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Archive for 29. Oktober 2007

Ich ziele immer auf den Kopf, und das nicht nur, weil ich sicher gehen will. Eher, glaube ich, weil der Kopf – ihr Kopf und meiner – der Ort ist, wo die ganzen Schwierigkeiten angefangen haben – ihre und meine.

(Aussage des Serientäters in Philip Kerrs A Philosophical Investigation (deutsch: Das Wittgenstein Programm)).
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Im Grunde, so die Vorstellung mancher Neurophysiologen und Juristen sei ein Täter gar nicht verantwortlich für seine Tat. Der Mord, die Vergewaltigung ect. seien schlichtweg eine Folge von Signalen im Gehirn, über die der Täter keine Kontrolle hätte und die zu der Entscheidung führten. Joachim Linders Verweis auf einen unterhaltsamen Artikel der sich über diese Vorstellung amüsiert, ist Anlass sich ‚mal wieder mit Philip Kerrs Buchs zu beschäftigen. Auf den Artikel selber gehe ich in ein bis zwei Wochen noch einmal ein.

Kerrs Buch befasst sich mit der Möglichkeit Verbrechen dadurch zu verhüten, dass Menschen auf bestimmte Merkmale untersucht werden, bevor sie straffällig werden. Und es beschäftigt sich mit den Folgen, die ein solches Vorgehen für die Gesellschaft haben könnte:

Man schreibt das Jahr 2013; mittels eines bildgebendes Untersuchungsverfahrens names Positronenemissionstomographie (PET) ist man in der Lage Männer zu identifizieren, denen ein kleiner Bereich des Gehirns, der ventromediale Kern – VMK –  [des Hypothalamus (?), bk]  fehlt. Das Fehlen dieses Areals führt dazu, dass diese Männer ihre Aggressionen nicht richtig kontrollieren können. Es besteht deshalb ein hohes Risiko, dass sie gewalttätig werden. Ein entsprechendes Untersuchungsprogramm, Lombroso genannt, läuft seit drei Jahren. Vier Millionen Männer sind in dieser Zeit untersucht und circa 120 von ihnen als VMK-negativ identifiziert worden. Von diesen waren zum Zeitpunkt des Nachweises 30% rechtskräftig für Straftaten verurteilt.

Philip Kerr macht daraus einen spannenden Thriller, bei dem eine Polizistin sich auf die Suche nach einem männlichen Serientäter macht, der VMK-negative Männer tötet, weil er der Gesellschaft einen Dienst erweisen will. Hinzu kommt noch, dass er während des Katz-und-Maus-Spiels mit der Polizistin häufig den Philosophen Wittgenstein zitiert.

Über die Art und Weis wie Kerr in dem Buch mit dem Genre spielt, ließe sich einiges sagen. Ich möchte mich jedoch auf die Möglichkeit vorbeugend Risikopersonen für Straftaten zu identifizieren, beschränken.

Seit jeher gibt es eine Diskussion um die Frage, ob Persönlichkeitmerkmale wie Intelligenz, sexuelle Orientierung oder Sozialverhalten angeboren oder anerzogen sind. Wie so oft, ist auch die Beantwortung dieser Frage der Mode unterworfen. Heutzutage geht die dominierende Meinung dahin, dass Erziehung die Persönlichkeit nur innerhalb der, durch die genetischen Möglichkeiten vorgegebenen engen Rahmen beeinflussen kann.

Innerhalb der Gruppe von Wissenschaftlern, die für Persönlichkeitmerkmale eine rein oder sehr überwiegend genetische Usache sehen, gab es in den frühen 90ziger Jahren (als auch Kerrs Buch entstand) eine Strömung die komplexe Merkmale wie Homosexualität, Schizophrenie oder Intelligenz auf die Veränderung eines jeweils einzelnen Genes reduzieren wollte. Mehrfach konnte man damals in den wissenschaftlichen Gazetten (i.e. nature oder science) lesen, dass ein Wissenschaftler glaubte, ein entsprechendes Gen gefunden zu haben: Komplexes Phänomen einfache Erklärung – diese Sehnsucht ist ja noch nicht einmal auf Wissenschaftler beschränkt.

Kerr greift diese Vorstellung sehr schön auf und variiert sie dahingehend, dass hier nicht nach einem Gen, sondern nach einer einzelnen, definierten Lokalisation im Gehirn gesucht wird. Auch diese Annahme ist plausibel, weil es in der Hirnforschung tatsächlich ähnliche Tendenzen gab und einige Eigenschaften auch erfolgreich bestimmten Hirnarealen zugeordnet werden konnten – zum Beispiel die Parkinsonsche Erkrankung, Sprechen und Sprachverständnis.

Anders als zum Beispiel -> John Case schafft Kerr es also, fiktive Wissenschaft zu beschreiben ohne unplausibel zu werden.  Dieses Verständnis für Wissenschaft zeigt sich auch in der Beschreibung der Entdeckung der Bedeutung des VMK. Nicht als großer genialer Wurf, sondern durch eine Folge von kleineren Beobachtungen und Schlußfolgerungen.

Nächten Montag: Moderne Diagnostik auf den Weg zu Kerr.

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