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Archive for 8. Oktober 2008

Zum Abschluss der Vorstellung der Kandidaten der Barry, Macavity und Anthony Awards, die zwischen 9. und 12.Oktober in Baltimore beim Bouchercon vergeben werden, nun die Kategorie Bestes Buch (nach Bestes Erstes Buch und Bestes Taschenbuch). Beim Macavity beinhaltet diese Kategorie auch die Taschenbücher – wie dieses Jahr Blood of Paradise von Davis Corbett.

Folgende Bücher sind dieses Jahr nominiert:
Macavity

Soul Patch, von Reed Farrel Coleman
The Unquiet, von John Connolly
Blood of Paradise, von David Corbett
Water Like a Stone, von Deborah Crombie
What the Dead Know, von Laura Lippman

Anthony

Tin Roof Blowdown, von James Lee Burke
Bad Luck and Trouble, von Lee Child
The Watchman, von Robert Crais
Thunder Bay, von William Kent Krueger
What the Dead Know, von Laura Lippman

Barry

Soul Patch, von Reed Farrel Coleman
The Unquiet, von John Connolly
Down River, von John Hart
Dirty Martini, von J.A. Konrath
What the Dead Know, von Laura Lippman
Red Cat, von Peter Spiegelman

16 Nominierungen und 12 verschiedene Bücher also, einzig What the Dead Know ist für alle drei Preisen nominiert. Schon Anfang des Jahres war zu lesen, dass dieses Buch jeden der diesjährigen Preise gewinnen sollte, ganz so kam es bisher nicht, aber tatsächlich könnte es Lippmans Wochenende werden. The Unquiet und Soul Patch sind bei Barry und Macavity nominiert, so dass diese beiden Preise insgesamt drei nominierte Bücher teilen.

What the Dead Know ist ein weiteres dieser so unscheinbar daher kommenden Bücher Laura Lippmans, die wenig vordergründige Spannung bieten und doch spannend sind und die scheinbar simpel, aber doch eindeutig intelligent geschrieben sind. Es erzählt die Geschichte einer Frau, die 30 Jahre nachdem zwei Mädchen für immer spurlos verschwanden, auftaucht und behauptet eine der beiden zu sein. Lippman nutzt diese Geschichte um die Leben der Personen der Umgebung des Mädchens nach zu erzählen, gleichzeitig bleibt beim Leser aber immer dieser nagende Zweifel, was er nun glauben dürfe. The Unquiet von John Connolly hat einen Touch von „otherworldliness“. Gestalten tauchen in diesem Buch auf, das von Kindesmissbrauch handelt, die scheinen nicht von dieser Welt zu sein. Das vermittelt insgesamt so eine Stimmung von Gedrängtheit und Getriebenheit und zerstört doch nicht die Realitätstüchtigkeit des Buches, das auch noch humorvoll ist und und in einer lyrischen Sprache erzählt ist, die Connelly als großen Stilisten ausweist.

Soul Patch von Reed Farrel Coleman ist ohne Zweifel dominiert vom Protagonisten und seiner Gedankenwelt, die ihn lähmt und ihm den Schlaf raubt. Dieses kennt man auch von anderen Autoren und Büchern, selten aber schafft es ein derartiger Stil, einen stimmigen, auch nur halbwegs komplexen Plot ans Tageslicht zu fördern. Dieser Geschichte von alten Freundschaften, Treu und Glauben gelingt das. Auch Red Cat von Peter Spiegelman ist vom Protagonisten und seinen Konflikten dominiert und auch hier gibt es einen stimmigen Plot mit komplexen Gefüge. John March, Expolizist und Privatdetektiv, von seinem Bruder gebeten bei einer delikaten Angelegenheit zu helfen, muss ins New Yorker Künstlermilieu eintauchen. Zwischen Hinterhof und dezenter Nobelgalerie angesiedelt, produzieren dort, mal arrogant, mal unsicher auftretend mehr oder wenig hyppe Künstler Videokunst und Performance oder spielen im Theater. Es ist auch ein Buch, bei dem Sprache und Atmosphäre überzeugen. Im direkten Vergleich gefällt es mir noch etwas besser.

Bei David Corbetts Blood of Paradise (eines der sechs Bücher, die diese Wochenende insgesamt dreimal nominiert sind) dreht es sich dagegen um die große Politik. Das Buch erzählt die Geschichte eines Bodyguards in El Salvador, der zwischen die verschiedenen Parteien in einem Land gerät, in dem offiziell Frieden und de facto eine Form von Bürgerkrieg herrscht. Es ist eine vielschichtige, kompromisslose und beseelte Darstellung einer Realität, an der die USA und ihre diversen geheimen Dienste nicht ganz unschuldig sind. Auch The Tin Roof Blowdown von Altmeister James Lee Burke über die Hurrikans Katrina und Rita ist (zum Teil) ein politisches Buch. Es ist ein Toben und ein Rasen, nicht nur der Naturgewalten, sondern noch viel mehr des Schriftstellers und seines Protagonisten in dieser sprachlich und inhaltlich komplexen Geschichte.

In Lee Childs Bad Luck and Trouble ist Jack Reacher, der Held der Serie diesmal nicht allein tätig, sondern Teil einer Gemeinschaft von alten Kameraden der Militärpolizei. Wie gewohnt, schafft es Child diese Balance zwischen Rätsel und Thrill zu wahren, die ihn auszeichnet. Es ist etwas mehr Zahlenspielerei als sonst und das Buch wirkt schon beinahe politisch, nicht nur, dass Reacher nicht mit Alaska Airline fliegen mag, da diese dem Bordmenü Bibelsprüche beilegen und dass die ehemaligen Soldaten, die besten ihres Faches, doch alle irgendwie haltlos und verloren wirken, auch die Bush-Administration bekommt ihr Fett ab. Joe Pike in Robert Crais The Watchman erinnert entfernt an Jack Reacher, ohne dessen detektivische Qualitäten, nonchalanten Esprit und Köperhaftigkeit zu erreichen. In den USA kommt das Buch sehr gut an. Geboten bekommt man ein Stück Lebensgeschichte des sonst zweiten Manns in der Serie um Elvis Cole und eine rasante Geschichte, die sich in ein grandioses Finale steigert. Das alles kurz und knapp, immer mit einem Augenzwinkern, vorgetragen, ohne dass es einen wirklich vom Hocker hauen würde. Pike ist einer dieser Typen, die durch jeden Sturm hindurch schreiten und man ist sich sicher, nicht nur er sondern auch etwaige Schutzbefohlene kommen unbeschadet durch.

Nachdem William Kent Krueger zuletzt mehrere hochdramatische Geschichten in der Serie um Cork O-Connor vorlegte, wirkt Thunder Bay im Vergleich dazu direkt besinnlich. Die Familie und Freunde, insbesondere Henry Meloux, sein väterlicher Freund stehen im Vordergrund. Ein Auftrag, den Cork nicht alleine lösen kann, wird Ausgangspunkt für eine Reise in die Vergangenheit und es entwickelt sich eine packende und ist letztlich herzenswarme Geschichte in der uramerikanische Tugenden wie Familie und Freundschaft ebenso wie kulturelle Toleranz hochgehalten werden. Wenn man so mag ist Deborah Crombie, Water Like Stone das britische Gegenstück. Duncan Kincaid und Gemma James, er Detective Superintendent und sie Detective Inspector, sie geschieden und seine Frau an Krebs verstorben, beide mit einem Kind aus ihren Ehen, leben zusammen und sind über die Weihnachtstage zu seinen Eltern gefahren um dort die Tage zu verbringen. Als seine Schwester den Leichnam eines kleinen Kindes und später sein Sohn eine ermordete Frau finden, müssen Kincaid und Gemma mehr oder weniger zuschauen wie Ronnie Babcock, sein Freund aus Jugendtagen die Ermittlungen leitet und eher heimlich wie Privatdetektive eigene Ermittlungen anstellen. Auszeichnen tut das Buch seine „Britishness“, der Ton, die Dialoge, die Darstellung. Ein Brite mag Mängel finden, aber es ist ja ein amerikanischer Krimipreis.

Down River von John Hart ist der diesjährige Gewinner des Edgars, literarisch will er sein, ein Thriller zudem. Nicht nur ich fand den literarischen Teil ein wenig gewollt. Am Ende überzeugt diese Geschichte von Einen der nach Jahren der Abwesenheit heimkehrt und den sie für ein früheres Verbrechen verantwortlich machen, als nahe am Mystery weilendes, im Grunde überraschend gradliniges, die Atmosphäre der ländlichen Region North Carolinas beschwörendes Buch, welches das klassische Familienthema nutzt, um dem Thrill ein Rückgrat zu geben. Ein ganz anderer Thriller ist Dirty Martini von J.A. Konrath. Der Humorkrimi beschreibt die Jagd nach einen Killer, der erst in kleinem Maßstab mit Botulinustoxin Lebensmittel vergiftet und dann mit der Drohung Gifte im großen Maßstab einzusetzen, Geld zu erpressen versucht. Anders als viele derartige Bücher, findet sich hier nicht nur überdrehte Beschreibungen, überbordernden Darstellungen und treten Personen auf, die nicht unbedingt plastisch aber plakativ dargestellt sind und sich zur Illustration von Sachverhalten unseres Lebens eignen, sondern all dieses ist um einen knackigen Thrillerplot gespannt.

Auch hier gilt, dass eine vernünftige Vorhersage über den Ausgang nicht möglich ist. Der Mcavity Award scheint mir die stärkte Truppe am Start zu haben, wenn What the Dead Know wohl (angesichts der Publikumsbegeisterung) auch leicht vorne liegt, dürften Soul Patch, The Unquiet und Blood of Paradise (in dieser Reihenfolge) doch Chancen besitzen. Ähnlich gut ist das Feld beim Macavity besetzt, gerne sähe ich Red Cat vorne, aber ich fürchte dieses wunderbare Buch hat nur Außenseiterchancen. Die Chancen von Down River kann ich nicht einschätzen,nach dem Gewinn des Edgars ist alles möglich, aber besonders stark ist das Buch nicht. The Tin Roof Blowdown, das für den Anthony nominiert ist, ist meiner Meinung nach das stärkste Buch überhaupt, aber angesichts dass der Anthony ein Publikumspreis ist, wird wohl Lippman hier das Rennen machen,

bernd

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