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Archive for 26. März 2009

Fünfzig Jahre ist es her, dass C.P. Snow sich darüber ausließ, dass es zwischen den Vertretern von Naturwissenschaft und Technik auf der einen Seite und Geisteswissenschaften und Literatur auf der anderen Seite eine kaum zu überwindende Mauer gäbe. Damals war es so, dass Snow über Geisteswissenschaftler überrascht war, die mit ihrem nicht-Wissen über den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik prahlten. Heutzutage, in unserer auf Zweckmäßigkeit und Verwertbarkeit ausgerichteten Universitätslandschaft sind diese Leute zwar eher marginalisiert, d.h. die Studentenzahlen gehen zurück (zumindest in den USA), Gelder fehlen, Institute werden geschlossen, dass aber Snows Vorstellungen zum Teil immer noch Gültigkeit besitzen, demonstriert auf erschütternde Art und Weise der „Heidelberger Appell für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte„.

Den Text dieses Appells kann man – > hier nachlesen, seine Entstehungsgeschichte -> hier, im Perlentaucher – ich kann nur empfehlen, sich damit auseinander zu setzen, denn die Absicht, die der „Heidelberger Appell“ verfolgt, ist gefährlich. Sollte er auch nur einen gewissen Erfolg haben, würde die Transparenz der wissenschaftlichen Welt Schaden erleiden (zumindest im Bereich der nicht marginalisierten technischen Fächer und Naturwissenschaften – aber von diesen haben die Unterzeichnung ja wohl wenig Ahnung).

Was den Appell umtreibt, ist das Vorgehen von Google. Dort scannt man dreisterdings die Bücher dieser Welt ein und verwertet diese, sofern ein Rechteinhaber nicht widerspricht. Keine Frage, das ist nicht Ok, wie man dagegen vorgehen kann (und ob man es sollte), davon habe ich keine Ahnung. Was der Initiator des Appells (seines Zeichens Literaturwissenschaftler) allerdings mit abschaffen will, ist der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen. Dass seine Annahmen und Vorstellungen verkehrt sind, wird nicht nur bei der Lektüre des Perlentauchers, sondern auch der Leserbriefe der FAZ und der TAZ deutlich: Der Mann hat schlichtweg keine Ahnung.

Tatsache ist, dass wissenschaftliche Publikationen eines gewissen Qualitätsniveaus dem Publizierenden (und damit seiner Hochschule) viel Geld kosten; Rechte an der Nutzen der Artikel hat er keine. Ebenso viel Geld kostet es, diese Artikel anschließend zu lesen.

Zwei Beispiel aus meinem eigenen Bereich können vielleicht zeigen, dass es dabei nicht nur um die hohe Wissenschaft, sondern häufig auch um ihre Anwendung im „Feld“ geht. Wir sind ein kleineres mikrobiologisches Labor und erhalten Untersuchungsgut von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern. Wir identifizieren die Keime, die in diesen Proben vorhanden sind und bestimmen deren Empfindlichkeit gegen Antibiotika. Wie ja auch immer wieder in den Zeitungen zu lesen ist, ändern sich die Ansprechbarkeit der Keime auf Antibiotika im Laufe der Jahre dahingehend, dass deren Resistenz zunimmt, es gibt also weniger verfügbare Medikamente, und diese sind dann zumeist teurer und nebenwirkungsreicher. Ganz gelegentlich kommen nun neuere Medikamente auf den Markt oder andere Behandlungsstrategien werden ausprobiert. Man erhält natürlich „Informationen“ zu diesen auch von der Pharmaindustrie, aber es ist doch sinnvoll gelegentlich Primärdaten selber und genau zu studieren. Ein anderes Beispiel sind neue Methoden, die gelegentlich notwendig sind, um neue Erreger oder spezielle Subtypen zu identifizieren. Eine Möglichkeit liegt im Einsatz der PCR, diese ist ein modernes molekularbiologisches Werkzeug, welches sensitiv und spezifisch ist. Auch hier muss man auf Arbeiten zurückgreifen und braucht Zugriff auf die genauen Genomsequenzen.

Hilfreich ist hierbei eine Datenbank namens PubMed in der alle derartigen Arbeiten als Abstracts, also Zusammenfassungen, hinterlegt sind. Häufig sind die Abstracts aber nicht ausreichen und man muss zum Beispiel den Methodenteil genau lesen, hier sind einige Zeitschriften (unter dem Druck von Open Access, oder weil sie in den USA öffentliche Forschungsgelder erhalten) dazu übergegangen die Artikel auch im Internet frei anzubieten. Einzelne Artikel könnte man auch kaufen, aber die Kosten von bis zu 30 € pro Artikel sprengen schnell das Budget eines kleine Labor und werden auch nicht wieder ‚reingespielt – ein einzelner Artikel genügt zumeist nicht, man braucht Querreferenzen.

Tatsache ist nämlich, dass der Markt der Fachzeitschriften von zwei Verlagen dominiert wird, die also beide Seiten, Autoren und Leser beliebig abschöpfen können. Deshalb wurde auch Open Access eingeführt. Die Produzenten (also Wissenschaftler) sollen billiger publizieren können, darin liegt nämlich ihr primäres Interesse und die Leser sollen Zugang zum Wissen haben. Wer das wegen Google unterbinden will, ist naiv und unwissend und fügt der Sache der demokratischen Wissenschaftskultur einen immensen Schaden zu und sorgt dafür, dass nur finanzstarke Großkonzerne (1) einen Zugang zum Wissen haben.

Mit Dank an dpr.

bernd

(1) Zum Beispiel der alten Pseudosozie Michael Naumann, der den Appell mit unterschrieben hat.

Nachtrag: Dass es auch eine Welt jenseits des Tellerrandes gibt, zeigt beindruckend der Bremer Sprachblogger, der seine Sicht der Dinge als Geisteswissenschaftler darlegt und über den Nutzen der Googledigitalisierung schreibt.

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enemycombatantEnemy Combatant ist jetzt schon der zweite Gerichtskrimi der diesjährigen Edgar Saison, ähnlich wie A Cure For Night von Justin Peacock ist auch hier die Handlung im Gericht nur ein Nebenstrom der Handlung des Buches. Das ist so, weil Tom Carpenter, der Anwalt keine Ahnung hat, von dem Fall, den er da vor Gericht vertreten soll.

Der islamistische Terror ist tief im Westen der USA angekommen, über 100 Tote und über 200 Verletzte nach einem Anschlag in Denver sind die Folge. Der Drahtzieher soll nun in Phönix auf der Anklagebank sitzen.

Schon in den ersten Minuten des ersten Verhandlungstages wird klar: Sein Pflichtverteidiger ist eine Nulpe und die Richterin parteiisch. Zumindest Carpenter ist das klar. Da sitzt er noch auf der Tribüne und wohnt dem Spektakel als Zuschauer bei … später findet er sich als Pflichtverteidiger neben dem Angeklagten auf der Anklagebank wieder. Das was er über den Fall weiß, weiß er aus den Medien … nicht gerade beste Voraussetzungen.

Bald schon stellt sich aber heraus: Irgendwas stimmt nicht, Carpenter wird manipuliert, bedroht und muss sich selber seiner Haut erwehren.

Enemy Combatant ist erstmal ein fintenreicher Thriller, der zeitweise als Actionhriller auftritt und einen enormen Drive entwickelt. Gaffney vergießt darüber hinaus aber nie die private Seite des Helden, zahlreiche Erinnerungen bringen uns seine Familie ebenso nahe, wie die Darstellung der Zeit, die er tatsächlich mit der Familie verbringt. Dass er sich in den neuen Fall einarbeitet und Akten wälzt, wird man als Leser gar nicht so recht gewahr (tut er aber natürlich). Keine besondere Rolle spielen dagegen die Finten und Strategien vor Gericht, schlichtweg weil er keine Strategie hat. Das was er da vorbringt, kommt von Dritten.

Enemy Combatant ist gewissermaßen die Höchststrafe, die das demokratische Rechtssystem der USA zu vergeben hat. Wer so bezeichnet wird (wie hier der Angeklagte), ist unabhängig von einer Gerichtsentscheidung als Feind der USA anerkannt, wer immer das auch entscheidet. Gaffney inszeniert in in diesem Buch nichts anderes als den Kampf des all-American Boys gegen Bushs Reich der demokratischen Unkultur, das versucht Guantanamo nach Phönix zu holen.

Sollte Enemy Combatant den Edgar gewinnen, wäre es mehr ein Statement zur Politik Bushs als über das Buch. Nicht das dieses schlecht ist, überhaupt nicht. Gaffney erzählt effektiv, gelegentlich blitzt sein Humor unterschwellig auf (ohne dass das Buch direkt witzig wäre), die Geschichte nimmt immer wieder überraschende Wendungen und das Ende selber scheint nicht vorhersehbar. In diesem liegt allerdings auch eine der Schwachstellen, es ist, ohne jetzt zuviel zu verraten, schlüssig, wenn auch nicht storyimmanent (will sagen: nimmt externe Hilfe in Anspruch), dass es zudem ein wenig pathetisch wirkt, ist angesichts des inszenierten Kampfes wohl nicht weiter verwunderlich.

bernd

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