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Archive for 14. Januar 2008

Zufällig gab es auf zwei Blogs am Freitag Beiträge zur möglichen Aufkündigung eines Grundkonsenses in der Literaturwahrnehmung. Ludger Menke zitierte einen Artikel aus der Welt, in dem der Autor, Hendrik Werner sich darüber mokiert, dass zwei neuere Tatortfilme zu Beschwerden bei Gruppen geführt hatten, die im Filme dargestellt wurden. In einem Fall war es die alevitische Glaubensgemeinschaft, in dem anderen Fall hatte „der Landesfischereiverband Baden […] die Konstanzer „Tatort“-Folge ‚Der Kormorankrieg‘ (mit Eva Mattes) angefeindet. Dies deshalb, weil die Fabel um Bodensee-Fischer, die aus Angst um ihre Felchen-Fangquote Kormorannester abfackeln, ein ehrenwertes Metier diffamiere. ‚Inhalt und Handlungsablauf waren an den Haaren herbeigezogen‘, barmt Ingo Kramer… .““

Bisher galt nach Getrude Stein der Grundsatz „ein Buch ist ein Buch ist ein Buch“, will sagen Literatur ist Fiktion, ausgedacht, nicht wahr und so lautet dann auch die Spartenbezeichnung im Englischen literary fiction. In der WELT stellt sich die Verwunderung folgendermaßen dar:

[…] frönen derzeit erschreckend viele Krimizuschauer offenbar einer vorplatonischen Rezeptionshaltung, die noch nichts vom Höhlengleichnis weiß. Einer Haltung, die nicht zu unterscheiden vermag zwischen Gegenstand und Schatten, Sein und Schein, Realität und Konstruktion, Fakten und Fiktion, Bild und Abbild, Wahrheit und Dichtung.

„nicht mehr“, möchte man in Bezug zum Höhlengleichnis einwenden. Nun stellen natürlich der Landesfischereiverband Baden und die alevitische Glaubensgemeinschaft nicht das klassische Krimipublikum dar. Man könnte also von einer „fehlgeleiteten“ Öffentlichkeit sprechen. Aber das Ganze reicht tiefer.

Ein Gesprächsfaden aus der Krimicouch macht es deutlich. Es geht dabei im Folgenden um Nick Stones Mr. Clarinet (deutsch: Voodoo). Der Vorwurf: „3. Manche Szenen sind sachlich nicht korrekt. 4. Das Vergewaltigungsszenario durch UN-Truppen ist nicht seriös und nicht politisch korrekt.

Dabei geht es um eine charakteristische Szene des Buches (im Original das 28. Kapitel). Ein Trupp UN-Soldaten (aus Bangladesh) hatte ein junges Mädchen verschleppt und brutal vergewaltigt – oral, anal, vaginal – und schwer verletzt zurückgelassen. Vincent Paul, zu dem Zeitpunkt vom Leser als Gegenspieler Max Mingus, der Hauptperson des Buches wahrgenommen und so etwas wie der „Bürgermeister“ des Slums der Hauptstadt Haitis, hat die Soldaten zusammengesammelt, verhört sie und lässt sie am Ende von der Familie und Einwohnern steinigen.

Die Szene dient dazu eine Bande zwischen Mingus und Paul herzustellen (Mingus hatte auf ähnliche Art und Weise auf ein Verbrechen reagiert und war im Gefängnis gelandet), sie zeigt den Unterschied zwischen USA (Mingus wird bestraft) und Haiti, wobei Paul die USA für den Verlust der Ordnung verantwortlich macht (sieht hier jemand Parallelen zum Irak ?), den Versuch Haitis selber Verantwortung für sich zu übernehmen, das Problem ein Land wie Haiti von außen zu befrieden (man muss die Vergewaltigung nicht nur wörtlich nehmen) und die extreme Gewalt und Gesetzlosigkeit die in dem Land herrschte.

Und die Schlussfolgerung ? „2. Auf Haiti sind keine Soldaten aus Bangla Desh stationiert. Das habe ich recherchiert. […] 3. Das heißt: die Szene und damit auch die Herkunft der Soldaten sind fiktiv. […] Sind Männer(Soldaten) aus Bangla Desh bekannt dafür, potenzielle Vergewaltiger zu sein? Warum legt sich Stone ohne Not auf ein Land fest? Genau das finde unseriös und nicht korrekt. Gerade Menschen, die selbst in tiefster Armut leben, als Sündenböcke hinzustellen.“ [Wie würde Ken Bruen sagen ? „Jesus wept“]

Stone wird hier also der Vorwurf gemacht eine fiktive Szene zu verwenden (sic !). Falscher Fokus würde ich sagen, es geht nicht um die Soldaten, sondern um Haiti. Aus Bangladesh „stammen“ die Soldaten zum Beispiel deshalb, weil es dort die Todesstrafe für Vergewaltigung gibt, was Paul den Soldaten auch vorhält und Stone glaubhaft machen kann, dass der Hauptmann der Soldaten, der nur schlecht Englisch kann, das in gutem Englisch verfasste Entschuldigungsschreiben an die Familie des Vergewaltigungsopfers nicht geschrieben haben kann.

Die Schlussfolgerung ? „besser wäre vielleicht ‚asiatisch‘ gewesen.“ Sicher nicht, denn asiatisch gibt es nicht, die verschiedenen Ethnien kann man mit ein wenig Übung einigermaßen auseinander halten. Und überhaupt: Sind asiatische Männer dafür bekannt potentielle Vergewaltiger zu sein ?

Bei solchen Lesern hat Stone eigentlich keine Chance, hätte es Soldaten aus Bangladesh in Haiti gegeben, wäre ihm vorgeworfen worden, dass er ihnen etwas unterstellte – Catch 22.

Also, Gott hüte uns vor politisch korrekten Büchern. Und vor Lesern, die den Bildergehalt von Büchern nicht mehr deuten wollen.

Joachim Linder schreibt in seinem Blog NuT „Mit dem Verschwinden dieser Unterscheidung [von Fiktionalität und Faktizität, BK], mit der Unwilligkeit oder Unfähigkeit, sie im Literaturbetrieb noch anzuerkennen, verarmt die Literatur.“ Und er liefert den Link zu einem sehr schönen Vortrag von Steffen Martus der über ein mir vorher unbekanntes Buch namens Moppel-Ich von Susanne Fröhlich referiert und just den Verlust jener Unterscheidung an einem Subgenre der Frauenliteratur deutlich macht.

Bis hierher durchgehalten ? Brav ! Leider ist der Text etwas lang geworden, am Mittwoch geht es weiter.

bernd

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