Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 9. Oktober 2008

David Peace macht es einem nicht leicht. Die Idee zum Buch scheint ja eine einfache zu sein. Der Fund einer Frauenleiche, vergewaltigt und erdrosselt führt zur Festnahme von Kodaira Yoshio, der die Tat auch bald gesteht. Dann ist da die Leiche einer zweiten jungen Frau, halb verwest, die in der Nähe der ersten gefunden wurde. Yoshio jedoch leugnet diese Tat und Inspektor Minami soll den Fall aufklären und versuchen sie Yoshio nachzuweisen. Und dann gibt es viele, viele Mütter, die ihre Töchter vermissen.

No one is who they say they are …

Eine Stadt in Trümmern, die Seele in Trümmern, die des Volkes ebenso wie die Minamis. Nicht nur, dass Tokyo durch wiederholte Luftangriffe zerstört ist, ein Jahr nach Kriegende ist die Bevölkerung bitterarm und verlaust, „I itch and I scratch, Gari-gari„, Yobos [Koreaner], Formoser und Chinks [Chinesen] ebenso wie Weiße und Schwarze beherrschen die Stadt und das stolze Land, mit der Folge dass die Alliierten Säuberungswellen übers Land schicken um die Polizei von Kriegsverbrechern zu befreien. Minami selber kommt mit der Realität nicht ganz zurecht, immer wieder flackert der Gedanke bei Minami auf, niemand sei, was er vorgibt zu sein. Nicht nur, dass er, MInami da irgendwie mit einem der Herrscher eines der Schwarzmärkte in Beziehung steht, da ist, so bekommt der Leser in kleinsten Häppchen serviert, noch etwas aus der Zeit als er anscheinend als Soldat in China war.

Einiges ist über das Buch geschrieben worden, sein Stil sei gereifter, und (mehr denn je) durch Ellroy beeinflusst. Ja, auch. Sprachlich ist der Text schlicht, mit durchschnittlichem Schulenglisch durchaus zu meistern … aber nicht zu verstehen. Peace arbeitet mit der graphischen Darstellung. Sehr viele kursiv gesetzte Sätze und zahlreiche sich nach unten verjüngende Absätze, machen aus dem Text mehr als eine lineare Abfolge von Sätzen.

Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang …
One, two, three, four, five, six Formosans lying in the street –
Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang …
Through the windscreen of a Formosan truck, the driver hit-
Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang …
The truck up on the sidewalk. The truck fast into the wall-
Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang …
Formosans spilling out of the back of the truck-
Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang …
They have iron clubs. They have pickaxes –
Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang …
We have revolver. We have bullets-
Bang ! Bang ! Bang ! Bang ! Bang …
I see Sensu Akira with his pistol-
Bang ! Bang ! Bang ! Bang …

One, two, three, four-
Bang ! Bang ! Bang …
Dead Formosans-
Bang ! Bang …
Five, six –
Bang !

Das „Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton….“ das lautmalerisch das Hämmern des Wiederaufbaues abbildet, es taucht wieder und wieder auf und wenn es nur im Kopf von Minami ist. Das ganz Buch ist durchwirkt mit derartigen Lautbildern und Sätzchen (z.B. „Gari-gari„, das das Kratzgeräusch darstellt). Minami, der uns die Geschichte erzählt, ist selten nur in einer Zeit an einem Ort, Peace versucht die parallelen Gedanken darzustellen. Wobei mitunter mehrere Assoziationen möglich sind.

David Peace macht es einem nicht leicht. Japan am Tiefpunkt ? Ein Mann auf dem Weg in den Wahn ? Die Suche nach einem Serienkiller ? Letztendlich ähneln sich die Bücher Peace‘ auf einer gewissen Art und Weise. Vielschichtige Romane gibt es häufiger, aber selten so dicht, so gedrängt, so emotional. Peace ist mit Tokyo Year Zero ein großes Werk gelungen, dass bei zurückgenommener Wortwahl und reduziertem Satzbau gewagter und klarer wirkt als die Bücher des Red Riding Quartett.

David Peace macht es einem nicht leicht. Wer sich der Mühe unterzieht, wird reich belohnt. Mit einem Buch, dass den Kriminalroman in eine moderne Richtung weist … und auch nicht. Viele Autoren gibt es sicher nicht, die auf der Höhe dieser sprachlichen, graphischen, stilistischen, inhaltlichen Darstellung nicht einen fulminaten Absturz erzeugen würden.

bernd

Read Full Post »