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Archive for 15. Oktober 2007

guantanamo.jpgWenig überraschend: Gewonnen hat Dan Fespermans

Prisoner of Guantanamo

(Mit Dank an -> The Gumshoe Site)

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(Das ist der zweiter Teil des Textes über Realität im Krimi. Der erste Teil ist -> hier zu finden.) 

Vielen Lesern des Buches California Girl von T. Jefferson Parker scheint es plausibel, dass es in den 60er Jahren in Kalifornien so war, wie der Autor es beschreibt. [Warum eigentlich, sie werden diese Welt kaum aus erster Hand kennen?] Mehr scheint kaum möglich: Fiktive Geschichten beschreiben nicht Realität oder Wirklichkeit, denn dann wären es Sachgeschichten (Sachgeschichten beziehen sich natürlich auch nur auf gewisse Ausschnitte der Realität, das führte aber zu weit). 

Wenn ein Autor mehr als nur unterhalten will, wird in einem Krimi immer auch etwas aus der Realität illustriert, eine Analogie herzustellen usw. Das gelingt aber nur, wenn Geschichten in Bezug auf das, was illustriert werden soll, glaubwürdig (also realistisch) sind. Für die Darstellung des Teufelskreises von Armut, jugendlichen Schwangerschaften, Gewalt und Drogenkonsum bei George Pelecanos‘ Drama City ist es vollkommen unerheblich, ob die Straßenzüge Washingtons so wie beschrieben oder ganz anders aussehen. Dagegen ist es wichtig, dass Pelecanos uns genau Anhaltspunkte gibt, diesen Teufelskreis verstehen zu können. Die Geschicht muss also plausibel, aber nicht wahr sein.

Unser aller Realität ist im Allgemeinen langweilig, zu langweilig zumindest um einen spannenden Thriller daraus zu machen; deshalb schrieb Joachim Linder einst -> in einem Kommentar über die Realitätsnähe der in Krimis dargestellten juristischen Umstände:

Für mich ist das innertextuelle Recht (Strafrecht, Prozeßrecht etc.) ganz und gar unabhängig vom je außertextuellen Recht (vom ‚geltenden‘ Strafrecht, aber auch vom Recht in anderen Texten); es folgt der innertextuellen Logik der Plotkonstruktion, der Dramatisierung, der Plausiblitätskonstitution etc. […] Ich glaube in der Tat, daß der Kriminalroman nur möglich ist, weil und wenn er ’sein eigenes Recht‘ setzt, das prinzipiell nur in der erzählten Welt gilt/Geltung beansprucht.

Ganz -> ähnlich drückt sich J.D. Rhoades aus, der nicht nur Krimis schreibt, sondern auch praktizierender Rechtsanwalt ist. Und er scheibt weiter: „There’s really not that much witty repartee going on in the courtroom, and damned little drama. Most of the time, both sides and the judge know ahead of time how it’s going to play out, […].“ Sein Wissen um die Realität ist übrigens ein Grund, weswegen Rhoades sich außer Stande sieht, Gerichtskrimis zu schreiben.

Krimis, so ist eine bekannte These, verfremden (defamiliarisieren), um auf das Alltägliche, das uns schon gar nicht mehr bewusst auffällt, wieder aufmerksam zu machen. Michael Connellys The Lincoln Lawyer (deutsch: Der Mandant) ist sicher hemmungslos übertrieben, aber es wirft (wie viele „Courthouse Dramas“ auch) ein Licht auf problematische Entwicklungen des amerikanischen Rechtssystems. 

Verfremden bedeutet, sich von der „wahren“ Realität zu entfernen. Und warum auch nicht: James Ellroys Buch American Tabloid (deutsch: Ein amerikanischer Thriller) ist eine fiktive Rekonstruktion der Zeit zwischen 1958 und 1963 mit der Ermordung J.F. Kennedys. Ellroy konstruiert eine Zusammenarbeit zwischen Mafia, FBI und Ultrarechten, die den Tod Kennedys zum Ziel hatte. Ellroy wollte damit natürlich sein Verständnis zur US-Politik dieser Jahre (deren Einfluss bis in die Gegenwart reicht) zum Ausdruck bringen, ganz wörtlich würde ich seine Aussagen allerdings nicht nehmen. „It’s time to demythologize an era and build a new myth […].“ (aus dem Vorwort des Buches).

Es gibt aber auch Krimis, die es gar nicht darauf anlegen, sich mit unser realen Welt zu beschäftigen. Philip Kerrs Das Wittgenstein Programm zum Beispiel spielt in der Zukunft und beinhaltet genregerecht eine Konfrontation zwischen Polizeidetektivin und Serienkiller. Der Killer tötet Individuen, die in einem Screeningprogramm aufgefallen sind, weil Ihnen eine gewisse Hirnregion fehlt. Dadurch seien sie gewaltbereit. Um die Gesellschaft vor diesen Männern zu schützen, tötet der Serientäter (der selber zu dieser Gruppe gehört) sie. Das Buch ist voll mit Texten des Philosophen Wittgenstein und komplex gestaltet: Die Texte Wittgensteins dienen dem Fall und dieser den Texten. Alles natürlich vollkommen spekulativ (komme niemand und behaupte jetzt man könne Kriminalität per Gentest ermitteln) und doch zutiefst der Wirklichkeit zugewendet, da es Fragen der Wissenschaftsgläubigkeit unser Gesellschaft oder zu den Folgen derartiger oder ähnlicher Screeningtests (als Beispiel fiele mir die Huntingtonsche Erkrankung ein) aufwirft.

Ein anderes Beispiel ist Jose Carlos Somozas Das Rätsel des Philosophen, welches Platons Vorstellung von der Erkenntnis der Dinge veranschaulichen möchte und sich faktisch nur in der Fantasie abspielt – und dennoch: Für den Golden Dagger 2002 hat das gereicht.

Und wer könnte mehr über die Realität Mexikos aussagen als Subcomandante Marcos, der früher bewaffnet und heute unbewaffnet den Widerstand der indianischen Bevölkerung gegen die mexikanische Zentralgewalt leitet. Und doch ist  sein Teil des Textes von Unbequeme Tote  deutlich surrealer als der seines Partners, mit dem er das Buch geschrieben hat, dem bekannten Krimiautoren Paco Ignacio Taibo II.

Die Beispiele illustrieren, dass es im Krimi nicht auf die Realität ankommt, sondern, dass das was erzählt wird, realitisch wirkt. Und was gerne ignoriert wird: Krimis haben ein literarisches Herz, wer das beim Lesen vergisst, verpasst etwas.

bernd

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