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Archive for September 2008

Zwischen 9. und 12.Oktober findet in Baltimore die Bouchercon statt, eine jährliche Veranstaltung des Genres bei der sich Autoren, Verlagsmenschen, Kritiker und Leser treffen. Dabei werden auch vier der bedeutenden US-Amerikanischen Krimipreise vergeben: Anthony, Macavity, Barry und Shamus Awards. Letzterer richtet sich an Krimis mit Privatdetektiv, während die anderen drei das gesamte Genre abbilden, von ihrer Ausrichtung her einige Gemeinsamkeiten teilen und allesamt eher mainstreamige Bücher und Autoren bevorzugen.Die diesjährigen Kandidaten für diese Preise möchte ich getrennt nach den drei Kategorien gemeinsam besprechen. Den Anfang machen die Bücher der Kategorie Bestes Erstes Buch, die Nominierten der beiden anderen Kategorien folgen in den nächsten beiden Wochen.

Folgende Bücher sind dieses Jahr nominiert:

Macavity

In the Woods, von Tana French
Heart-Shaped Box, von Joe Hill
The Spellman Files, von Lisa Lutz
Stealing the Dragon, von Tim Maleeny
The Collaborator of Bethlehem, von Matt Beynon Rees

Anthony

Big City, Bad Blood, von Sean Chercover
In the Woods, von Tana French
The Spellman Files, von Lisa Lutz
Head Games, von Craig MacDonald
The Blade Itself, von Marcus Sakey

Barry (erschienen 2007 in den USA):

Missing Witness, von Gordon Campbell
Big City, Bad Blood, von Sean Chercover
In the Woods, von Tana French
The Spellman Files, by Lisa Lutz
The Collaborator of Bethlehem, von Matt Beynon Rees
The Blade Itself, von Marcus Sakey

Insgesamt also neun verschiedene Bücher für 16 Nominierungen. In the Woods von Tana French, Edgar Gewinner und einer der Stars der Saison und, nachdem ich es gelesen habe, gar nicht so überraschend The Spellman Files von Lisa Lutz wurden für alle drei Preise nominiert. Dieses Jahr mindestens einen Krimipreis gewonnen haben The Collaborator of Bethlehem von Matt Beynon Ress und Big City, Bad Blood von Sean Chercover, sie sind ebenso wie das in den USA gehypete The Blade Itself von Marcus Sakey für zwei der Preise nominiert.

Damit sind wohl auch die Bücher herausgehoben, welche die größte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekommen haben. Lisa Lutz Buch (deutsch: Miss Undercover: Ein Familienroman) ist international recht erfolgreich und wird nicht nur in Deutschland nicht als Krimi vermarktet, Es erzählt keine sehr handlungsreiche Geschichte, sondern beschreibt eine Familie mit ihren schrägen Mitgliedern und reichlich eigentümlichen Interaktionen. Es ist ein ganz vorzügliches Buch, aber als Krimi hat es nicht gerade seine Meriten. Ganz anders natürlich In the Woods (deutsch: Grabesgrün) von Tana French, ein Buch das die Leserschaft spaltet. Einige irritiert das verhältnismäßig offene Ende, viele sind angetan von seiner düsteren Atmosphäre. Es bewegt sich gekonnt zwischen den verschiedenen Subgenre und lässt sich als Psychothriller, als Kreuzung zwischen Whodunnnit und Ellroys Black Dahlia lesen.Ähnlich komplett ist Big City, Bad Blood (das im Gegensatz zu den beiden vorgenannten Bücher noch für den Shamus nominiert ist, so dass es auch beim Bouchercon mit drei Nominierungen aufwarten kann) von Sean Chercover, in dem sich ein Privatdetektive marlowescher Prägung in einen Thriller moderner Machart hinein verpflanzt sieht, eine spannende Geschichte die Chercover mit Humor und Gespür für Menschen erzählt.

Auch Marcus Sakey versucht mit The Blade Itself (Deutsch: Der Blutzeuge) dem Trend des stilistischen Mixes zu folgen. Ein wenig Noir, der Rückbezug zur gemeinsamen Jugend a la Mystic River und ein furioses Finale können aber nicht ganz verbergen, dass die Hauptfigur etwas blass und der Mix etwas gewollt wirkt. The Collaborator of Bethlehem (Deutsch: Der Verräter von Bethlehem) erzählt eine Geschichte aus Palästina. Auch wenn Palästinenser unter sich sind, könnte dem Leser vor Zorn der Kamm schwellen und er/sie übersehen, dass das Rätsel dünn und die Gründlichkeit im Denken beim detektivischen Lehrer nicht die ist, de er von seinen Schülern einfordert.

Lediglich für den Macavity nominiert ist Joe Hills The Heart-Shaped Box (Deutsch: Blind). Der Gewinner des Bram Stoker und des ITW (International Thriller Writer) Awards lässt Geister auftreten die unangreifbar wirken. Um diese stimmig aufgebaute und spannende Geschichte, die aber mit überraschend gut gezeichneten Charakteren aufwartet, werden klassische Krimileser sicher einen Bogen machen. Ebenfalls nur für den Macavity nominiert ist Stealing the Dragon von Tim Maleeny. Das Buch lebt ein wenig von der Exotik Südostasiens und der Chinatowns San Franziskos, entwickelt eine komplexe Geschichte, zeigt gelungenes Handwerk, stimmige Charaktere, ist herzenswarm und unterhält mit einigen überraschenden Wendungen und einem packenden Finale.

Nur für den Anthony ist Head Games von Craig MacDonald nominiert, das ambitioniert geschriebene Buch war auch für den Edgar nominiert. Es ist ein turbulenter Road Movie, bei dem es um den verschwundenen Schädel eines der mexikanischen Helden im Kampf gegen die USA geht. Es ist vollgepumpt mit Pulp Fiction, 50er Jahre Atmosphäre, Hollywood, Hemingway usw und ist auf eine angenehme, klug beobachtende Art und Weise witzig.

Ebenfalls für den Edgar nominiert war Missing Witness von Gordon Campbell, das nun für den Barry nominiert ist. Von einer originellen juristischen Finte ausgehend, entwickelt sich ein Courthousedrama mit starken Whodunnitelementen das voller überraschender Wendungen ist und den Bundesstaat Arizona in starkes Licht taucht.

Voraussagen über die Gewinner scheinen schwierig und ehrlich gesagt führen sie auch zu wenig. Meiner Meinung nach sind In the Woods und Big City, Bad Blood die stärksten der hier versammelten Bücher, sie teilen möglicherweise die Preise unter sich auf. The Collaborator von Bethlehem und The Blade Itself sind wohl nach den Erfolgen und Belobigungen Chancen einzuräumen, da bleiben wohl für die gelungenen und eigenständigen Head Games und Missing Witness wenig Chancen,

bernd

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Acid running through my veins like a psychosomatic warning sign.


Jason Pinter, The Mark

Als der Protagonist das sagt, ist er in einer lebensbedrohlichen Situation, also in einer Szene in der gerne von der wundersamen Wirkung des Adrenalins die Rede ist. Von daher ist die Säure wohl als Metapher zu verstehen, aber warum gerade ein „psychosomatisches“ Warnsignal ?

Ist das erstens anders und zweitens was soll das überhaupt sein ?

Nun hat natürlich Psychosomatik viele Fazetten, auf die Frau krimi.krimi sicher besser eingehen könnte als ich, wenn sie nicht im Urlaub wäre. Aber sagen wir mal, ein Zweig beschäftigt sich mit Leiden die ohne primäre oder ohne wesentliche primäre körperliche Ursache entstehen. Sekundär ist dann der Körper schon geschädigt, zum Beispiel Herzkreislauferkrankungen oder die entzündlichen Darmerkrankungen und, ganz wesentlich, die Leiden die sind nun real. Unterschied zu nicht psychosomatisch bedingten Erkrankungen ? Genau ! Andere Teilbereiche beschäftigen sich wohl mit der Wechselwirkung zwischen Erkrankung und Seele. Warnsignale ? Genau !

Vermutlich meinte Pinter irgendwas anderes, oder er meinte … wie auch immer. Vielleicht beeindruckt es die Leute, aber besser wär’s ohne gewesen.

bernd

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Nun sind die beiden älteren Schwestern, die unter dem Pseudonym P.J. Parrish auftreten, auch der Mode gefolgt, den Sidekick, die Nebenfigur in der Hauptrolle zu präsentieren. Bei A Thousand Bones ist es die Kriminalpolizistin Joe Frye, mit der Louis Kincaid im vorletzten Band seiner Serie einen Fall löste und anschließend anbandelte. Anders als bei Robert Crais, dessen Versuche zu diesem Thema -> hier jüngst dargestellt wurden, zeigen die beiden Schwestern, dass sie anders als gewohnt können.

Frye, die erfahrene, gereifte Polizistin, auch sie war ‚mal jung und ein unerfahrener Rockie. A Thousand Bones zeigt uns diese junge Frau in einem rasanten Fall in der harten Winterlandschaft Michigans. Nahe Echo Bay einer kleinen Ortschaft werden einige wenige Knochen gefunden und die kleine Polizeitruppe der Gemeinde muss, obwohl sie es personell eigentlich gar nicht leisten kann, sich darauf einzulassen, sich mit diesen Knochen zu beschäftigen.

Meistens hat man ja als Leser eine Vorstellung in welcher Richtung das Buch marschieren wird. A Thousand Bones wirkt am Anfang wie ein Rätsel; mit  wenigen Spuren und obwohl sie eigentlich gar nicht dem Fall direkt zugeordnet ist, der akribischen Arbeit Fryes, die tatsächlich so etwas wie eine Fährte findet.

Dann, irgendwann, wenn der Leser sich eingerichtet hat, denn inzwischen gibt es weitere Spuren und weitere Knochen von weiteren Opfern, junge Frauen allesamt und ein Verdächtiger ist vorhanden, da ändert sich der Ton des Buches und es wird aus der Perspektive des Täters berichtet. Und während der Leser noch über diese Volte rätselt, überschlagen sich die Ereignisse und das Buch nimmt eine derart rasante Fahrt auf, dass ich am Ende meine, dass es die soweit spannenste Lektüre des Jahres war.

Wieder ein Seriekillerthriller, so denkt man anfänglich, nichts was man noch wirklich braucht, alles scheint doch gesagt und doch schaffen es die beiden Autorinnen eine interessante Geschichte daraus zu machen. Ohne den Täter unnötig zu psychologisieren und mit interessanter Symbolik.

A Thousand Bones zeigt was für unterschätzte Autorinnen die beiden immer noch sind. Sie machen hier vieles richtig, variieren gekonnt den Rhythmus, wechseln die Erzählweise, ziehen den Leser in einen furiosen Lesestrudel und zeichnen mit der Vorgeschichte Fryes auch ein gelungenes Bild von ihr. Angesichts dessen, dass es in der Darstellung doch deutlich von den Büchern der Serie um Kincaid abweicht, auch ein Schritt noch vorne. Sicher ein Buch, das sich auch gut in Deutschland verkaufte.

bernd

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Thomas Klingenmaier schreibt in der Stuttgarter Zeitung über Andrew Vachss, man weiß zwar nicht genau was, aber  Georg bringt zumindest einen kleinen Auszug. So schreibt Klingenmaier über Kata (englisch: Flood), dem Erstling Vachss‚, für den er 1989 den 3. DKP gewann: „Der war weit düsterer, brutaler, paranoider als der Durchschnittskrimi, die Hauptfigur Burke die extreme Verwilderungsvariante herkömmlicher Privatdetektive. Als frage Vachss, ob wir tatsächlich an die moralische Unbescholtenheit all der Revolverritter glauben, die sonst so für die gute Sache in die Gosse steigen.

Literaturwissenschaftlich geschulte wie Thomas Wörtche, Joachim Linder und Georg schätzen Vachss nicht besonders, wohl weil er, wie Klingenmaier an anderer Stelle ausführte, die Darstellung seinem Thema unterordnet: „Man kennt den Amerikaner Andrew Vachss als Kreuzzügler, als hassdurchsäuerten literarischen Vigilanten, der als Anwalt und Autor Kindesmissbrauch zu seinem Thema gemacht hat.

Ich bin mir nicht ganz sicher wie Klingenmaier zu Kata steht (mir scheint, der Daumen bleibt oben), aber meiner Meinung nach ist es ein erstklassiges Buch, sowohl wegen seiner kristallinen Sprache als auch wegen der von Klingenmaier beschriebenen düster dunklen Atmosphäre. Es ist dem Der Fahrer (englisch: The Getaway Man), vom dem derzeit so viel Gutes zu lesen ist, haushoch überlegen. Letzteres schwächelt ein wenig daran, dass die Figur des Simpels mit seiner harten Kindheit schon ‚mal von Vachss in seinem erschütternden Shella verwendet wurde.

Auch in diesen Büchern ist Vachss im Grunde seinem Konzept des trojanischen Pferdes treu geblieben, mit dem er dem Leser sein Thema Kindesmissbrauch (im weitesten Sinne) und seine Ursachen nahe bringen möchte, denn auch hier zeigt er die Bedingungen unter denen Kinder, Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten. Seine Burke-Romane sind konsequenter und die von Klingenmaier beschriebene „Blickverengung: das Böse tritt stets in Gestalt von Kinderschändern auf.“ ist richtig und von Vachss gewollt. Mit dem Resultat, dass spätere Bücher schwierig sind und ein Buch wie False Allegations schlichtweg unlesbar ist.

Bei Klingenmaiers Aussage, sie seien „authentische Selbstjustizplädoyers, voll kruder Rachefantasien“ bin ich mir nicht ganz sicher. Sicher, Täter (wie in vielen Krimis) sind bei Vachss häufig Todgeweihte, sein metaphysisches Choice of Evil (das Ende hat mich ans Ende von Philip K. Dicks Ubik erinnert), das von einem Mördern handelt, der Pädophile verfolgt, zeigt, dass es wohl ein wenig komplizierter ist.

In Choice of Evil, the author is seriously back and running on all six cylinders, turbocharged, using every literary implement in the house, co-opting cyber and S & M culture, elements of supernatural fiction, pulp and literary structural trickery and more to bring his dark universe to light.

bernd

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Splitter

  • Thomas Disch. Sylvia Plath. Yukio Mishima. Virginia Woolf. Ernest Hemingway. Robert E. Howard. Anne Sexton. Iris Chang. Hunter S. Thompson. Aus aktuellen Anlass schreibt J.D. Rhoades über Autoren, die Selbstmord begingen.
  • Früher war einfach alles besser, die Kriege, die Dultmütigkeit der Menschen, die Medizin, … und natürlich die Sprache, insbesondere die Deutsche, die rein und sauber durch die Zeiten kam, bis das böse Englisch kam. Für den Laien ist natürlich nicht klar, wann denn nun der Höhepunkt dieser vornehmen Sprache erreicht war. Vor 50, 100, 500, 1000 oder gar 2000 Jahren ? Zum Glück gibt es Sprachwissenschaftler, einer davon schreibt über dieses Thema. Die Ernüchterung ist allerdings groß. Schon immer gab es Leute, die meckerten und die die Sprache der Vorväter für besser hielten, selbst bei den Lateinern und natürlich in Frankreich und in UK und in den USA. Überraschend nur, dass man über solche Trivialitäten schreiben muss.
  • ITW, International Thriller Writer wollen expandieren, anders als andere Autorenvereinigungen aus den USA wollen sie nicht nur ein paar stille Mitglieder aus anderen Ländern, sondern sie bauen dort aktiv lokale Organisationen auf. Den Anfang machen Kanada, Australien & Neuseeland, Südafrika, Irland, UK, und Südostasien. Dabei, so betont David Hewson hofft man auch in den USA von diesen neuen Mitgliedern zu lernen. Warum soll nicht auch mal eine Gruppe mit nicht-englischsprachigen Autoren gegründet werden ?
  • Es klingt einleuchtend und mutet doch wie ein juristischer Dreh an. Booksurge, ein POD-Haus, das zu Amazon gehört, hat jüngst einen Prozess gewonnen. Angeklagt waren sie, weil bei ihnen ein Buch erschienen war, welches das Ansehen einer jungen Frau beschädigte, etwas wofür in den USA die Verlage mithaftbar gemacht werden, schließlich hätten sie vorab den Inhalt des Buchs gekannt. Soweit Business as Usual, booksurge behauptete jedoch, dass sie keine Editoren haben, also auch nicht verantwortlich seien – das Gericht sieht das genauso.
  • James Crumley ist gestorben. Eine erste Würdigung des großen Autoren gibt es bei Sarah Weinman.

bernd

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Auch Schweden scheint nicht mehr das soziale Paradies zu sein, für das es von Vielen gehalten wird; zumindest gibt es in Kjell Erikssons Nachtschwalbe viele Menschen, die Immigranten wedweder Herkunft als Schwarze und Neger bezeichnen. Kein Wunder, dass die derart zurückgewiesenen auch mal ausrasten.

Am Anfang des Buches steht die gründlich demolierte Innenstadt Uppsalas. Über 100 Schaufensterscheiben sind zerschlagen, mitten drin, in einem Buchgeschäft die Leiche eines jungen Mannes, offensichtlich zusammengeschlagen mit einem Stuhl. Später kommt dann noch eine pakistanische Familie beim Brand des Zentrum für Asylanten zu Tode. Man hat also alle Hände voll zu tun bei der Kriminalpolizei Uppsalas und dem Team von Ann Lindell, die gerade aus dem Mutterschutz kommt.

Eriksson will aber mehr als nur einen Krimi schreiben, der die Verwicklungen der Menschen miteinander über ein Verbrechen darstellt. Er nähert sich den Menschen und zwar auch den Menschen, die unmittelbar mit dem Handlungsablauf nichts zu tun haben. Lindell zum Beispiel hatte einen Freund, bis sie fremd ging und dabei auch noch schwanger wurde. Diesem Mann folgen wir auf eine abseits gelegene Insel auf der er lebt und sehen wie er das tut und ab und an an Ann denkt. Oder, oder, oder.

Interessant dabei ist, dass dieses ganze Menschliche, dass nun wenig mit der Krimihandlung zu tun hat, die Geschichte gar nicht so breit werden lässt, denn der Leser kann ja während des Lesen nicht wissen, welche Elemente später wieder aufgegriffen werden.

Nachtschwalbe ist ein Buch, dass den Lesern gefallen wird, die Krimis lesen wollen, bei denen es menschelt. Dabei ist der Aufbau und die Auflösung des Falles gar nicht schlecht und sogar relativ komplex, wenn’s auch nicht so richtig spannend wird. Teilweise sind da drei oder mehr Ermittler (auch private) unterwegs, die versuchen, das Ende des Falles zu fassen, das sie sehen. Es ist eine Darstellung, die mehr in die Breite geht. Keine Ermittler, die wie die Bluthunde an immer neuer Stelle Stelle die Fährten aufnehmen, sondern schlichtweg unterschiedliche Leute, die an unterschiedlichen Stellen graben.

bernd

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Der lange Schwanz und Marketingstrategien

Shelf Awarness weist auf ein Treffen der Book Industry Study Group hin, das letzte Woche stattfand. Dabei ging es unter Anderem um den Einfluss des Internets auf den „Long Tail„. Bei vielen Gütern (nicht nur Büchern) macht ein kleiner Anteil der Gesamtproduktion einen großen Anteil am Gesamtverkauf aus – der sog. Kopf. Vom überwiegenden Teil der Produkte (dem langen Schwanz) werden dagegen nur geringe Mengen umgesetzt – auch 80/20 Regel genannt, 20 % der Waren machen 80 % des Umsatz und 80 % der Waren 20 % des Umsatz. Jeder Produzent/Händler möchte natürlich diesen langen Schwanz dicker machen (den Verkauf pro Produkt erhöhen) oder ihn abschneiden. Bei den Verlagen führt das zum Beispiel dazu, dass Autoren, deren Bücher sich nicht so gut verkaufen, aus dem Programm fliegen.

Die Long Tail Theorie ist die Vorstellung, dass durch die Möglichkeiten des Internets der lange Schwanz so sehr angefettet werden kann, dass dieser mehr als 20 % Verkaufsanteil ausmacht. Das macht durchaus Sinn und leitet sich im Grunde aus der Vorstellung ab, dass das Internet die Zugang zu Information demokratisiere.

Ökonomisch ist das natürlich extrem wichtig, denn wenn diese Vorstellung richtig wäre, müssten Verlage und Händler ihre Werbestrategien ändern und mehr auf die Nischenprodukte ausrichten. Die Folge wäre eine Stärkung der Vielfalt, deren zunehmende Gefährdung ja von allen beklagt wird.

Auf dem Treffen gab es nun einen Vortrag von Anita Elberse, Professorin in Harvard zum Thema. Am Beispiel von Grand Central (früher Warner Books) macht sie die Strategie deutlich. „Whereas the 61 hardcover titles Grand Central put on its 2006 front list, on average, incurred costs of $650,000 and earned gross profits of just under $100,000, a wide range of numbers contributed to those averages. Grand Central’s most heavily marketed title incurred costs of $7 million and achieved net sales of just under $12 million, for a gross profit of nearly $5 million—50 times the average. […] In 2006 just 20% of Grand Central’s titles accounted for roughly 80% of its sales and an even larger share of its profits (sic !, bk).“ Um dann im Weiteren anhand der „music and home-video industrie“ zu überprüfen, ob am Long Tail etwas dran ist. Die Detail sind leider nicht ohne Weiteres verfügbar, aber laut Elberse ist es eindeutig, dass es in diesen Bereichen immer mehr Produkte gibt, die sich immer schlechter verkaufen, der Effekt also hier keine besondere Rolle spiele.

In einer Antwort schreibt Chris Anderson (der Erfinder der Long Tail Theorie), dass für ihn der Unterschied zwischen Kopf und Schwanz der zwischen Ladengeschäft und Internethändler sei. Mehr als 1% der verfügbaren CD’s, DVD’s, Bücher hält kein Ladengeschäft vorrätig, diese machen aber bei je nach Internethändler „lediglich“ 32% bis 70% der Umsätze aus.

Beide weisen übrigens darauf hin, dass der Unterschied zwischen jemanden der sich intensiv mit einem Medium, einer Gattung, ein Genre beschäftigt und einem Gelegensheitskäufer der ist, dass erstere sich eher aus dem Schwanz bedienen und letztere aus dem Kopf.

bernd

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