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Archive for 21. Oktober 2008

Wie gut Autoren sein können, ohne von der lesenden Öffentlichkeit angemessen wahrgenommen zu werden, zeigt das Beispiel Thomas H. Cooks. Seit vielen Jahren schreibt er Kleinode subtiler Spannungsliteratur. Von Buch zu Buch variiert Stilistik und Art der Bücher und sein Oeuvre stellt mit das Beste das, was das Genre zu bieten hat. Dennoch, so recht wahrgenommen wird er in den USA nicht und die mangelnde Berücksichtigung von Red Leaves (deutsch: Gift des Zweifels) durch die Kritiker der Bestenliste, kann man auch nur als Bock bezeichnen.

The Murmur of Stones (in den USA: The Cloud of Unknowing) ist eine dieser typischen, psychologisch fein gesponnenen Erzählungen Cooks. Ein Verhör wird rekapituliert, soviel ist klar. Weit weniger klar ist jedoch, warum David Sears verhört wird. Er ist Anwalt, keine Leuchte seiner Zunft, aber doch solider Familienanwalt in einer kleinen Stadt. Sein Vater litt an paranoider Schizophrenie, im Laufe der Jahre wurde er zweimal abgeholt und in die regionale Psychiatrie eingewiesen. Ansonsten lief er deklamierend durchs Haus, schrieb eigene, eher schwache Verse und pöbelte über alle diejenigen, die ihn echt (oder zumeist eingebildet) beleidigten.

Der Horror schlechthin für Davis waren aber die Fragestunden seines Vaters, lange Gedichte mussten wiedergegeben, Wissen weit jenseits seines Alters gewusst werden.

So tell me, my young Dadalus, what divides Hades from the world of the living ?
A river.
Only one ?
No … four … two … no … five.
Name them.
Acheron.
Which is ?
The river of woe.
Next ?
Cocytus … the river of lamentation.
Next ?
Phlegethon. The river of … fire ?
Is or is not Phlegethon the river of fire ?
I think … it is … but.
Uncertainty is death.
Yes … yes, it is.
Next ?
Lethe.
Which is ?
The river of forgetfulness.
And last ?
„Mr. Sears?“
You return to the room, look at Petrie, and wonder if he now sees them glimmering in your eyes, the little fires that flicker on the far side of the Styx, the river of hate.

Quelle des Friedens für Vater und Sohn war Davids ältere Schwester Diana. Mit ihrem Wissen, Einfühlungsvermögen und ihrer Erinnerungsgabe beruhigte sie den Vater und lenkte ihn von David ab.

Sie heiratete, bekam ein eigenes Kind und mit der Zeit stellt sich ‚raus, dass auch dieses Kind nicht ganz intakt war. Eigensinnig, versponnen war es und lebte in seiner eigenen angstbesetzten Welt. Der Vater des Kindes, erfolgreicher Wissenschaftler, eugenetisch arbeitend und denkend, hätte den Sohn gerne abgeben, die Mutter jedoch kümmerte sich genauso um ihn, wie sie sich um ihren Vater gekümmert hatte.

Als der Sohn bei einem Unfall im Teich der Familie ertrinkt, verliert sie ihren Halt (zumindest kommt es ihrem Bruder so vor) und ihr kommt es so vor, als wenn sie überall Zeichen und Male findet, die auf ihren Mann als Mörder deuten.

Die Art und Weise wie Cook die Geschichte voranbringt, hier beweist sich die Meisterschaft des Autors. Subtil webt er ein Netz von Erlebnissen und Reflektionen. Szenen des Verhörs, in der zweiten Person Singular, wechseln mit den Darstellungen Davids in der ersten Person Singular. Erst ist er ein wenig irritiert, dann macht er sich Sorgen um seine Schwester, dann … und so ganz nebenbei steigert sich die Spannung. Die Erziehung des jungen Davids und die Automatismen die da eingeschleift wurden, gibt Cooks zudem genug Gelegenheit ohne Aufgesetztheit im literarischen Fach zu wildern.

The Murmur of Stones erzählt eine Geschichte, die zeigt, wie relativ Realität ist. Es ist ein elegantes Buch und es ist wiederum auch kein elegantes Buch, weil es unter der scheinbar geschmeidigen Form doch eine garstige Geschichte verborgen hält.

bernd

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