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Archive for 6. Januar 2009

hollenfahrtAngeregt durch das das Banville Zitat über Richard Stark begab ich mich in den Keller – was andere offensichtlich auch taten. Dort sind zahlreiche Krimis aus den 40er bis frühen 80er Jahren untergebracht, unter anderem Höllenfahrt von Donald E. Westlake, erschienen 1963 bei Mitternachtsbücher, einer Serie, die das Vorbild von Hard Case Crime hätte sein können. Letztes Jahr ist das Buch unter dem Titel Mafiatod dort wieder aufgelegt worden. Im Original war und ist es unter dem schlichten Titel 361 erschienen – einen Titel, den ich so wenig wie dpr verstand, da die Erläuterung des Autors bei der alten deutschen Ausgabe auch fehlte. Ich hatte das Buch als Schüler gelesen, aber anders als andere Bücher der Mitternachtsbücher hatte es keinen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen.

Es erzählt die Geschichte Ray Kellys und spielt in den 50er Jahre. Er kommt zurück aus dem Militärdienst aus Deutschland und vermittelt anfänglich ein wenig das Gefühl noch nicht recht erwachsen zu sein. Dann erschießen sie seinen Vater, er selber wird schwer verletzt und begibt sich auf den Kreuzzug. Er will sich rächen und wird von seinem Bruder unterstützt, dem ziemlich zeitgleich die Frau totgefahren wurde. Zwei brave, kleine Jungs vom Lande, mit Kräften und Dingen, auch aus der eigenen Vergangenheit konfrontiert, die sie so nie für möglich gehalten hätten. Aber insbesondere Rays Lernkurve ist steil und er erweist sich als konsequenter Vollstrecker, den auch Verlockungen und unbequemen Wahrheiten nicht vom Ziel abbringen.

Es ist eine klassische Geschichte und Ray Kelly ein Mann, der zum Beispiel in Michael Forsythe einen modernen Wiedergänger findet. Dabei ist auch dieser westlakesche Held frei von dem Pathos den Chandler oder Hammett den ihren mitgaben.

westlakeUnd Westlake hat Ehrgeiz (das Bild rechts zeigt ihn als jungen Mann Ende Zwanzig und ist der Rückseite des Mitternachtsbücher-Bandes entnommen), in einer Szene sitzt Ray gelangweilt im Hotel und wartet und liest Krimis. Schreckliche Teile, so findet er, mit Menschen, die alles durchlitten, ohne dass diese Ereignisse sie im Geringsten veränderten.  „Das Leben verbraucht die Menschen„, die Höllenfahrt führt uns das eindrücklich vor Augen.

Als ich anfing das Buch zu lesen, hatte ich erwartet, dass die Neuausgabe von HCC mit einer neuen Übersetzung aufwartet, fand aber die alte Übersetzung von Ursula von Wiese ziemlich gut. So manches Wort ist natürlich nicht mehr zeitgemäß, dass ein Mann ein Rock anhat oder das schüttere Haupthaar wird sicher nicht mehr von jedem vorbehaltlos verstanden, auch der „Neger“ wirkt etwas befremdlich, ist aber Ausdruck der Zeit in der der Text entstand. Ansonsten formt sich ein beeindruckender Text, von einer Kargheit, die einen immer wieder aufjuchzen lässt und dem Original gut entsprechen dürfte.  Deshalb freue ich mich auch, dass die HCC-Ausgabe die Übersetzung von von Wiese übernommen hat – -> hier kann man ins erste Kapitel hineinschnuppern (ist die „Neger“ in Mafiatod eigentlich immer noch zu finden ?).

Der Zug fuhr über die Manhattan-Brücke; rechts neben uns glitten Wagen und Laster über eine Straße. Ich kam mir vor wie ein Bild im Geographiebuch eines Schülers; über mir eine DC 3, unter der Brücke ein Schlepper und unter dem Ganzen mußten die drei Zeilen über Beförderungsarten stehen.

Höllenfahrt (Mafiatod) ist ein erstklassiges Buch und passt wunderbar in die andere Art von Retrokultur.

bernd

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