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Archive for 28. Oktober 2008

Die Verschwundenen ist der letzte Band einer fünfteiligen Serie um den Photographen Victor Blainville und dessen inniger Beziehung zu Paris. Ein Bruch in der Lebensgeschichte Blainvilles ebenso wie der Rezeption der Serie in Deutschland geht der Veröffentlichung des Buches voraus. Die Veröffentlichung des Vorgängers liegt mehr als zehn Jahre zurück. Fast drei Jahre lang war Blainville zusammen mit dem ihm vorher unbekannten Alex Katz entführt gewesen. Irgendwie war die Entführung wohl politisch motiviert, die Geiseln wurden gezwungen politische Manifeste abzulesen, aber genaueres erfährt der Leser nicht und wirklich wichtig ist es auch nicht.

Als er frei gelassen wird und zurück in seine Wohnung kommt, findet er diese zerstört und ausgeraubt vor, seine Bilder, die ehedem, in den früheren Bänden eine so wichtige Rolle spielten, sind weg. Blainville ist leer, ausgebrannt, weiß nicht was er tun soll und hat auf jeden Fall keine Lust mehr auf’s Photographieren.

Die Welt hat sich geändert. Blainville findet taumelnd in den November des Jahres 1989 zurück, in Berlin vollzieht sich Unvorstellbares, die Mauer stürzt ein. Ein Geheimdienstmann, der ständig um ihn herum ist und mehr über die Entführung erfahren will, reißt Blainville ebenso aus seiner Lethargie wie Alex, der sich mit ihm treffen will und vor seinen Augen bei einem Autounfall umkommt. Ein Ziel erhält seine Unruhe aber erst, als er auf das Tagebuch von Alfred Katz, dem Vater Alex, stößt. Dieser kam 1938 nach Paris, war in der trotzkistischen Organisation tätig und fühlte sich den Surrealisten um Andre Breton nahe.

Blainville lebt quasi in zwei Zeiten. Zwei Städte und diverse Personen sind auf kunstvollste miteinander verschränkt,  spiegeln einander und brechen sich in diesen Zeiten. Die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Stalinisten und Trotzkisten und der Griff Deutschland nach Böhmen und Mähren mit der zeitweisen Gefahr des Ausbruchs des Weltkrieges: Die Weltgeschichte spitzt sich zu im Verlauf des Jahres 1938. Und auch das Jahr 1989 entwickelt sich dramatisch, mag auch die Mauer gefallen sein, die Entwicklung in den Ländern des Ostblocks ist alles andere als eindeutig und Blainville hat, dank seiner aus Tschechoslowakien stammenden Geliebten ein waches Auge für Prag, einer Stadt, der er einst eine große Fotoserie gewidmete.

Vilar ist ein betörendes Buch gelungen. In rascher Folge, ansatzlos, dass man immer wieder überrascht ist, wechselt die Icherzählung Blainvilles und seine Beschreibung des Lebens Katz. Das Buch ist reich an Anspielungen und Bezüge. Die verschiedenen Ebenen, also Orte, politischen Ereignisse und Zeiten, sie referenzieren einander.

Das Buch überzeugt mit der brillanten Komposition, komplexen Struktur und spannenden Erzählung. Dabei kann man es auch problemlos Leuten schenken, die prinzipiell keine Krimis lesen, die merken nämlich gar nicht, dass es einer sein soll.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings, der ist aber nicht dem Autor anzulasten. Es sind doch einige Schreibfehler und Wortfehler zu finden, die nicht unbedingt sein müssten. Angesichts der Komplexität des Werkes und des Anspruchs den es an die Übersetzer stellen dürfte und angesichts der Tatsache, dass diese ihre Aufgabe ansonsten gut gelöst haben, doppelt ärgerlich. Am Ende des Buches ist ein sehr schönes Glossar zu finden, in dem die meisten der historischen Figuren erklärt werden. Angesichts der vielen Surrealisten und Trotzkisten die auftauchen, eine gute Idee, die dafür sorgt, dass der Leser sich auf den Text konzentrieren kann.

Selbstverständlich wird das Buch beim Lesefutter aufgenommen.

bernd

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