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Archive for the ‘Irländische Krimis’ Category

Joni Mitchell – The Magdalene Laundries

Aus gegebenen Anlass und in Vorbereitung des morgigen Beitrags.

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Tobias Gohlis moniert, dass irische Krimis zu wenig politisch seien:

Zum Beispiel das Irische: gleich, ob man Benjamin Black nimmt, Declan Hughes oder jetzt Tana French, drei ganz unterschiedliche Temperamente – auffällig ist, dass von den politischen Ereignissen, die Irland jahrelang erschüttert haben, kaum die Rede ist, alles dreht sich um Familiengeschichten, ganz unpolitisch, ganz in der persönlichen Erinnerung verankert, lange vergangen.

So viel mehr Autoren sind da auch gar nicht übersetzt, aber der gesamte Text bei Arte klingt ein wenig sehr nach pars pro toto. Das sind ja nun drei Behauptungen in einem: Die Bücher der genannten Autoren seien unpolitisch (1), der irische Krimi sei unpolitisch (2) und der irische Krimi nähme nicht Bezug auf die politischen Ereignissen, die Irland jahrelang erschüttert haben“ (3). Ich vermute ‚mal, dass mit diesen „Ereignissen“ der Nordirlandkonflikt gemeint ist.

Da der erste Punkt schon nicht ganz richtig ist, liest sich das dann so, als wenn alle Romane die nicht auf den Nordirlandkonflikt (oder wie Declan Burke schreibt: „of the 30-year conflict that involved the Provisional IRA, the INLA, the British Army, the RUC (latterly the PSNI), the Gardai, and more Loyalist paramilitary armies than you could shake a cat-o’-nine-tails at ) Bezug nehmen, unpolitisch seien. Diese Beziehung hielte ich für verkehrt (ich weiß auch nicht ob Gohlis sie beabsichtigt hat), zumal nicht jede Region Irlands in innigen Kontakt zum Konflikt stand oder steht.

Declan Burke zumindest ist etwas überrascht und nimmt Stellung. Vorausschicken muss man, dass der größere Teil der durchaus aktiven irischen Krimiautorengemeinde nicht ins Deutsche übersetzt ist, eine verallgemeinernde Aussage ist aber nur natürlich möglich, wenn man auch die nicht übersetzten Bücher berücksichtigt.

Zum Punkt, dass irische Autoren auf die Ereignisse keinen Bezug nehmen, bringt Burke einige Gegenbeispiele (hätte aber mehr in Petto):

  • Adrian McKintys Michael Forsythe ist ein ehemaliger britischer Soldat, der in THE DEAD YARD undercover verräterische Republikaner ausräuchert und In THE BLOOMSDAY DEAD hat er bei seiner Rückkehr nach Belfast Kontakt mit und eliminiert eine Vielzahl von Paramilitärs.
  • Sylvester Youngs SLEEPING DOGS LIE handelt von einem ex-IRA Mann der in die USA reist.
  • Ähnlich Ken Bruens AMERICAN SKIN.
  • In Declan Burkes EIGHT BALL BOOGIE, gehen ehemalige Paramilitärs neuen Beschäftigungen nach, insbesondere dem Kokainschmuggel.
  • In David Parks THE TRUTH COMMISSIONER werden ehemalige Paramilitärs und ehemalige RUC Offiziere für frühere Taten zur Verantwortung gezogen.
  • Colin Bateman lebt und schreibt in und über Nordirland.
  • Ebenso Sam Millar.
  • Und letztlich schreiben Autoren wie Peter Cunningham, Jack Holland and S.J. Michaels über das Thema seit den späten ’80zigern und frühen ’90zigern.

Also, der irische Krimi, können wir folgern, beschäftigt sich durchaus mit den Ereignissen. Es ist lediglich so, dass entsprechende Bücher nicht ins Deutsche übertragen werden, aber dafür kann ja nun keiner ‚was – außer den Verlagen.

Ist denn nun jeder Roman der sich nicht mit den Ereignissen beschäftigt unpolitisch ? Ist jeder, stellt ein Kommentator bei Declan die Frage, italienische Roman unpolitisch, er sich nicht mit der Mafia beschäftigt ? Wohl kaum, eine Zivilgesellschaft darf sich kaum so in „Geiselhaft“ nehmen lassen.

Bleibt also die Frage, ob den die von Tobias Gohlis genannten Autoren und deren Bücher, wie von ihm behauptet, apolitisch seien und lediglich in längst vergangenen, familiär gefühligen Zeiten verweilen ? Hierzu muss man ein wenig wissen, woher Irland kommt und wohin es geht – from being to becoming gewissermaßen. Die Abstimmung zur EU-Verfassung hatte es ja wieder in unser Bewusstsein gebracht. Irland, auch celtic tiger genannt, ist ökonomisch in den letzten 10 bis 15 Jahren explodiert und eines der ehedem ärmsten Länder der EU ist mittlerweile eines der reichsten Länder. Dieser Prozess führte natürlich auch zu beträchtlichen gesellschaftlichen Verwerfungen.

Zu Tana French Grabesgrün hatte ich schon geschrieben, dass es die drohende Zerstörung einer alten heidnischen Kultstätte thematisiert, an deren Stelle eine Autobahn gebaut werden soll. Sicher ist es nicht das Hauptthema, aber doch ein prominenter Nebenstrang. Declan Burke schreibt dazu:

In Ireland, many such developments are highly controversial and politically charged, the most obvious example being that of the M3 motorway, currently planned to run through the Tara Valley (right), an archaeological complex dating back to 2,000 BC.

Und er weist darauf hin, dass auch das Thema der Korruption von French aufgegriffen wird.

In den 50er und 60er Jahren war das Land in einem Ausmaß, welches uns kaum vorstellbar erscheint, durch die katholische Kirche dominiert. Ken Bruen verweist zum Beispiel auf die Magdalen Martyrs (Musikkennern ist „The Magdalene Laundries“ von Joni Mitchell, vom Album „Turbulent Indigo“ bekannt). In dieser Zeit spielt auch Benjamin Blacks Nicht frei von Sünde und beschreibt eindrücklich die Allmacht der katholischen „Bruderschaften“. Angesichts der Stellung der katholischen Kirche im heutigen Irland, wäre also unpolitisch für das Buch der falsche Begriff.

Declan Hughes dagegen zeigt anhand eines aus den USA zurückkehrenden Irens in Blut von meinem Blut mit welcher Kraft der celtic tiger wütet und die Gesellschaft umkrempelt.

Das letzte Wort jedoch soll Adrian McKinty gehören, einem aus Nordirland (NI) stammenden Autoren, der mittlerweile in den USA lebt:

Cant speak for the rest of NI never mind Ireland but where I’m from Carrick/North Belfast you can’t run a business without dealing with certain people who enjoy wearing ski wear in the summer. These people dont like to see themselves put down in print or TV and that has a certain chilling effect. I’m not back in Ulster that often but me and my family have had unpleasant ‚dealings‘ with these people several times in the last couple of years that has unsettled us. It can make you think twice.

bernd

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Dreimal nimmt Bruen Bezug auf Jonny Cashs Hurt.

Kein Wunder, wenn man sich den Text der ersten Strophe ansieht:

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that’s real
The needle tears a hole
The old familiar sting
Try to kill it all away
But I remember everything

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So versuchte mich eine Anzeige von der Krimicouch wegzulocken. Wer mochte das sein ? Welcher irische Krimiautor kam in Frage ?

John Connolly ? Dazu passte die im Pseudofantasy-Stil gehaltene Anzeige nicht. Also bin ich schwach geworden und habe hingeklickt … Random House: Patrick Dunne ? Wer ist denn das ?

Irischer „King of Crime“ ? Schauen wir also ‚mal nach. Gibt es doch Declan Burke und seinen Blog Crime Always Pays welcher der irischen Krimikultur gewidmet ist.

Seine Blogroll ist was irische Autoren betrifft ziemlich vollständig. Patrick Dunne ? Nada. Als nächstes ein Blick in Burkes Beiträge; den Blog einfach mit dem Namen abgesucht. Patrick Dunne ? Kein einziger Eintrag. Zum Vergleich: Ken Bruen, Tana French, Declan Hughes, Benjamin Black, Eoin Colfer. Die Suchergebnisse mit den Berichten, Hinweisen und Informationen die Burke zu den einzelnen Autoren zusammengesammelt hat, nehmen kein Ende – selbst Colfer, hoch respektiert, aber sicher nicht der Hardcore-Krimiautor.

Auch bei Critical Mick , einer anderen Seite, die sich intensiv mit irischen Krimis beschäftigt ist es nicht besser. Patrick Dunne ? Niente.

Also zur englischen Wikipedia. Dort nach Patrick Dunne gesucht und tatsächlich: Ein Eintrag. Patrick Pat Dunne, … irischer Fußballspieler.

Fündig wird man bei der Literaturemap, bei der graphisch dargestellt ist, wie weit Autoren Leser teilen. Je enger die Namen von Autoren beieinander stehen, desto höher der Anteil von Lesern des ersten Autors (hier Patrick Dunne), die auch den zweiten lesen. Bei Patrick Dunne sind jedoch nur zwei weitere Namen angegeben, spricht gegen eine größere Rezeption dieses Autors. Aber wir lernen, dass Dunneleser auch gerne Mo Hayder lesen.

Letzte Möglichkeit: Google. Die englischsprachigen Seiten mit „‚Patrick Dunne‘ writer“ abgesucht. Dabei 1810 Einträge gefunden – nicht alle beziehen sich auf den Patrick Dunne.

Zum Vergleich: „‚Ken Bruen‘ writer“ ergibt 16300 Einträge, „‚Tana French‘ writer“ ergibt 8620 und „‚Declan Hughes‘ writer“ ergibt 2210 Einträge.

Sie haben wohl bei Random House vergessen „unentdeckte“ hinzuzufügen.

bernd

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o_over.jpgBei der “Reise nach Jerusalem” hätte The Big O keine Chance: Das Buch fällt zwischen alle Stühle. Es ist kein Humor-Krimi, sondern eher unterschwellig komisch, es protzt nicht mit Lokalkolorit, spielt dennoch erkennbar in Irland, es ist kein echter Thriller, verwendet jedoch diese Form und es ist kein noir, geht aber in die Richtung … Wüsste man es nicht schon aufgrund regelmäßiger Lektüre des Blogs Crime Always Pays, dessen Hüter Declan Burke ist, spätestens nach The Big O wäre einem klar, dass hier ein eminent belesener Autor am Werk war, der sich über die Erscheinungsformen des Genres viele Gedanken gemacht hat.

Ausnahmsweise ist es einigermaßen schwierig, das Buch zusammenzufassen. Zu leicht könnte es passieren, dass liebevoll vom Autor ausgelegte Finten verraten werden. Dabei ist die dem Buch zugrunde liegende Idee einfach. Zumeist einzelne Szenen werden in kurzen Kapitel aus der Sicht wechselnder Personen erzählt. Gelegentlich wird eine Szene von einer Person zur nächsten übergeben, so dass der Leser zwei (häufig unterschiedliche) Darstellungen erhält. Sind es am Anfang einzelne Handlungsfäden, die der Autor auslegt, werden diese im Laufe der Geschichte miteinander verflochten und wieder verflochten bis ein kaum noch zu überblickendes Beziehungsgeflecht entstanden ist. Unbarmherzig treibt Burke die Geschichte voran. Immer neue Abhängigkeiten zwischen den Handelnden treten auf und ständig kommt es anders, als man erwartet.

Insgesamt sind es 6 Haupt- und einigen Nebenpersonen, die vor einer Kulisse auftreten, die überall sein könnte – das Buch schreit förmlich danach, als Theaterstücks aufgeführt zu werden. Typisch irisch ist hier insbesondere die Sprache, welche die Menschen sprechen und so nimmt es auch kein Wunder, dass die Dialoge einen wesentlichen Teil der Handlung tragen.

The Big O macht Spaß: Der Humor kommt von hinten, ohne dass Lacher aus der Konserve ankündigen, dass ein Scherz kommt. Die Personen sind kräftig aber stets stimmig gezeichnet. Die besondere Situation Irland als „celtic tiger“ ist Teil des Backgrounds und spannend ist das Buch allemal. Auch wenn der Leser ab einem gewissen Punkt ahnen kann, wohin das Ganze führen wird, fragt man sich bei all den Verwicklungen, wie der Autor das würdevoll zu Ende bringen will.

Das Buch überzeugt (mit dem würdevollen Ende und) auch deshalb, weil es schlichtweg eigenständig ist. Hier riskiert jemand was … und gewinnt. Das im Selbstverlag bei Hag’s Head Press erschienene Buch wird im Herbst in den USA bei einem der großen Verlage ‚rauskommen. Vorbei dann die Zeiten, wo der Autor davon berichten kann, dass das Buch bei Amazon für 195,36 US $ ausgelobt wird.

bernd

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