das versucht Guantanamo nach Phönix zu holen. Alleine das Ende wirkt etwas pathetisch und ein wenig wie ein Fremdkörper.

Ebenfalls den modernen Thriller repräsentiert China Lake von Meg Gardiner, welches den Kampf einer Autorin gegen eine langsam außer Rand und Band geratende religiöse Sekte zeigt, die an den Untergang der Zivilisation glaubt, auch wenn man diesem möglicherweise auf die Sprünge helfen muss. Es ist ein sehr gut geschriebener, extrem spannender Thriller, wenn auch in meinen Augen am Ende schon ein recht großes Fass aufgemacht wird. Diese maligne Präsenz der Sekte, insbesondere des Predigers, die Aura die er ausstrahlt, Gardiner bringt das absolut glaubwürdig rüber. Zudem, als besonderer Glücksfall, schreibt sie gut, mit Anspielungen, Witz, Sprachgefühl und dem gewissen Etwas, das sie auch in dieser Disziplin aus der Masse der Thrillerautoren heraushebt.

The Prince of Bagram Prison ist die Geschichte eines jungen islamischen Spitzels, der auf der Flucht ist und von diversen US-amerikanischen Diensten gesucht wird. Es ist eine sparsam erzählte, komplex aufgebaute Geschichte. Jenny Siler/Alex Carr bedient sich einer Vielzahl von Perspektiven, aus der Gegenwart ebenso wie aus der Vergangenheit. Dabei hat sie ein feines Auge für die kleinen Details und für Charaktere und schafft es eine üppige Geschichte auf knappe 280 Seiten unterzubringen.

Für mich persönlich fällt Money Shot im Kreis der Kandidaten ein wenig ab, Enemy Combatant ist ein gutes Buch, aber die verbleibenden drei sind einfach stärker. China Lake wäre ein würdiger Gewinner, The Cold Spot erst recht. Beim besten der Bücher, The Prince of Bagram Prison fürchte ich eine wenig, dass viele Leser die gewisse Mühe scheuen, die sie in das Buch investieren müssen.

bernd

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sweetsmoke-hc-cHistorische Krimi stehen gern ‚mal im Ruf ein wenig altbacken und behäbig zu sein. Dabei gibt es. wie die Listen der Preise für historische Krimis wie CWA Ellis Peters Historical Dagger, Bruce Alexander Memorial Historical Mystery und Herodotus Award zeigen einige gute Vertreter des Subgenres. Sweetsmoke, der Erstling von David Fuller ist ein weiterer Krimi, der historische Atmosphäre, Sorgfalt und literarische Qualität verbindet.

Sweetsmoke ist der Name einer Farm in Virginia, 1862, mitten im amerikanischen Bürgerkrieg. Ein Sohn der Farm ist schon im Krieg gefallen, der andere ist im Einsatz. Ständig zieht der Quartiermeister des Heeres der Südstaaten durch die Gegend um Verpflegung und sonstige nützliche Utensilien zu requirieren.

Cassisus ist einer der Sklaven der Farm, allerdings hat er Glück, anders als die meisten anderen Männer ist er nicht auf den Tabakfeldern unter der strengen Aufsicht von  Aufseher und Treiber, sondern sein Herr hat ihn als Schreiner ausbilden lassen und er kann relativ frei seinem Tagwerk nachgehen.

Mit seinem Herren verbindet ihn eine eigentümliche Beziehung. Früher waren sie, man könnte fast sagen, befreundet, dann kam eine Frau in ihr Leben. Cassius heiratete sie, aber das Kind das sie bekam war weiß. Die Herrin verkaufte es, Cassius Frau beging Selbstmord und Cassius selber versuchte (natürlich vergeblich) zu flüchteten, Emoline eine freie Schwarze päppelte ihn wieder auf.

Nun wird sie tot aufgefunden, erschlagen und Cassius will unbedingt Rache nehmen. Gar nicht so leicht für einen Schwarzen, der sich außerhalb der Farm nur mit einem Pass aufhalten darf, den der Herr ausgestellt hat und der schon gehängt werden kann, wenn er nur in der Nähe einer weißen Frau gesehen wird.

Man könnte daraus einen fetzigen Thriller machen. Dieses ist Sweetsmoke allerdings überhaupt nicht, zumindest lange Zeit nicht und dann auch anders als erwartet. Bedächtig, introspektiv und nachsinnend erzählt Cassius seine Geschichte, selten nur wechselt die Darstellung kurz in die dritte Person zu einer anderen Person.

Cassius ist schlauer als erlaubt. Er kann sogar lesen, etwas, das schwer bestraft werden kann, wenn es ‚raus kommt (1). Er steht etwas außerhalb der Gesellschaft und wird von den anderen Sklaven misstrauisch beobachtet, dieses erlaubt es ihm aber auch seine Umgebung sehr genau zu beobachten. So lebt dann das Buch insbesondere von diesen Beobachtungen, die sich zu einer beeindruckenden, atmosphärisch überzeugenden Darstellung der Südstaatengesellschaft und ihrer Sklavenhaltung zusammenfindet.

Auch wenn die große moralische Stoßrichtung des Buches klar ist, diese Gesellschaft ist nicht nur schwarz-weiß gezeichnet, sonders es finden sich immer wieder genug Zwischentöne, etwas das durchaus mit der Realität zu korrespondieren scheint, denn wenn man ein wenig nachliest, findet man, dass nicht alle Fragen historisch so klar und eindeutig sind, wie man meinen könnte.

Am Schluss sind wir dann mitten im Bürgerkrieg der Weißen. Cassius bewegt sich dort wie ein unsichtbarer Mann zwischen den Fronten, aber was er dort beobachtet, beeindruckt in sprachlicher wie inhaltlicher Sicht. Bei all der Zurückhaltung, die Fuller sich auferlegte, hier lässt er direkt die Sau rau, und zeigt uns einen richtig widerlichen Krieg.

Sweetsmoke ist ein Buch, welches langsam beginnt und zackig endet. Es ist klug aufgebaut, lebt von den Wahrnehmungen seines Protagonisten und kann als Geheimfavorit für den Edgar gelten.

bernd

(1) Das ist mittlerweile eine Fähigkeit, die nur wenige Autoren weglassen, auch Walter Mosleys Easy Rawlings ist ja literarisch gebildet.

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sinsoftheassassinMit Sins of the Assassin, dem zweiten Buch der Assassin Trilogie entwickelt Ferrigno diese Serie weiter und wagt sich in neue Bereiche vor. Das erste Buch, Prayers for the Assassin gab den Rahmen der weiteren Bücher vor, präsentierte die Figuren, führte den grundsätzlichen Konflikt zwischen Gut und Böse ein und zeigte die USA 2040 als ein geteiltes Land. Sins of the Assassin baut darauf aus und wartet mit einer deutlich üppigeren Handlung auf.

Rakkim Epps, die Hauptfigur des ersten Buches ist Schattenkrieger, also jemand der sich in einem feindlichen Land aufhalten kann ohne dort aufzufallen. Er wird in den Bible Belt geschickt, dem zweiten Staat, der auf dem Boden der ehemaligen USA entstanden ist und welcher der Islamischen Republik Rakkims feindlich gesonnen ist, auch wenn es seit fast dreißig Jahren einen Waffenstillstand zwischen den beiden Staaten gibt.

Eigenartige Dinge scheinen sich dort in der Bergbaugebieten Tennessees zu ereignen, einer der Provinzfürsten sucht nach Überlassenschaften des alten Regimes. Einige Leute in der Islamischen Republik wissen anscheinend mehr und reagieren erheblich nervös. Rakkim soll das Land infiltrieren, herausfinden, was es mit der Arbeit in den Minen Tennessees auf sich hat und ggf. das fragliche Objekt an sich bringen. Er reist nun allerdings nicht allein, sondern hat Leo, einen Hightech-Nerd bei sich, einer der kaum den Kindesbeinen entwachsen ist und dessen natürliche mathematische Intelligenz durch Implantate verstärkt wurde.

Der Bible Belt ist im Konzert der Weltmächte ebenso zurückgefallen wie die Islamische Republik. Es ist ein im Grunde armes Land, in dem zum Teil archaische Gebräuche bestehen und und in dem Warlord herrschen, die tun und lassen was sie wollen, zumeist im obskuren Namen Gottes. Eigenartige Dinge erleben Rakkim und Leo dort,  nicht nur schlichtweg gefährliche sondern überdrehte, die Ferrigno in impressionistische Szenen präsentiert. Es ist aber auch – und das unterscheidet dieses Buch vom Vorgänger – eine Welt, der man ansieht, dass sie in die Klimakatastrophe ‚reinschlittert und das wird nun gar nicht sensationell aufgeplustert, sondern kommt nüchtern über viele kleine Konsequenzen zum Vorschein.

Dieses Buch ist ein ganzer Stilmix.  Spionagekrimi, Hightechthriller, Zukunftswarnung, ein wenig Horror. Sins of the Assassin ist vieles, nur nicht langweilig. Im Vergleich zum Vorgänger wagt Ferrigno mehr. Die von ihm geschaffene Welt hat er im Griff: Das Buch liest sich abwechlungsreich, hat Tempowechsel und besitzt auch tragische Seiten. Dabei verfügt es über Szenen, die wunderbar aus dem Rahmen fallen, schreibt die Figuren und Geschichten nicht einfach fort, sondern baut einige üblichen Kniffe und Tricks ein um den Leser zu überraschen und neugierig zu machen auf den dritten Band.

Diese fremde Welt wird so manchen irritieren, dabei ist der Blick für die heutige Realitäten immer wieder zu spüren. Chancen auf den Edgar Gewinn würde ich dem Buch einräumen.

bernd

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