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Archive for 12. Februar 2009

(Deutsch: Gottesdienst)

china_lakeMeg Gardiner hat Jura an der renommierten Stanford University studiert, war einige Jahre als Anwältin tätig, ist dann aber irgendwann ins schreibende Fach gewechselt. Heute lebt sie mit ihrer Familie in England. China Lake war ihr erster Roman und obwohl er „durch und durch“ USA-amerikanisch ist, erschien er 2002 in UK. In den USA kam dieses Buch erst letztes Jahr auf dem Markt und ist nun für den Edgar nominiert. Das Buch beginnt eine Serie um die ehemalige Anwältin und jetzige Autorin, Evan Delaney und ist bei uns eigentümlicherweise außerhalb der eigentlichen Reihenfolge, nach zwei späteren Büchern der Serie erschienen.

Ich bin ja geneigt das Buch durchzuwinken. Es ist ein sehr gut geschriebener, extrem spannender Thriller, wenn auch in meinen Augen am Ende schon ein recht großes Fass aufgemacht wird. Aber ganz klar, gleichwertig sicher, aber besser kann keiner der anderen Edgar-Kandidaten dieses Jahr sein. Von daher bin ich etwas überrascht, was man so in Deutschland zu Buch und Autorin vorfindet. Erst einmal wird werbemäßig ihre Nähe zu Cornwell, Slaughter oder Gerritsen betont. Eine Nähe, die überhaupt nicht besteht, denn außer der Tatsache, dass alle genannten Autoren Frauen sind, verbindet sie wenig. Gardiner geht in eine ganz andere Richtung, die Nebenstory hat mehr Substanz, die Figuren sind vielschichtiger und China Lake ist ein richtiger Thriller, bei dem die Auflösung nur eine untergeordnete Rolle spielt – man könnte jetzt darüber spekulieren, ob die konstruierte Nähe ein Zeichen dafür ist, dass die öffentliche Kommunikation immer noch von Männern dominiert wird.

Dann haben haben alle deutschen Buchtitel Gardiners so einen pseudoreligiösen Touch, etwas dass sich nicht gerade zwingend aus den Titel der Originalausgaben ergibt.

Und schließlich ist da die Rezension der Krimicouch (viel mehr seriöses aus Deutschland lässt sich nicht ergoogeln). Mit einer Bewertung in einem Temperaturbereich, dass es zum Kaffekochen nicht reicht. Die meisten Leser sehen es anders und geben dem Buch hohe Wertungen. Eigentümlich sind jedoch die Kommentare von Lesern, „Die Handlung kann sich wirklich nur in der Phantasie des Autors abgespielt haben und hat keinen Bezug zur Wirklichkeit.“ heißt es da oder „‚Gottesdienst‘ ist für mich kein Thriller, da die Handlung doch sehr an den Haaren herbei gezogen erscheint, und mehr oder weniger so dahin plätschert. Etwas Spannung kommt allenfalls am Ende auf.

China Lake zeigt den Kampf Evan Delaney mit einer langsam außer Rand und Band geratenden religiösen Sekte, die an den Untergang der Zivilisation glaubt, auch wenn man diesem möglicherweise auf die Sprünge helfen muss. Evan kümmert sich seit geraumer Zeit um ihren kleinen Neffen, seine Eltern leben in Scheidung, die Mutter nahm Reissaus und der Vater, ihr Bruder ist als Pilot der US-Armee auf Achse.  Die Trennung ist eine hässliche Geschichte, und so er hat das alleinige Sorgerecht. Eines Tages taucht die Mutter in Begleitung von Sektenmitgliedern auf und fordert den Sohn. Als Leser ist einem klar, wenn die Sekte an den Sohn gelangt, ist er weg, den findet dann auch keine Polizei der Welt mehr – und sage keiner, das sei realitätsfern.

Evan hatte die Sekte allerdings schon vorher kennen gelernt, als Besucher eines Gottesdienstes einer engagierten Feministin beleidigt und beschimpft wurden. Diese maligne Präsenz der Sekte, insbesondere des Predigers, die Aura die er ausstrahlt, Gardiner bringt das absolut glaubwürdig rüber. Mit einfachen Mitteln gelingt es der Sekte, durchaus glaubwürdig, die Polizei zu beeindrucken und so ist es fast unausweichlich, dass, als ein Mitglied der Sekte tot aufgefunden wird, Evans Bruder, gerade zurück, als Hauptverdächtiger in U-Haft landet. Bei ihren Nachforschungen stößt Evan dann auf einen Plan, den die Sekte schmiedet, doch niemand will ihr zuhören.

China Lake ist ein Muss für Thrillerleser, dabei verzichtet Gardiner auf die häufig zu findenden Gimmickphantasien von Techniknerds, sondern bleibt immer sachlich. Dass eine religiöse Sekte austickt, ist ja nun so an den Haaren nicht herbeigezogen und die Belagerung der Beisetzungen Andersdenkender auch nicht. Schnell spannt sich ein Netz um Evan. Ihr privates Leben, ihre Familie, ihr Beruf, wohin sie sich auch immer drehen und wenden mag, die Sekte ist schon da, das ist nicht nur spannend, sondern sehr.

Zudem, als besonderer Glücksfall, schreibt Gardiner gut, mit Anspielungen, Witz, Sprachgefühl und dem gewissen Etwas, das sie auch in dieser Disziplin aus der Masse der Thrillerautoren heraushebt. So nebenbei verwendet sie einige Bezüge zu kulturellen Phänomen, wie die Realitätsucht der Leser (Evan ist schließlch selber Autorin) oder der Area 51 und dem Misstrauen, welches diese in der Bevölkerung erzeugt.

Welch Thrillerautor mit Hang zur großen Katastrophe auch immer Euer/Ihr spezieller Favorit sein mag, Gardiner kann mithalten.

Oder wie schreibt doch Altmeister Steven King:

China Lake had me from page 1, on which a vicious religious cult called the Remnant pickets a funeral with charming signs reading “God Hates Sluts“ and “AIDS Cures Whores.“ Seven hours and 470 pages later I landed in England, convinced I had found the next suspense superstar. This book had everything. It came complete with an ultra-tough SoCal heroine (think Kinsey Millhone, only punk rock and in combat boots) and a climax which involves defusing a ticking time bomb and a stampeding brush fire.

bernd

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