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Archive for 10. Februar 2009

calumet_us_pageEs gibt Bücher, die wachsen langsam zu einem hin, erst merkt man, die sind gut, dann merkt man, die sind besser und irgendwann, vielleicht auch erst zum Ende hin oder danach, wenn man sie noch einmal Revue passieren lässt, bekommt man so richtig viel Respekt vor ihnen, Dahlia’s Gone von Katie Estill ist so ein Buch. Es gibt aber auch Bücher, die rasen nicht-abgeregelt, vollspeed ins Hirn. Erste Seite man merkt, die werden gut, erstes Kapitel, man merkt, da passiert was besonderes – Calumet City ist so ein Buch.

Patti Black ist Polizistin bei der TAC (tactical unit) in den Strassen des 6. Distriktes Chicagos, seit 17 Jahren, einst war hier ein weißes Arbeitermilieu, dann schwarzes Arbeitermilieu, nun ist hier ein Ghetto. Das Leben auf der Straße ist tough, die  Körpersprache muss hart, unmissverständlich und aggressiv sein, ansonsten droht der Angriff der Straße. Seit 17 Jahren versucht sie aber auch mit ihrer Vergangenheit umzugehen und die Dämonen der Erinnerung in Schach zu halten.

Die Ereignisse, die das Buch beschreibt, kommen in Gang, als nach einer (missglückten) Polizeiaktion die Leiche ihrer Pflegemutter eingemauert im Keller eines Hauses gefunden wird. Gleichzeitig ist da einer unterwegs und macht Jagd auf Patti. Einer, der ihre innersten Geheimnisse rauskriegen will, und herauszufinden versucht, wo sie sich aufhält – in ihrer Wohnung war er schon.

Patti ist überzeugt, hinter all dem steckt ihr Pflegevater und die Dämonen in ihrem Kopf beginnen zu singen und zu tanzen. An diesem allein schon könnte sie zerbrechen und sie sehnt sich mehr als einmal nach der Flasche, die einst vorübergehend Frieden brachte. Der Wahn nimmt noch etwas zu, als eine ihr nahe stehende Person bedroht wird.

Gleichzeitig will das FBI dem Chef der chicagoer Polizei an den Kragen und der Weg, so meint es, führt über Patti, die zudem unter Feuer steht, weil auch Internal Affairs sie für die Ereignisse um die Polizeiaktion drankriegen will.

So ein Cocktail von äußeren und inneren Druck ist ja nun nicht ganz ungewöhnlich, aber die Darstellung der Reaktion Pattis ist heftig: Dieses Buch sollte man nur mit Handschuhen lesen, die Seiten sind so voll mit Adrenalin, angst, Wut und Zorn, dass einem ansonsten die Hände weggeätzt werden. Wer als Leser eine sympathische Hauptfigur im Buch haben möchte, sollte einen großen Bogen machen, nicht dass sie nicht eigentlich sogar eine nette Person sein könnte (im Prinzip), aber ihr Antrieb, ihr Anker in diesem Chaos ist die Gewalt.

Der Anfang des Buches machte jedoch ein anderes Versprechen. Hier scheint eine Sprache auf, so knapp und doch streetlike poetisch, dass man aufhorcht. Und das schönste ist, das Buch löst dieses Versprechen ein, bis zum Schluss.

Wenn Fisherman’s Friend ein Buch schriebe, so sehe es aus. Komplex, unmittelbar sprachlich brillant: Der erste, ganz große Höhepunkt des Lesejahres.

bernd

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