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Archive for 10. Januar 2008

(deutsch: Driver)

Eine Anmerkung vorweg: Die Besprechung lässt sich auch ohne die englischsprachigen Zitate lesen.

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Einen Namen hat sie nicht, die Hauptperson des Buches. Sie wird einfach nur Driver genannt. Der Name ist Programm: Driver fährt komplizierte Autostunts für Hollywoodfilme und ist „getaway driver“ (Fahrer des Fluchtautos) bei Einbrüchen. Man könnte also meinen, Drive ist ein Buch, das vom Autofahren dominiert wird und natürlich fährt Driver Autos und natürlich zeigt er fahrerische Kunststücke, aber dennoch: Das Fahren dominiert das Buch nicht so wie es das z.B. beim Getaway Man von Andrew Vachss getan hat. Eher beherrscht es das Buch als Metapher. Das Auto als das Sinnbild der USA.

Zogen sie einst mit dem Pferdegespann nach Westen und eroberten Ford und General Motors später die Welt, kann man wohl nun so etwas wie den Abgesang des US-amerikanischen automobilen Traums beobachten.

Truckers, The final embodiment of America’s enduring dream of absolute freedom, forever lighting out for the territory.

 

Drive erzählt eine kleine feine noir-Geschichte. In knappen Passagen, mit mitunter rasant wechselnden Perspektiven läuft das Leben des Protagonisten wie beiläufig ab, in kurzen Rückblenden wird aus seiner Kindheit/Jugend erzählt. Dieses Leben, das ein Zentrum und eine Ordnung hatte, es gerät plötzlich aus der Bahn und Driver muss sich seiner Haut erwehren, als ein Ding schief geht und er reingelegt wird.

Dieses Thema und seine Darstellung ist so klassisch, dass es nicht Wunder nimmt, dass es in Aufbau und Ablauf scheinbar erstaunliche Parallelen zu Jim Nisbets Dark Companion gibt. Auch Drive ist gespickt mit kleinen netten Episoden und ist getragen von einem klug beobachtenden Erzähler und kommt dabei so scheinbar unauffällig daher.

 

Tatsächlich gibt es in Drive, wir sind ja bei einem Buch, das teilweise in Hollywood spielt, einen ausgeprägten Subtext; zahlreiche Beispiele ließen sich anführen, die dieses belegten.

 

„Friend of mine claims the story of America is all about advancing frontier. Push through to the end of it, he says, which is what we’ve done here at land’s end, there’s nothing left, the worm starts eating its own tail.“

 

Drive ist ein Buch über das Ende des Amerikanischen Traums. Es ist ja nicht nur, dass Drivers Leben den Pfad der Ordnung verlassen hat, sondern, er kann sich da wohl nicht helfen, er beobachtet überall ein Verlust typischer amerikanischer Werte.

 

Concerned citizens of Arizona were up in arms because a humanitarian group had begun installing water stations in the desert that illegal immigrants had to cross from Mexico to the U.S. Thousands had perished trying to make the crossing. Concerned citizens of Arizona, Driver noted, came out all in a breath, like weapons of mass destruction or the red threat.

 

Es ist ohne Zweifel ein starkes Buch, lakonisch geschrieben und mit interessanten Bildern. Ein ist ein Buch mit einem einem typischen, unauffälligen Helden der außer seiner Fähigkeit Autos gekonnt zu bewegen, scheinbar wenig zu bieten hat und somit auch seine Gegner überrascht, die ihn immer wieder unterschätzen.

 

Words such as freedom, liberation, democracy surfaced repeatedly in his companion’s patter, causing Driver to remember ads for Thanksgiving turkeys, how simple it’s become: just stick them in the oven and this little flags pop up to let you know they were done.

 

Drive ist, da es so mustergültig daherkommt, ein Buch mit Potential zum Klassiker und doch überrascht mich ein wenig die Hype der deutschen Kritiker. Spiegelt sich da so etwas wie die Sehnsucht nach Büchern klassischen Zuschnitts wider ? Sicher, es vermittelt eine Haltung die in Deutschland gut ankommt und es macht es auf eine überzeugende Art und Weise, aber es gibt doch einige bei uns erschienene Bücher, die ich über alles gesehen, als gleichwertig ansehen würde – z.B. Peter Temples Broken Shore (deutsch: kalter August) oder Thomas H. Cooks Red Leaves (Das Gift des Zweifels).

Diejenigen, denen Drive gefallen hat, könnte auch Jim Nisbets Dark Companion gefallen, wenn es auf Deutsch erscheint. Obwohl Nisbets Buch sperriger und demonstrativer intellektuell ist.

A museum of American culture in miniture, a disemboweled time capsule – burger and taco sacks. Soda and beer cans, tied-off condoms, magazine pages, artikels of clothing – washed up on shore with each thrust of the waves.

 

Es spricht für die Qualität dieses Buches, dass es (zum Beispiel) bei Axel Bussmer, dpr und Tobias Gohlis zu unterschiedliche Lesarten führt, wobei sich die Rezensenten dann doch in einem einig sind: Drive ist ein sehr gutes Buch.

James Sallis ist Schriftsteller, Übersetzer, Poet und Musiker. Er ist der Autor einer sehr schönen Biographie über Chester Himes und Barbara Peters hat ein sehr gutes Interview mit ihm gemacht (hier alle sechs Teile zusammengefasst), in dem Sallis locker, leicht und unprätentiös über die Schriftstellerei und sein Leben erzählt.

bernd

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