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Archive for 17. März 2009

thenightfollowingEine Frau, Mitte 40 findet im Wagen ihres Mannes eine leere Kondompackung. Kurze Zeit später fährt sie just mit diesem Auto über eine einsame Landstraße und liegt es nun daran, dass sie von der Sonne geblendet wird oder an etwas anderem, auf jeden Fall fährt sie eine Frau auf dem Fahrrad über den Haufen und tot. So schnell wie die Fahrerin gekommen ist, so schnell ist sie auch wieder fort.

Die Polizei kommt ihr nicht auf die Spur, aber dem eigenen Gewissen entkommt sie nicht. Sie liest über dass Opfer und dessen Ehemann in der Zeitung und nähert sich, mittlerweile vom eigenen Mann getrennt lebend, dem Mann. Erst nur von der Ferne, doch immer näher zieht es sie, bis sie tatsächlich in seinem Haus landet. Sie erzählt uns ihre Geschichte aus der ersten Person, schonungslos gegen sich selbst.

Arthur, der Ehemann der Verstorbenen, ist schon älter, er verliert seinen Halt. Körperlich und psychisch verwahrlost er genauso wie er das Haus verwahrlosen lässt. Der Leser sieht ihm zu, sieht aber nur das, was Arthur in Briefen, die er aufgrund der Empfehlung einer Therapeutin schreibt, seiner Frau mitteilt und in denen er die Reaktion seiner Umwelt auf seine Erscheinung spiegelt, in denen er aber auch die Beziehung der beiden reflektiert.

Ruth, das Opfer war Lehrerin und gehörte viele Jahre einer Schreibgruppe an, ein Buch hatte sie nie veröffentlicht, aber das ganze Haus ist vollgestopft mit ihren Geschichten und Gedichten und so findet dann Arthur auch ihre letzte Geschichte, die der Leser parallel zum Lesefortschritt des Mannes auch liest. Arthurs Briefe, die Icherzählerin, die letzte Geschichte, es ist jeweils nur wenige Seiten lange Passagen, die sich abwechseln, und deren Perspektiven sich so langsam zusammen schieben.

The Night Following ist ein Buch, welches (bei mir) insbesondere den Kopf anspricht, das liegt insbesondere an der aufwändigen Sprache der Icherzählerin, die reflektiv-introspektiv und mit selten verwendeten Wörtern und langen Sätzen den Weg der Frau aus der Gesellschaft kühl darstellt. Einer Autorin wie Joss fällt es leicht, den Personen jeweils unterschiedliche Stimme zuzuweisen, sei es die nüchterne des naturwissenschaftlich ausgebildeten Ehemannes oder die der suchenden „Literatin“. Die Atmosphäre ist leicht düster, geheimnisvoll, aber nicht besonders spannend, das Ende scheint vorhersehbar. Vor allen Dingen erreicht es mit seiner aufgebrochenen Form bei Weitem nicht die eindringliche Intensität, die Bücher erreichen, die es auf eine Beschreibung der Dekonstruktion der menschlichen Seele anlegen (zum Beispiel Brian Evensons Open Curtain)

Am Ende bleibt eines der Rätsel offen (dpr wäre begeistert, er wäre, da bin ich mir sicher, sowieso begeistert, vier und halb seiner Punkte sind berücksichtigt) und dieses verweist darauf, dass hier im Buch noch etwas anderes zur Sprache kommt: Das Leben „als Abfolge von Szenen“, die sich zu einer Geschichte fügen können.

Joss hat, wie sie auch schon mit Half Broken Things (deutsch: Des Hauses Hüterin) zeigte, diese seltene Qualität. The Night Following ist nicht nur ein mutiges, modern innovatives Buch, es ist auch ein Buch, das genau das darstellt, was es darstellen will und zwar konsequent und gelungen umgesetzt. Von daher mag das Buch sogar den Edgar gewinnen, die Herzen vieler Leser dagegen vermutlich nicht.

bernd

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