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Archive for 27. April 2009

Nachdem letzten Freitag die Kandidaten in der Kategorie „Bestes Taschenbuch“ dran waren, folgen jetzt diejenigen in der Kategorie „Bester Erstling eines US-amerikanischen Autors“. Dieses Jahr waren hier folgende Bücher nominiert:

Ähnlich wie letztes Jahr, ist dieses wieder die einzige Kategorie, in der jedes einzelne Buch überzeugt und (mit kleinen Anstrichen) den Sieg verdient hätte.

The Kind One von Tom Epperson erzählt eine Geschichte aus dem Gangstermilieu der 30er Jahre in Los Angeles. „Two Gun Danny“ ist ein aufstrebendes, hoffnungsvolles Mitglied des Milieus, aber er hat ein Problem: Er hat keine Vergangenheit, zumindest keine an die er sich erinnern kann. Vor einem Jahr wurde er zusammengeschlagen und hat alles vergessen, was er davor erlebt hatte. Aber er hat ein Gewissen: Als ein Mädchen und eine Frau aus dem Milieu seiner Hilfe bedürfen, erhalten sie diese, auch wenn Danny sich mit Gott und der Welt anlegen muss. Epperson erzählt das in einer Art und Weise, die zu der Zeit der 30er Jahre passt. Mit einfachen Worten und Sätzen, sehr zurückhaltend und ohne groß anzugeben, erzählt Danny was er erlebt und denkt. Das Buch wirkt sehr literarisch, sehr durchdacht, dabei weiß der Autor, was er dem Genre schuldet und so wartet die Geschichte immer wieder mit kleineren und größeren Überraschungen auf.

Noch weiter zurück liegt die Geschichte die Sweetsmoke von David Fuller erzählt. Cassius ist schwarzer Sklave auf einer Farm zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. Als eine ehemalige Sklavin, die ihn einst rettete, ermordet aufgefunden wird, will er den Täter finden und Rache nehmen. Gar nicht so leicht für einen Schwarzen, der sich außerhalb der Farm nur mit einem Pass aufhalten darf, den der Herr ausgestellt hat und der schon gehängt werden kann, wenn er nur in der Nähe einer weißen Frau gesehen wird. Sweetsmoke ist ein atmosphärisch reiches Buch, klug aufgebaut, welches von den Beobachtungen seines Protagonisten lebt, der seine Welt aufmerksam studiert. Es endet, sprachlich wie inhaltlich fulminant im Bürgerkrieg der Weißen, in dem Cassius sich wie ein unsichtbarer Mann zwischen den Fronten bewegt.

Die Geschichte, die The Foreigner von Francie Lin erzählt, spielt nicht in der Vergangenheit, sondern auf Taiwan. Nach dem Tod seiner Mutter muss Emerson, ein taiwanstämmiger US-Amerikaner, nun 40 Jahre alt, selber zurecht kommen. Als erste Aufgabe des „neuen“ Lebens muss er den einst verschwundenen Bruder ausfindig zu machen und ihm das Vermächtnis der Mutter übergeben. Also macht er sich auf nach Taiwan und erlebt dort eine Welt, die so ganz anders ist, als die Welt die er kennt. Von Anfang an zieht die Sprache des Buches in seinen Bann, so literarisch, niveauvoll, umsichtig und gekonnt findet man es selten. Emerson selber erzählt uns die Ereignisse und so erleben wir, wie er an die Käfigstäbe seiner Werte stößt und versucht seine selbst gesteckte Aufgabe zu lösen. Er ist natürlich ein wenig naiv und kann Personen, mit anderen Wertesystemen nicht richtig lesen, aber er hat ein großes Herz. Die Autorin erzeugt gekonnt eine leicht unheimlich, bedrohlich wirkende Atmosphäre in einem Land, das weniger fremdartig wirkt als dessen Menschen, aber der ultimative Thrill will sich trotz entsprechender Bemühungen der Autorin nicht recht einstellt.

Patti Black ist Polizistin in Calumet City. Seit Jahren versucht sie mit ihrer Vergangenheit umzugehen und die Dämonen der Erinnerung in Schach zu halten. Die Gespenster in ihrem Kopf  beginnen zu singen und zu tanzen, als nach einer Polizeiaktion die Leiche ihrer Pflegemutter gefunden wird. Der Wahn nimmt noch etwas zu, als eine ihr nahe stehende Person bedroht wird. Ihr Antrieb, ihr Anker in diesem Chaos in ihrem Kopf ist die Gewalt. Dieses Buch sollte man nur mit Handschuhen lesen, die Seiten sind so voll mit Adrenalin, angst, Wut und Zorn, dass einem ansonsten die Hände weggeätzt werden. Der Anfang des Buches machte jedoch ein anderes Versprechen. Hier scheint eine Sprache auf, so knapp und doch streetlike poetisch, dass man aufhorcht. Und das schönste ist, das Buch löst dieses Versprechen ein.

A Cure for Night von Justin Peacock ist ein Gerichtskrimi bei dem die Aktion im Gericht nicht die Hauptrolle spielt, statt dessen steht die Person des gefallenen Anwalts Joel Deveraux, der einst bei einer der großen Kanzleien New Yorks war, nun aber als Pflichtverteidiger arbeitet, eine große Rolle. Die Darstellung der Arbeit im Gericht ist sehr zurückhaltend; all diejenigen, die dem Subgenre die Stilisierung einer juristischen Welt vorhalten, die es so nicht gibt, werden zufrieden mit dem Kopf nicken. Peacock, selber erfahrener Anwalt, scheint sich an die Fakten des Verfahrensprozedere zu halten. Insgesamt kein schlechtes Buch, klug durchdacht und eigenständig.

Drei Bücher ragen heraus: The Kind One und Sweetsmoke sind beides Bücher von hoher literarischer Qualität, die wunderbar atmosphärisch sind. Ein wenig stärker vielleicht, jedoch im Stil sicher ganz anders ist Calumet City, das deutlich härter und moderner auftritt, und auch sprachlich sehr hohe Qualität bietet.

bernd

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