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Archive for 12. Dezember 2007

(Fortsetung des Beitrags vom -> Dienstag)

Older people, talking to young ones, must understand just how much of an education reading was, because the young ones know so much less.

Aus Doris Lessings Text anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises.

Tatsache ist, dass nachwachsende Generationen noch nie das Wissen hatten, welches die Älteren für wichtig erachteten. Die Menschheit degeneriert seit dem Rauswurf aus dem Paradies, dem -> Goldenen Zeitalter konnte noch nie etwas gleichwertiges folgen.

Aber Lessing hat natürlich damit recht, dass das Internet, genauso wie das Buch es getan hat, unsere Kultur verändert. Nur … geht die Buchkultur verloren ? Oder die Lesekultur ? Und wäre das Internet daran schuld ?

Die Klage über die Trivialität des Bloggens und des Internets überhaupt ist populär. Nach der Hype kommt jetzt die Ernüchterung. Meistens, so scheint mir, ist die Erfahrung mit dem Medium, bei denjenigen die da schimpfen nicht sehr hoch.

Tatsache ist, dass es viel dummes Zeug im Internet gibt, es gibt aber auch viel dummes Zeugs außerhalb des Internets. So zitierte die Süddeutsche letzthin eine Studie, die feststellte, dass die meisten der Blogger jünger sind als 20 Jahre und die meisten Leser von Blogs älter als 40 Jahr. Also folgerte die Süddeutsche – ohne auch nur ansatzweise einen Hinweis zu Leserströmen und -verhalten zu haben – dass die Jungen die Alten bilden. Mag ja stimmen, aber die geschilderten Daten geben es nicht her. Offensichtlich kann man unausgegorenes Zeugs auch ohne Internet verzapfen und die die da gerne mit dem Finger zeigen, sollten ihn gelegentlich in Richtung des eigenen Spiegelbildes halten.

Meine Berufstätigkeit als Mikrobiologe wäre zumindest ohne Internet deutlich beschwerlicher. Eine seriöse statistische Untersuchung zu Nutzen und Wert des Internets wäre aufwendig, fehlt aber. So können sich dann im Zukunft weiterhin alle von ihrem Bauchgefühl leiten lassen.

Die große Sorge die Lessing und viele Kommentierende umtreibt, ist die, ob die Jugend heute weniger liest als früher. Für Lessing sind Bücher ein Synonym für Bildung, hier könnte sie aber irren. Mehrere Diskutanten beim Bremer Sprachblog und Wiens bloggende Schreiberin haben zum Beispiel angemerkt, dass ja ein großer Teil der Zeit im Internet mit Lesen zugebracht wird [wenn mir allerdings die Werkzeuge fehlen, Inhalte richtig zu gewichten, dass nützt es mir nichts, dass ich lese].

Sowohl Tinius als auch der Bremer Sprachblogger haben in neuerer Zeit Zahlen gebracht zum Thema Jugend und Lesen. Die Zahlen bei Tinius entsprechen den üblichen Erwartungen. So hatte die Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung im Auftrag des Internetshops mytoys.de im November 1016 Mütter zwischen 17 und 53 Jahren befragt, ob ihren Kindern Bücher zu Weihnachten geschenkt bekommen. Dabei kam heraus, dass 25% der Kinder älter 12 Jahre, aber nur 10 % der 3 bis 5-Jährigen ein Buch geschenkt bekämen. In die gleiche Richtung gingen Zahlen der „Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen“ die klagten, dass nur jedes dritte Kind pro Jahr ein Bilderbuch bekäme und nur in jedem dritten Haushalt Kinder vorgelesen bekommen. [Sehr belastbar scheinen mir diese Studien nicht zu sein, der ersten traute ich überhaupt nicht.]

Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt der Bremer Sprachblogger, der sich die Mühe gemacht hat und die Daten des Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest zum Medienverhalten von Jugendlichen ausgewertet hat. Dabei hat er die Daten der jährlichen Studien von 1998-2007 zusammengetragen.

Hier die Grafik die den Anteil an 12-19-Jährigen angibt, die Fernsehen (Grün, obere Linie), Internet (Blau, mittlere Linie) und Bücher (Rot, untere Linie) mindestens einmal pro Woche nutzen (Quelle: Bremer Sprachblog: Wie man den Nobelpreis nicht gewinnt -> hier).

Auch hier ließe sich ein Haar in der Suppe finden (die absolute Zeit, die Büchern gewidmet wird, könnte deutlich gefallen sein), aber ganz so pessimistisch wie es sonst immer gebetsmühlenartig vorgetragen wird, sieht es erst einmal nicht aus: Die Zahl der Jugendlichen, die mindestens eine Stunde pro Woche mit Bücher verbringen, hätte sich demnach in den letzten 10 Jahren nicht geändert, obwohl in diesem Zeitraum die Internetnutzung stark zugenommen hat.

Aber ich mag mit Lessing schließen und ihrem Wunsch, dass wir Literatur und Geschichten noch lange nachlauschen mögen:

We have a treasure-house of literature, going back to the Egyptians, the Greeks, the Romans. It is all there, this wealth of literature, to be discovered again and again by whoever is lucky enough to come up on it. Suppose it did not exist. How impoverished, how empty we would be.

We have a bequest of stories, tales from the old storytellers, some of whose names we know, but some not. The storytellers go back and back, to a clearing in the forest where a great fire burns, and the old shamans dance and sing, for our heritage of stories began in fire, magic, the spirit world. And that is where it is held, today.

bernd

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(Die literarische Anbindung des Gelbfiebers an Thomas H. Cook folgt am Schluss, nach der Grafik. Aber vielleicht versteht der ein oder andere nach dem Haupttext besser, warum mich die Information in Cooks Text total fasziniert hat.)

Das Gelbfieber ist eine virale Tropenkrankheit. Ähnlich wie bei der Frühsommer Meningoenzephalitis (-> FSME) wird das Virus nicht von Mensch zu Mensch, sondern durch blutsaugende Tiere (hier : Mücken der Gattungen Aedes und Haemogogus) übertragen. Die Mücken können das Virus über die Eier auch auf die nächste Generation weitergeben. Neben Menschen können auch Primatenaffen mit dem Virus infiziert werden. Das Gelbfiebervirus gehört zu den sog. Flaviviren und ist mit dem Virus verwandt, welches FSME auslöst.

Die Infektion des Manschen kann in seltenen Fällen still, also ohne Krankheitszeichen verlaufen, häufig treten wenige Tage nach der Infektion allgemeine Krankheitszeichen wie Fieber, Abgeschlagenheit, Muskelschmerzen auf, wie sie auch für eine Grippe typisch sind. In einigen Fällen gibt es anschließend eine zweite Krankheitsphase, bei der es zu einer Gelbfärbung des Augenweiß‘ (Schädigung der Leber), mangelnde Urinproduktion (Schädigung der Nieren), blutigen Auswurf oder blutiges Erbrechen (Schädigung der kleinen Blutgefäße) und gelegentlich Verwirrtheitszuständen (Schädigung des Gehirns) kommen kann. Die Sterblichkeit der Erkrankung wird mit 10-20% angegeben.

Nach Schätzungen der WHO ist von jährlich etwa 200.000 Infektionen mit 30.000 Todesfällen auszugehen, dokumentiert durch die WHO sind für das Jahr 2004 235 Verdachtsfälle weltweit und 65 Tote.

Es gibt keine Möglichkeiten die Infektion zu behandeln. Vorbeugend ist jedoch eine Impfung möglich. Dabei handelt es sich um eine sog. Lebendimpfung, das heißt, es werden lebende (aber brave, attenuierte) Viren gespritzt und während der Vermehrung der Keime im Impfling lehrt das Immunsystem (die Körperpolizei) die Viren zu erkennen und zu bekämpfen.

Ohne Mücken ist kein Gelbfieber möglich. Das Ausbreitungsgebiet der Erkrankung hängt also insbesondere vom Ausbreitungsgebiet der Mücken ab. Man unterscheidet den sog. sylvatischen Zyklus, bei dem die Viren zwischen Menschenaffen und Mücken hin und her gehen und den urbanen Zyklus bei dem das Virus zwischen Mensch und Mücke wechselt, dabei können die Mücken in kleinen feuchten Stellen überleben (z.B. Pfützen in Autoreifen). Beim sylvatischen Zyklus kommt es nur in seltenen Fällen zu einer Infektion des Menschen. Darüberhinaus gibt es natürlich auch Mischformen (Intermediärer Zyklus).

Aufgrund der zunehmenden Urbanisierung Afrikas besteht die große Sorge der WHO, dass die Erkrankung zunehmen wird. Bei Ausbrüchen in Städten werden regelmäßig mehrere Tausend Erkrankungsfälle gesehen. Die Erkrankung ist auf einen Gürtel südlich und nördlich der Äquators in Afrika und Südamerika begrenzt (siehe Grafik).

Thomas H. Cooks Buch The City When it Rains (Besprechung Donnerstag) erzählt die Geschichte eines Fotografens der in New York lebt und arbeitet und in dessen Kopf die Bilder der Gegenwart immer wieder von jenen der Vergangenheit überlagert werden. Und so kommen ihm eines Tages die Bilder in den Sinn, die ihm ein älterer Kollege erzählt hatte von einer Gelbfieberepidemie in New York; etwas das heutzutage undenkbar wäre.

Tatsächlich und ohne dass diese Tatsache einer größeren Öffentlichkeit bekannt ist, gab es zwischen 1699 (oder ? 1690) (oder ? 1668) und 1870 regelmäßig Ausbrüche von Gelbfieber in New York. Entlang der US-amerikanischen Ostküste kam es 1793 zu einem Ausbruch mit insgesamt 10.000 Toten (Philadelphia 3645, New York 2086) – Quelle -> hier. Insgesamt gab es zwischen 1668 und 1890 in Philadelphia 20 Epidemien und in New York deren 15. Den letzten großen Ausbruch in den USA gab es 1905 in New Orleans mit 5000 Erkrankte und 1000 Toten.

bernd

PS Ich halte einige der zitierten Quellen für ausgesprochen interessant. Zum Beispiel das -> WHO Papier oder die Arbeit von -> Bob Arnebeck

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