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Archive for 27. Oktober 2008

Was war, wenn auch nicht sehr deutlich, zu sehen ? Ein regungsloser Mann wurde auf einer Bahre von zwei Männern in Sanitäterkitteln aus einem Haus getragen. Ein Mann im Straßenanzug ging mit ihnen. Auch drei lebhaft gestikulierende Frauen waren da. Der halb mit einem Laken bedeckte Mann wurde von Krämpfen geschüttelt. Man konnte sein Stöhnen hören. Der Krankenwagen fuhr los.

Aus Jean-Francois Vilar: Die Verschwundenen, Assoziation A. Übersetzt von Andrea Stephani und Barbara Heber-Schärer.

Gerne wird ja über die liederliche Arbeit gemeckert, die Verlage heutzutage ablieferten und die früher viel besser gewesen sein soll. Ich bin mir da nicht ganz sicher. Auf jeden Fall findet man in übersetzten älteren Krimis doch teilweise haarsträubende Böcke. Ich glaube, das Niveau ist hier schon höher geworden. Einen Fehler, den man heute nur noch selten findet, ist die Ersatz von Trage durch Bahre.

Im Deutschen unterscheidet man das Gerät mit dem ein Mensch wenn es sein muss getragen wird und das Objekt auf dem ein Toter liegt, zum Beispiel weil er aufgebahrt wird. Eine lebende Person wird nicht aufgebahrt, nie, niemals, keinesfalls. Demzufolge findet auch kein Lebender Platz auf einer Bahre. Wenn also ein Kranker aus einem Haus auf einer Bahre getragen wird, dann schüttelt es mich.

Im Französischen, so meine ich Leo entnommen zu haben, wird dieser Unterschied nicht zwingend gemacht. Als Übersetzungen für Trage werden bard und civiere angeboten, als Übersetzungen von Bahre biere und civiere. Möglicherweise hatte Vilar in seinem Text civiere verwendet, was eben laut Leo „Bahre“, „Trage“ oder (was soll das jetzt sein ?) „Totenbahre“ bedeutet. Es liegt dann also an den Übersetzung die passende deutsche Übertragung auszuwählen.

bernd

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Ich weiß nicht, ob Ludwig Wittgenstein nicht doch in die Zukunft schauen konnte und Amazon und die dort vagabundierenden Besprechungen im Sinn hatte, als er riet, „Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen„. Wie auch immer. Es ist jedoch noch die mildeste Bemerkung, die einem einfällt, wenn man die Besprechung von Jean-Francois Vilars Die Verschwundenen durch einen Amazonkunden aus Bremen liest.

Der arme Leser hat eine gewisse Erwartungshaltung an das Buch: „Zwei Tage später nimmt der mit ihm entführte Alexandre mit ihm Kontakt auf um ihm etwas mitzuteilen. Die beiden verabreden sich. Victor erscheint zu dem Treffen und vor seinen Augen wird Alexandre bei einem Autounfall getötet. Victor macht sich daran, den Unfall und die Motive der Entführung [Alexandre und Victor waren zuvor gemeinsam fast drei Jahre entführt gewesen, bk] zu untersuchen. Eine ziemlich spannende Ausgangssituation aus der man einen spannenden Krimi hätte schreiben können. Nicht so der Autor, der dass nicht will oder dazu auch gar nicht fähig ist.

Tatsächlich macht Victor sich gar nicht auf, die genannten Untersuchungen durchzuführen, so steht es nur auf dem Umschlag des Buches. Der Text entwickelt sich anders als erwartet, er verkuppelt ziemlich brillant den Umbruch Ende 1989 in Osteuropa mit der Auseinandersetzung von Stalinisten und Trotzkisten im Jahr 1938 und dem damit einhergehenden schleichenden Untergang der Trotzkisten, „Kopfschüttelnd wird man in die Tiefen längst vergessen gehoffter Ideologiekindereien (Trotzkisten und Stalinisten streiten sich um den heissen Brei) hineingezogen und man fragt sich, wann der Autor wohl in Richtung „Lösung des Falles“ weitererzählen wird. Dazu kommt es jedoch gar nicht.

In den Mittelpunkt des Buches rückt ein „neuer Fall“, Victor stößt auf das Tagebuch von Albert, Alexandres Vater und die Frage was mit diesem passiert ist, treibt Victor um. Die (Welt-)Geschichte als solche ist auch spannend genug und wer tiefer graben will, wird zum Beispiel in Manes Sperbers Jahrhundertwerk Wie eine Träne im Ozean fündig.

Victor verliert sich mehr und mehr beim Lesen des Tagebuchs und als Leser blättert man verwirrt die Seiten um und fragt sich was das alles soll. Nicht nur, dass das Tagebuch überhaupt nichts mit dem Kriminalfall zu tun hat, der Autor springt auch noch wahllos zwischen den Jahren hin und her, so dass man nicht weiss ob gerade etwas über den Protagonisten erzählt wird oder dieser das Tagebuch von Katz liest.“

Nun, wie gesagt, besagter Amazonleser versteht das Buch nicht, gibt sich vielleicht auch nicht die Mühe .. muss er ja auch nicht. Aber dass dieser Text dann die einzige „Besprechung“ bei Amazon ist und zudem Vilars Buch mit einem Stern (von fünf) abgewatscht wird, ärgert.

Abgesehen davon, schüttelt es mich bei solchen ahistorischen Antiaussagen wie „ längst vergessen gehoffter Ideologiekindereien“.

bernd

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