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Archive for März 2009

(Deutsch: Stumme Zeugen)
bluehaevenEs gibt Bücher, von denen man schon vor der Lektüre viel gehört und gelesen hat, dann liest man das Buch, findet es gut … und ist doch ein wenig enttäuscht, einfach weil die geweckten Erwartungen so hoch waren. Blue Heaven ist so ein Buch.

Die Anlagen des Buches sind sicherlich geeignet, einen hochspannenden Thriller erwarten zu dürfen: In den weiten Wäldern des nördlichen Idahos, beobachten Schwester und Bruder, 12 und 10 Jahre alt, wie drei Männer einen vierten erschießen. Als sie sich davonschleichen wollen, werden sie von den Männern gesehen und verfolgt. Es gelingt ihnen unterzutauchen. Wenig später werden sie vom ganzen Landkreis gesucht.

Der lokale Sheriff ist neu und entsprechend unerfahren, da die Täter pensionierte Polizisten aus Los Angeles sind, können sie ihn davon überzeugen, dass ihre Erfahrung helfen kann, die Kinder zu finden; die alleinerziehende Mutter der Kinder schirmen sie durch einen der ihrigen ab und schnell, so scheint es, haben sie die Situation unter Kontrolle.

Irgendwie würde man nun eine Hetzjagd der drei auf die beiden Kinder erwarten, aber es kommt ganz anders. Die Erzählung eines anderen, schon länger zurück liegenden Verbrechens, welches einen frisch pensionierten Polizisten von Kalifornien nach Idaho führt, überlagert die erste Geschichte genauso wie es die Geschichte eines alteingesessenen Farmers tut, der um Haus und Hof fürchten muss, da die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht mehr so sind, wie sie einst waren.

Letztlich ist es fast mehr ein Buch über den Wandel der Zeit. Reiche Kalifornier,die sich auf’s Alteinteil zurückziehen, dringen ein in Nord-Idaho an der Grenze zu Kanada gelegen, sie können die Hinterwäldler dort so wenig leiden, wie diese sie. Box verwendet viel Text darauf, seine Personen sorgfältig darzustellen, das was da am Ende ‚rauskommt, wird von manchen sicher als klischeehaft bezeichnet werden, andere werden die archetypische Klassik loben. Unstrittig dürfte aber auf jeden Fall sein, dass Box die Regionalität gut trifft. Im letzten Drittel des Buches, dann wenn es so langsam zum Showdown geht, fängt die Spannungsspirale auch an sich mit höherer Geschwindigkeit zu drehen.

Die Haltung der Guten, ihre Taten und ihr Denken, die Landschaft und der Aufbau des Buches als solches geben diesem Thriller eine starke Westernanmutung. Diese Polizisten, die den braven Sheriff glauben lassen, dass sie Gutes vollbringen wollen, mag man allerdings als Metapher für die Bushmenschen halten, die die USA für sich und ihre Sache in Beschlag nahmen und doch so viel Lähmung über das Land brachten. Letztendlich ist Blue Heaven also ein Buch über die amerikanische Befindlichkeit, dieser ordnet sich der Thrill ein wenig unter. Wenn man das mag, wird einem das Buch gefallen. Über die Fähigkeit Box, immer Herr seines Buches ist zu bleiben, gibt es jedenfalls kein Zweifel.

bernd

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The Swiss had no allies, no enemies – they only had clients.

Aus Prayers for the Assassin von Robert Ferrigno

Ein Buch, welches in der nahen Zukunft spielt. Die USA sind nach einem Bürgerkrieg in einen islamischen Norden und dem südlichenn Bible Belt auseinander gebrochen. Die dominierenden Mächte in dieser Welt sind China und Russland, Europa kommt in ihr kaum vor.

bernd

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Man hat den Eindruck, dass es in Deutschland in den letzten Jahren ein wenig ruhiger um Robert Wilson geworden ist. Speziell zu Die Maske des Bösen, dem dritten Band seiner auf vier Bände angelegten Serie um Javier Falcon, der zuletzt in Deutschland erschien, fand man weder viel noch Guten zu lesen. Dennoch, diejenigen, die sich für Wilson interessieren, werden gerne das gute Interview lesen, dass IT’S A CRIME! (OR A MYSTERY…) mit ihm gemacht hat. Er erzählt ein wenig über das nunmehr abgeschlossene Falcon Quartett, über den grundsätzlichen Aufbau, welche Beziehungen er zu den unterschiedlichen Figuren entwickelt hat und natürlich über das neue Buch The Ignorance of Blood (deutsch: Andalusisches Requiem).

Eine grundsätzliche Einstellung teilt Wilson übrigens mit David Peace:

I am repelled by the thought of someone being thrilled by reading about violence; they should be jolted into the real experience even if it means they have to momentarily leave their comfort zone.

bernd

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Bei -> Arte gibt es die Krimiwelt-Bestenliste des Monats April 2009:

1. Richard Stark – Keiner rennt für immer

2. Jan Costin Wagner – Im Winter des Löwen

3. Jörg Juretzka – Alles total groovy hier

4. Roger Smith – Kap der Finsternis

5. John Farrow – Eishauch

6. Oliver Bottini – Jäger in der Nacht

7. Stefan Kiesbye – Nebenan ein Mädchen

8. Åsa Larsson – Bis dein Zorn sich legt

9. Zoran Drvenkar – Sorry

10. Uta-Maria Heim – Wespennest

Was ist denn hier los ?

Fünf deutschsprachige Autoren sind diesen Monat auf der Liste zu finden.

Uta-Maria Heim hatte ich letzten Monat schon erwartet. Dass es von Jörg Juretzka nach längerer Zeit wieder einen neuen Krimi gibt, hat mich erst einmal gefreut, dass er die „Zustimmung“ der Jury findet, stimmt hoffnungsfroh. Oliver Bottini scheint die Leser zu spalten, die heftige Ablehnung kann ich so wenig verstehen wie euphorische Zustimmung, dennoch, für einen Platz auf der Liste hat es bisher für jedes seiner Bücher gereicht. Jan Costin Wagners Buch fand ich überzeugend.

Roger Smith würde ich auch gerne lesen, bin aber im Moment ausgelastet, zu John Farrow gab es eine überzeugende Rezension von Tobias Gohlis in der ZEIT. Philip Kerrs ist ebenso wie Christiane Lehmann schon wieder verschwunden – Schade ! Erstaunlich die Persistenz von Stefan Kieslbye, der einer der wenigen ist, die vier mal dabei sind.

Vier der zehn Bücher sind Tb-Ausgaben, fünf Bücher sind von deutschsprachigen Autoren, zwei Bücher sind von Frauen geschrieben, drei der Titel sind neu.

bernd

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Lee Child ist in UK und den USA derzeit einer der erfolgreichsten Krimiautoren. Von daher mag der Schritt des Marketings von Random House überraschen: Sie bieten ein älteres Buch von Child als kostenloses E-Book an. Der Interessierte kann sich das E-Book-Format aussuchen und es funktioniert auch von Deutschland aus. Das Buch selber, Persuader war unsprünglich 2003 erschienen und gehört zu den nicht so bekannten Bücher Childs, seinen regelmässigen Lesern scheint es aber auch zu gefallen und so richtig schlechte Bücher kann er vermutlich sowieso nicht schreiben.

So überraschend ist das Vorgehen von Random House aber nicht. M.J. Rose ist schon seit Jahren eine Vertreterin des Anfixen mit kompletten Downloads. Bei Child kommt wohl noch hinzu, dass seine regelmäßigen Leser das Buch kennen und man so Neulinge schadlos für die neueren Bücher gewinnen kann.

bernd

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Das Strand Magazine tritt üblicherweise wenig in Erscheinung. Alleine der ambitionierte, bisher aber wenig bekannte Critics Award sorgt für größere öffentliche Aufmerksamkeit.  Für diesen gibt man sich viel Mühe, sucht renommierte Rezensenten großer Zeitungen als Juroren (“a select group of book reviewers from the nation’s top daily newspapers.”) und hat dieses Jahr mit Otto Penzler einen der respektiertesten Beobachter der Szene als Vorsitzenden der Jury für das beste Buch gewonnen (mehr hier).

Bestes Buch:

  • When Will There Be Good News? von Kate Atkinson
  • Master of the Delta von Thomas H. Cook
  • The Brass Verdict von Michael Connelly
  • Lush Life von Richard Price
  • Hollywood Crows von Joseph Wambaugh

Eine sehr gute Liste, Atkinson, fand jüngst die Würdigung der Krimiwelt-Bestenliste, Cook ist einer der ewigen Lieblinge Penzlers, Lush Life ist ein starkes Buch und Wambaugh wurde zuletzt beim Titel-Magazin lediglich sanft abgewatscht.

Bestes erstes Buch:

  • The Girl with the Dragon Tattoo von Stieg Larsson
  • City of the Sun von David Levien
  • A Cure for Night von Justin Peacock
  • Child 44 von Tom Rob Smith
  • A Carrion Death von Michael Stanley

Anders als beim Edgar sind hier US-amerikanische, britische (Child 44), südafrikanische/botswanische (A Carrion Death) und skandinavische (The Girl with the Dragon Tattoo) Bücher bunt gemischt. City of the Sun ist auch für den Hammett, A Cure for Night auch für den Edgar nominiert.

Der Preis wird am 8. Juli vergeben. John Mortimer wird posthum für sein Lebenswerk geehrt.

Mit Dank an Rap Sheet

bernd

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Fünfzig Jahre ist es her, dass C.P. Snow sich darüber ausließ, dass es zwischen den Vertretern von Naturwissenschaft und Technik auf der einen Seite und Geisteswissenschaften und Literatur auf der anderen Seite eine kaum zu überwindende Mauer gäbe. Damals war es so, dass Snow über Geisteswissenschaftler überrascht war, die mit ihrem nicht-Wissen über den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik prahlten. Heutzutage, in unserer auf Zweckmäßigkeit und Verwertbarkeit ausgerichteten Universitätslandschaft sind diese Leute zwar eher marginalisiert, d.h. die Studentenzahlen gehen zurück (zumindest in den USA), Gelder fehlen, Institute werden geschlossen, dass aber Snows Vorstellungen zum Teil immer noch Gültigkeit besitzen, demonstriert auf erschütternde Art und Weise der „Heidelberger Appell für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte„.

Den Text dieses Appells kann man – > hier nachlesen, seine Entstehungsgeschichte -> hier, im Perlentaucher – ich kann nur empfehlen, sich damit auseinander zu setzen, denn die Absicht, die der „Heidelberger Appell“ verfolgt, ist gefährlich. Sollte er auch nur einen gewissen Erfolg haben, würde die Transparenz der wissenschaftlichen Welt Schaden erleiden (zumindest im Bereich der nicht marginalisierten technischen Fächer und Naturwissenschaften – aber von diesen haben die Unterzeichnung ja wohl wenig Ahnung).

Was den Appell umtreibt, ist das Vorgehen von Google. Dort scannt man dreisterdings die Bücher dieser Welt ein und verwertet diese, sofern ein Rechteinhaber nicht widerspricht. Keine Frage, das ist nicht Ok, wie man dagegen vorgehen kann (und ob man es sollte), davon habe ich keine Ahnung. Was der Initiator des Appells (seines Zeichens Literaturwissenschaftler) allerdings mit abschaffen will, ist der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen. Dass seine Annahmen und Vorstellungen verkehrt sind, wird nicht nur bei der Lektüre des Perlentauchers, sondern auch der Leserbriefe der FAZ und der TAZ deutlich: Der Mann hat schlichtweg keine Ahnung.

Tatsache ist, dass wissenschaftliche Publikationen eines gewissen Qualitätsniveaus dem Publizierenden (und damit seiner Hochschule) viel Geld kosten; Rechte an der Nutzen der Artikel hat er keine. Ebenso viel Geld kostet es, diese Artikel anschließend zu lesen.

Zwei Beispiel aus meinem eigenen Bereich können vielleicht zeigen, dass es dabei nicht nur um die hohe Wissenschaft, sondern häufig auch um ihre Anwendung im „Feld“ geht. Wir sind ein kleineres mikrobiologisches Labor und erhalten Untersuchungsgut von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern. Wir identifizieren die Keime, die in diesen Proben vorhanden sind und bestimmen deren Empfindlichkeit gegen Antibiotika. Wie ja auch immer wieder in den Zeitungen zu lesen ist, ändern sich die Ansprechbarkeit der Keime auf Antibiotika im Laufe der Jahre dahingehend, dass deren Resistenz zunimmt, es gibt also weniger verfügbare Medikamente, und diese sind dann zumeist teurer und nebenwirkungsreicher. Ganz gelegentlich kommen nun neuere Medikamente auf den Markt oder andere Behandlungsstrategien werden ausprobiert. Man erhält natürlich „Informationen“ zu diesen auch von der Pharmaindustrie, aber es ist doch sinnvoll gelegentlich Primärdaten selber und genau zu studieren. Ein anderes Beispiel sind neue Methoden, die gelegentlich notwendig sind, um neue Erreger oder spezielle Subtypen zu identifizieren. Eine Möglichkeit liegt im Einsatz der PCR, diese ist ein modernes molekularbiologisches Werkzeug, welches sensitiv und spezifisch ist. Auch hier muss man auf Arbeiten zurückgreifen und braucht Zugriff auf die genauen Genomsequenzen.

Hilfreich ist hierbei eine Datenbank namens PubMed in der alle derartigen Arbeiten als Abstracts, also Zusammenfassungen, hinterlegt sind. Häufig sind die Abstracts aber nicht ausreichen und man muss zum Beispiel den Methodenteil genau lesen, hier sind einige Zeitschriften (unter dem Druck von Open Access, oder weil sie in den USA öffentliche Forschungsgelder erhalten) dazu übergegangen die Artikel auch im Internet frei anzubieten. Einzelne Artikel könnte man auch kaufen, aber die Kosten von bis zu 30 € pro Artikel sprengen schnell das Budget eines kleine Labor und werden auch nicht wieder ‚reingespielt – ein einzelner Artikel genügt zumeist nicht, man braucht Querreferenzen.

Tatsache ist nämlich, dass der Markt der Fachzeitschriften von zwei Verlagen dominiert wird, die also beide Seiten, Autoren und Leser beliebig abschöpfen können. Deshalb wurde auch Open Access eingeführt. Die Produzenten (also Wissenschaftler) sollen billiger publizieren können, darin liegt nämlich ihr primäres Interesse und die Leser sollen Zugang zum Wissen haben. Wer das wegen Google unterbinden will, ist naiv und unwissend und fügt der Sache der demokratischen Wissenschaftskultur einen immensen Schaden zu und sorgt dafür, dass nur finanzstarke Großkonzerne (1) einen Zugang zum Wissen haben.

Mit Dank an dpr.

bernd

(1) Zum Beispiel der alten Pseudosozie Michael Naumann, der den Appell mit unterschrieben hat.

Nachtrag: Dass es auch eine Welt jenseits des Tellerrandes gibt, zeigt beindruckend der Bremer Sprachblogger, der seine Sicht der Dinge als Geisteswissenschaftler darlegt und über den Nutzen der Googledigitalisierung schreibt.

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enemycombatantEnemy Combatant ist jetzt schon der zweite Gerichtskrimi der diesjährigen Edgar Saison, ähnlich wie A Cure For Night von Justin Peacock ist auch hier die Handlung im Gericht nur ein Nebenstrom der Handlung des Buches. Das ist so, weil Tom Carpenter, der Anwalt keine Ahnung hat, von dem Fall, den er da vor Gericht vertreten soll.

Der islamistische Terror ist tief im Westen der USA angekommen, über 100 Tote und über 200 Verletzte nach einem Anschlag in Denver sind die Folge. Der Drahtzieher soll nun in Phönix auf der Anklagebank sitzen.

Schon in den ersten Minuten des ersten Verhandlungstages wird klar: Sein Pflichtverteidiger ist eine Nulpe und die Richterin parteiisch. Zumindest Carpenter ist das klar. Da sitzt er noch auf der Tribüne und wohnt dem Spektakel als Zuschauer bei … später findet er sich als Pflichtverteidiger neben dem Angeklagten auf der Anklagebank wieder. Das was er über den Fall weiß, weiß er aus den Medien … nicht gerade beste Voraussetzungen.

Bald schon stellt sich aber heraus: Irgendwas stimmt nicht, Carpenter wird manipuliert, bedroht und muss sich selber seiner Haut erwehren.

Enemy Combatant ist erstmal ein fintenreicher Thriller, der zeitweise als Actionhriller auftritt und einen enormen Drive entwickelt. Gaffney vergießt darüber hinaus aber nie die private Seite des Helden, zahlreiche Erinnerungen bringen uns seine Familie ebenso nahe, wie die Darstellung der Zeit, die er tatsächlich mit der Familie verbringt. Dass er sich in den neuen Fall einarbeitet und Akten wälzt, wird man als Leser gar nicht so recht gewahr (tut er aber natürlich). Keine besondere Rolle spielen dagegen die Finten und Strategien vor Gericht, schlichtweg weil er keine Strategie hat. Das was er da vorbringt, kommt von Dritten.

Enemy Combatant ist gewissermaßen die Höchststrafe, die das demokratische Rechtssystem der USA zu vergeben hat. Wer so bezeichnet wird (wie hier der Angeklagte), ist unabhängig von einer Gerichtsentscheidung als Feind der USA anerkannt, wer immer das auch entscheidet. Gaffney inszeniert in in diesem Buch nichts anderes als den Kampf des all-American Boys gegen Bushs Reich der demokratischen Unkultur, das versucht Guantanamo nach Phönix zu holen.

Sollte Enemy Combatant den Edgar gewinnen, wäre es mehr ein Statement zur Politik Bushs als über das Buch. Nicht das dieses schlecht ist, überhaupt nicht. Gaffney erzählt effektiv, gelegentlich blitzt sein Humor unterschwellig auf (ohne dass das Buch direkt witzig wäre), die Geschichte nimmt immer wieder überraschende Wendungen und das Ende selber scheint nicht vorhersehbar. In diesem liegt allerdings auch eine der Schwachstellen, es ist, ohne jetzt zuviel zu verraten, schlüssig, wenn auch nicht storyimmanent (will sagen: nimmt externe Hilfe in Anspruch), dass es zudem ein wenig pathetisch wirkt, ist angesichts des inszenierten Kampfes wohl nicht weiter verwunderlich.

bernd

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Minitexte

Wenn man so auf die Umschläge der Bücher schaut und die kleinen Texte liest, mit denen andere, meist berühmte Autoren diese Bücher oder deren Autoren preisen (Blurbs genannt), könnte man das Gefühl bekommen, manche der großen Autoren lebten nur noch um zu blurben. Ken Bruen, Tess Gerritsen, Harlan Coben oder Lee Child sind Autoren, die mit ihren Lobstücken die Bücher anderer Autoren häufiger adeln. Ein Artikel von Tess Gerritsen zeigt was das bedeutet – eigentlich dreht sich der Artikel darum, dass ein Verleger ihr, statt eines gedruckten Rezensionsexemplars, lieber ein Pdf schicken möchte, und der auch ansonsten, so scheint es, viel Unsinn schreibt.

Aber so nebenbei erzählt Gerritsen auch, dass sich die Rezensionsexemplare bei ihr stapeln, und dass sie circa 6 Stunden braucht, ein Buch zu lesen:

I can’t even promise that I’ll be able to read the galley because I’ve already got a stack that’s about a dozen high piled up around my bed. Most of the time, I turn down these requests because I know I just don’t have the time to read them, and I hate to raise anyone’s hopes. I’m busy enough trying to get my own book written, and it takes me at least six hours to read a galley and come up with a useful quote.

Irgendwie kann ich mir gut vorstellen, dass da manches Buch auch nur quergelesen wird – natürlich ganz allgemein gesprochen, nicht auf Gerritsen bezogen .

bernd

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im-winter-der-lowenDie Werbung des Eichbornverlags verwendet einige Zitate zu Jan Costin Wagner, welche auf die ein oder andere Weise unterschiedliche Aspekte des Stils Wagners korrekt beschreiben. Von allen den Zitaten ist „Better Than Mankell“ vermutlich sogar das verkaufsfördernde.

Mein Gott, der Satz ist wahr, ja – ist ja auch nicht schwer. Was aber Wagner mit Mankell zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht. In Im Winter der Löwen sind einfach Szenen, die hätte Mankell zerdehnt und dem Leser bis ins kleinste Innerer zerbeschrieben.

Er stand eine Weile vor Sannas Grab, ohne etwas Bestimmtes zu denken. Dann nahm er das Kerzenlicht aus seinem Rucksack, zündete es an und stellte es behutsam ins Zentrum der Grabfläche. Er starrte auf das Licht, bis es vor seinen Augen zu verschwimmen begann, dann riss er sich los und ging.

Alles fängt an einem ruhigen Weihnachtsabend in Turku an, an dem Kimmo Joentaa alleine mit sich und seinen Gedanken an seine vor drei Jahren verstorbene Frau (und vielleicht einer Flasche Vodka) sein wollte. Erst taucht eine junge Frau bei ihm auf, die auf der Polizeiwache noch eine Vergewaltigungsanzeige aufnehmen lassen wollte, später taucht auch noch ein Kollege auf, der mit seiner Spielsucht nicht mehr klar kommt.  Dann wird am Morgen die Leiche des Gerichtsmediziners gefunden, und bald darauf im fernen Helsinki die Leiche eines Puppenmachers, der Leichen für Film und Fernsehen herstellt.  Wenig verbindet die beiden Verstorbenen, außer dass sie vor einer Weile gemeinsam in einer Talkshow auftaten und sich (und das Publikum) prächtig unterhielten. Und als auch wenig später der Talkmaster nur knapp einem Anschlag entgeht, scheint der Polizei um Joentaa klar, in welcher Richtung sie suchen müssen.

Wagners Welt wird von recht sensiblen Menschen bevölkert, die die Reaktionen und Gefühle anderer recht gut wahrnehmen und deuten können. Auch der ruhige stille Joentaa ist so ein Mensch. Wenn es denn einen Detektiv gibt, an den Joentaa erinnert, dann ist es Fred Vargas‘ Jean-Baptiste Adamsberg. Beide folgen mehr ihren Bauchgefühlen, mehr noch als Adamsberg kann zwar Joentaa auch „seriöse“ Polizeiarbeit leisten, aber Eingebungen, die er nicht begründen kann, können auf seine Kollegen immer zukommen.

Es sind gerade auch die kleinen Figuren die Wagner gekonnt charakterisiert, ohne sie totzuquatschen. Hämäläinen, der Fernsehmoderator zum Beispiel, der den Anschlag überlebt hat und nun über sein Leben und seine Sendung sinniert – laut schmatzend hätte Mankell vor uns gestanden und uns dessen Welt vorgekaut, bis wir den Brei auch zahnlos noch hätten aufnehmen können.

Das Leben und in diesem Buch insbesondere der Verlust eines geliebten Menschen, schlagen tiefe Wunden in die Seelen der Menschen, Wagners Buch ist eine Annäherung an diese Wunden, an die kleinen wie die großen. Der Reiz des Buches liegt gerade auch darin, dass Wagner sich diesem Thema von verschiedenen Richtungen und Blickwinkeln nähert, Raum lässt für Deutungen und darüber hinaus aber nie vergisst, eine Geschichte zu erzählen.

bernd

PS. Aber kann nicht mal jemand Wagner und dessen Lektor sagen, dass Verletzte nicht auf einer Bahre liegen. Immer wenn das Wort Bahre im Text auftauchte, entdeckte ich eine „Angst“ in mir, die erst wich, wenn ich die verstanden hatte, ob derjenenige der dort „bahrte“, lebte oder tot war. Das ist einem ansonsten so guten Text wie dem von Im Winter der Löwen nicht gerade dienlich.

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