Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 9. April 2009

(Deutsch: Portugiesische Eröffnung)

accidental-americanMöglicherweise hat Jenny Siler recht. Wär‘ sie ein Mann, dann wäre sie vermutlich schon als eine der großen neuen Hoffnungen des Spionagekrimis bezeichnet worden. So jedoch liest man im englischsprachigen Raum relativ wenig über sie, in Deutschland erfuhr sie immerhin noch das Lob der Krimiwelt-Bestenliste.

Aber, unabhängig davon, ob man jetzt regelmäßiger Leser von Büchern des des Subgenres ist, oder diese lieber meidet, Jenny Siler aka Alex Carr lohnt sich zu lesen. Ich kann natürlich nicht garantieren, dass ihre Bücher am Ende gefallen, aber es sind auf jeden Fall eigenständige Bücher auf hohem Niveau.

Nicole lebt einsam und abgeschieden in den Pyrenäen, dorthin hatte sie sich zurückgezogen, nachdem sie sechs Jahren im Frauengefängnis verbrachte. Der einzige Kontakt mit der Außenwelt sind gelegentliche Aufträge zum Fälschen von Dokumenten, die ihr Einkommen aufbessern.

Ihre Ruhe wird jäh gestört, als John Valsamis, der sich als Mitarbeiter eines US-amerikanischen Dienstes ausweist, sie aufstöbert und von ihr verlangt, sie solle nach Rahim, ihrem früheren Geliebten suchen, der hielte sich in Lissabon auf und hätte Verbindungen in höchste irakische Kreise. Nicht, das sie möchte, aber Valsamis schafft es sie zu ködern.

Es ist die Zeit kurz vor der unseligen Rede des damaligen US-amerikanischen Außenministers Colin Powell vor der UN. Carr erzählt allerdings mehr als eine Randnotiz zu diesem historischen Ereignis, eher schon könnte man das Buch als Kommentar zum gesamten Wirken der USA in dieser Region deuten.

Geschickt und relativ zwanglos verbindet Carr verschiedene Erzählstränge, Nicole selber stammt aus einer wohlhabenden libanesischen Familien, hatte das Land aber noch in ihrer Kindheit verlassen. Einen kleinen intimen Eindruck vom Abstieg ins Chaos, den dieses Land durchmachte, bekommt der Leser durchaus mit. Mit Rahim war sie während der ersten Invasion Iraks durch die USA zusammen und irgendwie war die Invasion auch Mitschuld an dem Ende der Beziehung.

Terroristen, Geheimdienstmitarbeiter und Personen, die verfolgt werden: Carr erzählt aus einer Vielzahl von Perspektiven und mit häufigen Rückblenden. Dabei hält sie die Darstellung ungewöhnlich knapp, was durchaus einen Teil des Charmes des Buches ausmacht. Es gelingt Carr ohne Weiteres auf den knapp 220 Seiten des Buches eine reiche Geschichte zu entwickeln, die am Ende zu einem raffinierten Schluss geführt wird, der viele der Stränge befriedigend zusammenbringt.

Eine andere Stärke der Autorin sind ihre Figuren, die, bei aller Kürze, profilierter gezeichnet sind, als es sonst üblich ist in Spionagekrimis. Das geht soweit, dass in weiten Abschnitten des Buches die Spionagegeschichte mit dem üblichen Lügen und Gegenlügen, Anspielungen, Tarnen und Täuschen fast ein wenig zurücktritt.

Spannend, klug, raffiniert, psychologisch: The Accidental American ist ein ausgesprochen gelungenes Buch, das eine große Leserschaft verdiente.

bernd

Read Full Post »