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Archive for 19. Januar 2009

Die Heilserwartungen sind seit langem säkularisiert und auf einen allgemeinen sozialdemokratischen Konsens übergegangen, dem auch eine zwischenzeitliche bürgerliche Regierung wenig anhaben kann, weil die schwedischen Bürgerlichen selbst kaum aus jenem Konsens ausscheren

Schreibt Johan Schloemann in der Süddeutschen Zeitung über die schwedische Gesellschaft.

Als einen typischen Vertreter dieses Konsens sieht Schloemann Liza Marklund, die als Krimiautorin auch bei uns viel Erfolg hat. Groß ‚rausgekommen ist sie 1995 mit dem Buch Gömda (sinngemäß wohl „begraben“) bei uns unter dem Titel Mia. Ein Leben im Versteck erschienen, das dem „Betroffenheits- und Enthüllungsgenre “ zuzuordnen ist und sich in Schweden – mit etwas über 8 Millionen Einwohnern – 800.000 mal verkauft hat.

Diese Mia ist auch die Koautorin des Buches, eines weiteren Buches und alleinige Autorin von drei weiteren Büchen. Diese Bücher erzählen, wie Mia einen libanesischen Mann kennen und lieben lernt und am Ende vor ihm abtauchen und ins Ausland flüchten muss, ein Kind muss sie zurücklassen, ein anderes nimmt sie mit usw. Es ist eine Geschichte, die die Leser auch deshalb packt, weil sie schlicht und einfach die Realität abbildet soll: „Die Geschichte ist WAHR und gleichzeitig kann man fast nicht glauben,[…]“ steht in einer von zahlreichen Meinungen bei Amazon.

Mitte Dezember ist Mia sanningen om Gömda (Mia, die Wahrheit über Gömda) von Monica Antonsson ‚rausgekommen. Antonsson geht den Spuren von Mia nach, befragt Anverwandte, Freunde und Bekannte und kommt zu dem Schluss, dass einige Dinge ganz anders verlaufen seien und viele „Sachverhalte“ schlichtweg Produkt der Phantasie der Autorinnen ist (ausführliche Darstellung in der engl. Wikipedia, die deutsche Wikipedia hält bisher sich vornehm zurück). Antonsson kommt zum Schluss, dass Marklund die Lebensgeschichte Mias für ihre eigenen Ziele instrumentalisiert hätte.

Liest man die Zusammenfassung in der engl. Wikipedia scheint es so zu sein, dass Marklund und Mia einen wahren Kern genommen haben und die Geschichte dann fiktionalisiert haben. Vermarktet wurde das Buch jedoch als wahre Geschichte und noch nachdem Antonssons Buch erschien, insistierte Marklund, dass sie „never lied when writing and saying the story about Mia is true.„. Im Gegensatz dazu teilte der Verlag (an dem auch Marklund einen größeren Anteil hat) über eine andere Miteigentümerin (AM Skarp) mit, dass „the book is a fiction novel based on a true story.“ und weiter kann man lesen: „AM Skarp believes the readers are intelligent and understand that the book is a novel built on a reality background, and in fact is a novel.“ Mittlerweile wurde den Buchhändlern vom Verlag auch mitgeteilt, dass die Mia-Bücher nicht mehr bei den Biographien sondern bei „fiction“ unterzubringen seien.

Für Schloemann fällt damit ein Schatten auf den gesamten skandinavischen Krimi, denn dieser lebe von der „moralischen Wahrheit“. „Für eine säkularisierte Predigerin des Guten, wie Liza Marklund sie verkörpert, ist Unfehlbarkeit im Kerngeschäft unabdingbar. Eine erlogene Betroffenheitsgeschichte ist für sie so etwas wie ein Kinderpornographie-Vergehen für einen Priester.„. Natürlich übertreibt er da maßlos. Sicherlich ist er ein heller Kopf, der es ins Feuilleton der SZ bringt, aber für ganz so liederlich muss man die Leser dieser Welt jetzt auch nicht halten.

bernd

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