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Archive for Oktober 2007

(Über verschiedene Hilfen für Autoren)

Als Kind hatten mich immer die Anzeigen in den Boulevardblättern fasziniert, welche Schreibunterricht anboten und eine schnelle Ausbildung zum Schriftsteller verhießen. Mehr denn je scheint heute ein Bedürfnis zu bestehen, durch kurze Lektüre von einigen Lektionen zum kompetenten Wortschmied zu avanzieren. 

Ludger Menke hatte schon wiederholt einige, mitunter unfreiwillig komische Beispiele auf seiner Seite genannt (-> hier zum Beispiel).

Wer sich ernsthafter informieren möchte und Rat von Autorenkollegen einholen will, nutzt möglicherweise das Montsegur Autorenforum. Obwohl ich fürchte, dass einem Infos wie 

Ich habe mich sowohl mit Christies und Simenons Krimis beschäftigt (auch D. Leon zählt dazu)
Der Aufbau ist simpel und heute nicht mehr zeitgemäß, kann also m.E. nicht mehr als Vorbild, und somit Regel, gelten.
Der Publikumsgeschmack hat sich spätetstens seit D. Brown geändert.  
Es sind andere Ideen und somit plots gefragt.

nicht wirklich weiter helfen.

Auch erfolgreiche Autoren probieren sich im Schreiben von Ratgebern. Auf Walter Mosleys This Year You Write Your Novel  hatte ich schon einmal hingewiesen und wer sich mit Glückseuphorie zudröhnen möchte, für den könnte auch Dara Girads The Writer Behind the Words etwas sein. Am häufigsten genannt wird jedoch Stephen Kings On Writing (deutsch: Das Leben und das Schreiben). Ein eher kleines Buch, dessen erster Teil eine Art Lesebiographie Kings darstellt, während es im zweiten Teil Grundsätzliches zum und über’s Schreiben bringt. Es ist ein unterhaltsames und interessantes Büchlein, eher, so vermute ich, für Autoren mit ein wenig Erfahrung und vielleicht in Teilen etwas zu sehr auf die USA zugeschnitten.

Diese Woche stellten Poe’s Deadlys Daughters zwei jeweils fünfteilige Beratungsserien fertig. Während ich bei den Jungautoren, an die sich die Beiträge richten sollen, grauenvolles erahne, sollten sie mit den Inhalten vorher nicht vertraut gewesen sein, scheinen mir diese how-to Serien für Leser interessant.

Sharon Wildwind beschäftigte sich in ihrer Serie mit typischen Fehlern von Autoren – nicht unbedingt neu, aber schön zusammengestellt. Mit einigen Beispielen peppt sie ihre Serie auf – den Lesern des Blogs (siehe Kommentierungen) schien es zu gefallen. Sie stellt folgende Kardinalfehler vor:

Violence as dialog (VAD) Brutalität, Gewaltdarstellungen

So schreibt sie über Gewaltdarstellungen, dass diese Dialoge ohne Worte seien. Sie sollen die Story voran bringen und glaubwürdig eingebunden sein: Ein Protagonist muss zur Gewalt fähig sein und z.B. eine Schlägerei müsse man ihm hinterher anmerken.  

 • Very special old pale (VSOP) Reduzieren

Darstellungen sollten so in den Kontext eingebunden sein, dass sie eine Verbindung zu den Personen oder der Haupthandlung haben und nicht isoliert als Hintergundsgeschichte (back story) dastünden. Als typisches Beispiel ungeschickter Hintergrundsgeschichte sieht sie den Prolog, weil er häufig in Darstellung und Erzählperspektive von der eigentlichen Geschichte abweicht.

Stop telling, start showing (STSS) Zeigen nicht erzählen

Some writers never see the micro-second between does this and did this. That hangs them up forever in the land of telling. If you can see the gap, you can bridge it!

Unabhängig von der Erzählperspektive sollten emotionale Teile der Geschichte so dargestellt werden, dass der Leser sich selber ein Bild über die Gefühle einer Person machen kann; der Text werde dadurch 3-4 mal so umfangreich.  Zusammenfassungen von Ereignissen dürfen auch erzählt werden. 

Perfectly nice syndrome (PNS) Unheimlich nett

Reale Menschen (auch Helden) haben auch Schwächen und reagieren auf Ereignisse; spiegelt sich das nicht im Buch wider, wirke der Text schaal und leer. 

 • What body language? (WBL) Körpersprache

Sechs Regeln (nach Sherry Lewis) um die Gefühle einer Person darzustellen:

  • What you do not write does not exist.
  • You can not assume that the reader knows what the character is feeling.
  • Resist the urge to hurry. Stay in the scene from second to second, from goal to disaster.
  • Use strong verbs: • rooted–flipping–bounded–skidded–manage
  • Stimulus first, then reaction or you created that half-second delay that means you’re telling rather than showing.
  • Layer: dialog, body language, emotions leftover from a previous scene, sensory texture

Dabei beschreibt sie im letzten Teil ausführlich, wie sie Ausdrucke ihrer Texte mit unterschiedlichen Farben markiert, die den verschiedenen zum Schluss genannten Schichten entsprechen. Sollten bei der Betrachtung aus größerer Entfernung Farben fehlen oder überrepräsentiert sein, feilt sie entsprechend am Text nach.

Dagegen ist die Series von Lonnie Cruse über die Möglichkeit sich Informationen zu verschaffen, weniger interessant. Angetrieben von dem Bestreben möglichst wahrheitsgetreue Krimis abzuliefern, betont sie die Möglichkeiten des Internets, von Zeitungen, zufälligen Beobachtungen auf der Strasse und Fachleuten zur Beschaffungen von Wissen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Fachleute gerne über ihr Spezialthema redeten, denn offensichtlich seien sie Fachleute, weil ihnen ihr Thema Spaß macht. 

Da steckt zuweilen eine Naivität dahinter, dass einem die Worte fehlen: 

Word of caution, check SEVERAL websites on ANY subject to gather information as some sites may be phony or running a scam.

Nun kenn ich ja die Bücher von Lonnie Cruse nicht, aber diese Serie macht auf mich einen derart kunstlosen Eindruck, dass ich auch nicht sehe, warum ich das ändern sollte. 

Denn letztendlich ist es wohl so wie King schrieb: Ratgeber können aus einem schlechten ein ordentliches Buch machen, mehr ist aber nicht drin.

bernd

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  • In Amerika unterscheidet man häufig zwischen Genre und Literatur. Und natürlich verkörpert die Literatur das Erhabene und die edle Kunst des Schreibens, während Genre pulpiges Handwerk darstellt.

Angesichts der Vergabe des Nobelpreises an Doris Lessing schreibt Cornelia Read im Blog Nacked Authors einen höchst unterhaltsamen Beitrag zu dieser Unterscheidung.

I think they’re [Autoren und Kritiker der „erhabenen“ Literatur, bk] all just pissed off because they’ve  turned „literature“ into the kind of Filboid-Studge Latin whose precise declensions can only be enforced with Joycean pandy-bats viciously applied to the reader’s tender palms and footsolesand meanwhile we’re all having so much goddamn fun over here in Vibrant Street-Italian Vernacular Land it should be illegal.

  • Dazu passt eine sehr ausgewogene Betrachtung zu Lessing aus der Zeit 43/2007, die, soweit ich sehe, bisher nur in der Papierform zur Verfügung steht. Darin werden auch endlich einmal mehr Bücher der Autorin als Die Afrikanische Trragödie und Das Goldene Notizbuch genannt. Die Autorin Susanne Meyer schreint zu Lessing:

[…] Das Goldene Notizbuch, das Meisterwerk, formal gewagt, ergreifend, von der Wucht jener Bücher, die ins Herz der literarischen Tradition treffen und dort bleiben, neben Ulysses oder Die Blechtrommel oder Das andere Geschlecht.

Jahrzehnte vor Sylvia Plath und Ann Sexton hat Lessing Women and Madness […] zum Thema gemacht, 

  • Auf ein ganz anderes Thema verweist M.J. Rose in ihrem Blog. Radiohead, eine der großen Rockbands der Gegenwart bringen ihr neuestes Werk lediglich zum Runterladen auf dem Markt. Einige Tatsachen sind daran bemerkenswert:
    • Die Käufer dürfen den Preis, den sie bereit sind zu bezahlen, selber festlegen. Dabei scheint es so, dass die meisten bereit waren, zwischen 10 und 20 US $ zu bezahlen.
    • Das läuft ohne die großen Medienkonzerne ab und schon frohlockt mancher, dass das der Anfang vom Ende der Majors sein kann.

M.J. Rose fragt sich natürlich, ob das ein Vorbild für das Büchermedium sein kann. Ich glaube das eher noch nicht, denn die Medien sind nicht vergleichbar. Mein Buch mag ich noch in den Händen halten – aber vielleicht bin ich auch schon ein Fossil.  

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(garantiert krimifrei)

Es gibt Tage, da mag man sein Abo der SZ abbestellen. So kann man dort aktuell einen Beitrag zur christlichen Mission lesen … geschrieben von einem Missionar. Wenig überraschend reicht es in diesem Artikel zu nicht mehr als einer deftigen Polemik. Man ist es ja gewöhnt, dass derartige Beiträge, auf dem Fundament eines festgezurrten Weltbildes, andere (Weltbilder) nicht respektieren, aber dennoch: Solche Ignoranz ärgert.

Erst einmal fallen die kleinen eleganten Beileidigungen auf, die ein Privileg der Amtschristen zu sein scheinen:

Europäer, die die Mission verteufeln, projizieren ihre neuheidnischen Vorbehalte in andere Kulturen

Vorbehalte gegen die Mission sind also nicht nur Vorbehalte, sondern „neuheidnische Vorbehalte“. Diesem Adjektiv wohnt gleich eine zweifache Beleidigung inne, erstens ist der Begriff des Heiden in der jüdisch-christlichen Tradition per se abwertetend gemeint und zweitens intendiert der Begriff des neuheidnischen einen Bezug zu alternativen religiösen Praktiken. Dass es im Europa des frühen 21. Jahrhunderts aufgeklärte Menschen gibt, welche keine Ersatzreligion brauchen, will in einem ideologisch verbohrten Kopf nicht `rein.

Wundern tut es, wie ein Mensch,der es schon nicht schafft, gegenüber Menschen seines Kulturkreises ohne herablassende Beleidigung auszukommen, es schaffen will, sich gegenüber Menschen eines anderen Kulturbereichs, denen er nichts weniger als das Heilswissen vorauszuhaben meint, respektvoll zu verhalten, wenn sie seine Botschaft nicht annehmen. 

Vom allgemeinen Schwurbel abgesehen, argumentiert der Autor im Weiteren soziologisch und psychoethnisch : „Auffälligerweise war die christliche Mission in Südostasien gerade unter Minoritäten erfolgreich“ und führt aus, dass das Christentum den Schwachen und Unterdrückten helfe:  „Der muttersprachlich assimilierte christliche Glaube hingegen versichert sich des Beistandes des einen übermächtigen Gottes.“

Die Argumentation ist nicht neu und wohl unter dem Stichwort „Innere Mission“ abzuhandeln. Dennoch bleibt die Tatsache, dass der Missionsgedanke einen Mangel an Toleranz gegenüber nicht-christlichen Vorstellungen offenbart.

Der Teuffel ist evangelisch, stellt sich aber in eine tausendjährige christliche Tradition: „Die europäische Zivilisation verdankt sich dem Umstand, dass die christliche Mission unter germanischen Stammesgesellschaften vor mehr als tausend Jahren erfolgreich gewesen ist.“ und weiter „Ohne die Kirche sind Schriftlichkeit und die Aneignung des klassischen Bildungsguts kaum vorstellbar“.

So habe ich die Geschichte noch nie gesehen. Bisher dachte ich immer, dass am Ende des Mittelalters, als die christliche Dominanz der Kultur langsam zu Ende ging, das gesamte philosophische, literarische und naturwissenschaftliche Wissen der Griechen von der Kirche weggesperrt worden war und die schriftliche und literarische Emanzipation (Luther war hiervon ein Teil !) der Bürger gegen die christliche Kirche stattgefunden hatte.  

bernd

PS. Eins noch: Nicht ohne Grund heißt sie Missionarsstellung. Auch in der jüngeren Vergangenheit würde ich im Genderbereich nicht nur segensreiches in der Mission sehen.

(Mit Dank an -> Georg)

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(Das Erdbeben von 1906)

Locked Rooms von Laurie R. King spielt im San Franzisko der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, blendet jedoch zurück zum großen Erdbeben von 1906.

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San Franzisko liegt an der San Andreas Verwerfung, an der sich die nordamerikanische und die pazifische Erdplatte berühren. Diese beiden Platten ziehen aneinander vorbei und reiben dabei aneinander wie ein Reifen beim Parken an den Kantstein. An gewissen Stellen können sie auch ineinander verhaken, bis sie sich wieder mit einem gewaltigen Ruck lösen. Diesen Ruck nehmen wir als Erdbeben war, dabei kann es zu einer Verschiebung von Gegenständen um mehrere Meter kommen (siehe linkes Bild).

Die Stärke des Bebens von 1906 betrug circa 7.8 auf der Richterskala (zum Vergleich: das Erdbeben im Südostpazifik 2004, welches zu dem großen Tsunamie führte, hatte 9.3). Das Erdbeben verlief für San Franzisko außergewöhnlich heftig, da das Epizentrum des Bebens nur wenige Kilometer neben der Stadt lag und es in Folge des Bebens zu ausgeprägten Bränden kam.
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(Straße in San Franzisko nach dem Erdbeben. Im Hintergrund Rauchschwaden der Brände)

Das ungeheure Ausmaß der Zerstörung (sieht beinahe so aus wie Bilder aus Hiroshima) kann man in diesen Augenzeugenberichten sehr gut nachlesen.
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San Franzisko war im 18. Jahrhundert von spanischen Missionaren gegründet worden. Aber erst in der Zeit nach dem Goldrausch, 1848 fing die Stadt an explosionsartig zu wachsen. 1906, vor dem Beben hatte sie circa 400.000 Einwohner und war die größte Stadt im Westen der USA. Es wird geschätzt, dass 250.000 bis 300.000 der Einwohner in Folge des Bebens obdachlos wurden. Das Beben hat die Entwicklung der Stadt nachhaltig beeinflusst. Heute ist San Franzisko „lediglich“ die viertgrößte Stadt Kalifornien.

Laurie R. Kings Locked Rooms nimmt die Atmosphäre in den Tagen nach dem Erdbeben sehr gelungen auf und stellt das Chaos glaubwürdig dar. So ist im Buch auch das Rathaus und mit ihm die darin gelagerten Akten ein Opfer der Flammen geworden und die Armee hatte Schussbefehl um die zahlreichen Plünderungen einzudämmen.

bernd

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(Chinesische Immigranten) 

Das Buch Locked Rooms (Besprechung nächste Woche) der amerikanischen Autorin Laurie R. King führte bei mir zu einigen Assoziationen. Mir gefällt es, wenn sich die Welten unterschiedlicher Autoren und Bücher verbinden. Kings Buch spielt Anfang des 20 Jahrhunderts in San Franzisko und ermöglicht im Vergleich zu Büchern, die in der Gegenwart spielen auch einen Blick auf den Wandel in der Stadt und in Kalifornien.

So beschreibt sie die Situation der chinesischen Einwanderer. Generell war die Einwanderung von Chinesen seit 1882 in den USA untersagt (Chinese Exclusion Act: -> hier und -> hier ), das galt auch für den Familiennachzug (gleichzeitig war die Heirat mit Amerikanern, die aus Europa stammten, verboten !). Aufgrund von mehreren Gewaltausbrüchen gegen Chinesen in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunders hatten diese sich in eigene Gebiete zurückgezogen, die sich dann zu den Chinatowns entwickelten.

Kurz und prägnant stellt King die Situation der Chinesen dar. Zum Beispiel die Angst die noch Anfang des 20.Jahrhunderts bestand, als es passieren konnte, dass jemand mitten auf der Straße außerhalb Chinatowns aufgegriffen und verprügelt werden konnte. Auch beschreibt sie, wie Chinesen (hier: eine zukünftige Ehefrau) ins Land geschmuggelt wurden.

Ganz anders schildert Dominic Stansberry in Chasing the Dragon die Situation der chinesischen Einwanderer am Ende des 20. Jahrhunderts. Immer noch eine eigene Welt, immer noch misstrauisch beäugt und doch ein Teil der amerikanischen Gesellschaft (analog auch bei S.J. Rozan). Er illustriert die veränderte Situation mit einer Darstellung der Beziehung zwischen italienischen und chinesischen Einwanderern. Bei Stansberry reißen auch die geographischen Grenzen zwischen den ethnischen Stadtteilen ein. 

Die Situation der chinesischen Einwanderer wird von jener der japanischen Einwanderer gespiegelt. Sehr eindrücklich schildern Naomi Hirahara (-> hier und -> hier) und Gary Phillips in Bad Night is Falling dieses. Diese Bücher spielen in Los Angeles und blenden zurück in die 40er Jahre, als alle Amerikaner japanischer Abstammung nach Ausbruch des 2. Weltkrieges interniert wurden. Anders als die chinesischen Einwanderer haben die japanischen nie ein eigenes Ghetto besessen. Deshalb scheint die Integration auch weiter zu sein als bei den Chinesen.  

Und bei Gary Phillips sieht man, dass die Rolle der chinesischen Einwanderer, die sich noch bei King als Tagelöhner verdingten und bei dem Aufbau der Eisenbahn eine wichtige Rolle spielten, inzwischen von Mexikanern übernommen wurde. 

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fkr.jpgFour Kinds of Rain ist Robert Wards erstes Buch seit 1998. In den USA ist es mit großer Begeisterung aufgenommen worden: „…as black as a chain smoker’s lungs, but…deviously funny“ (David J. Montgomery). So extrem würde man es in Deutschland vielleicht nicht sehen. Meine Besprechung findet sich bei -> wtd.

Robert Wards Homepage findet sich -> hier.

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guantanamo.jpgWenig überraschend: Gewonnen hat Dan Fespermans

Prisoner of Guantanamo

(Mit Dank an -> The Gumshoe Site)

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