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Archive for 8. Oktober 2007

(Wirklichkeit im Krimi)

(Dieses ist der erste Teil eines zweiteiligen Beitrags, der nächsten Montag fortgesetzt wird)

Thomas Wörtche, Krimikritiker und ehedem Herausgeber von metro -> meldet sich in Europolar zu Wort (Dank an Ludger Menke). Um die Kritiker von Krimi geht es ihm. So schreibt er: „Die Rezension eines Kriminalromans stellt gedachten Roman an seinen richtigen Ort. Historisch, systematisch und wertend„. Eine Rezension zeigt also den Kontext auf, in dem ein Buch zu denken ist. Etwas später wird er konkreter:

Er [der Rezensent] muß sich in Realitäten auskennen. Kriminalliteratur besteht nur zu einem Teil aus Literatur. Der andere Teil hängt von der Welt ab, in der sie spielt. Über diese Welt sollte der Rezensent viel wissen. Ganz und gar handfest und mit Erfahrungen. Was es gibt und was es nicht gibt, was es geben könnte, und was garantiert nicht – dafür sollte ein Bewußtsein vorhanden sein. 

Das ist ziemlich gut formuliert und wächst sich (auch stilistisch) zu einem tractatus logico criminalis aus: „Wie der Kriminalroman mit Wirklichkeiten umgeht, ist ein Qualitätskriterium. So wie seine künstlerische Inszenierung ein Qualitätskriterium ist.

Wörtches Text ist nicht nur ein Text über Rezensionen sondern auch ein Dogmenkatalog für Krimis: So müssen Krimis sein ! Müssen sie ? Stellt sich die Frage, was Wörtche in diesem Zusammenhang unter Wirklichkeiten und Realitäten versteht [jeweils im Plural gesetzt] und warum Realitätsbezug für Krimis ein größeres Kriterium sein soll als für andere Literatur – nun, bei Lyrik würde ich ihm wohl zustimmen.

Aber verlassen wir Wörtche [die Erklärung liegt für ihn vermutlich im „Was es gibt und was es nicht gibt, was es geben könnte, und was garantiert nicht“] und fragen uns, was für uns Realität und Wirklichkeit in Bezug auf Krimis bedeutet. Leser scheinen diese Begriffe gerne wörtlich auszulegen. Da werden die Übereinstimmung von Text und Ortsbild gefordert (-> hier), die praktische Realisierbarkeit von beschriebenen Abläufen überprüft (-> hier) oder Mutmaßungen über Dinge angestellt, von denen offensichtlich sowieso keiner etwas versteht (-> hier). Wie zahlreiche Diskussionen bei Crimespace zeigen, scheinen Autoren darauf mit einer panischen Detailsucht zu reagieren, die noch das kleinste Faktum abdecken will.

Hilft das den Autoren ? Nur gegen notorische Besserwisser.

Es gibt aber nicht nur die kleinen Fakten, die unsere Realität ausmachen, sondern auch das große Ganze, die Zusammenhänge. Nehmen wir als Beispiel die aktuellere US-amerikanische Krimiproduktion, wie sie durch die Kandidaten der US-Krimipreise der letzten Jahre repräsentiert wird, dann scheint es mir, dass sie sich durch eine gewisse Ignoranz den globalen Themen gegenüber, auszeichnet. Einzig soziale Belange finden einen gewissen Widerhall. Da nützt dann die Detailversessenheit wenig.

Drei Umstände fallen einem ein, die für die kleinen Fakten wie für die großen Belange gelten. Ein Krimi ist natürlich ein Stück Fiktion und keine simple Abbildung der Realität. Der Krimi schafft seine eigene Welt, seine eigene Realität und als Leser kann ich Übereinstimmungen zur realen Welt finden, die mehr oder weniger fundiert sind oder vom Autor nahegelegt werden. Aber entscheidend ist erst einmal, dass die fiktive Welt stimmig ist und dass das Ganze spannend und gut vorgetragen ist. Der beste Realitätsbezug nützt nämlich nichts, wenn ich das Buch vorher gelangweilt aus der Hand gelegt habe.

California Girl von T. Jefferson Parker soll als Beispiel dienen. Das Buch erzählt den Mord an einer jungen Frau und die Reaktion dreier Brüder, ihre Verwicklungen mit der Aufklärung des Falls und die kleinen Geheimnisse die sie voreinander haben. Die Geschichte ist in die späten 60er Jahre gebettet und bekommt die damalige Atmosphäre wohl gut ‚rüber. Die drei hatten einen vierten Brüder und der verlor schon früh sein Leben im Vietnamkrieg: Glaubt ja kaum ein Mensch, dass dieser Bezug zum Vietnamkrieg (California Girl wurde in der frühen Phase des Irakkriegs geschrieben) so ganz zufällig ist. Er ist aber für die Lektüre der Geschichte der drei Brüder ohne Belang und in US-amerikanischen Rezensionen habe ich einen entsprechenden Bezug nie gefunden.

Mit anderen Worten: Es ist ein Buch, dessen eigene Welt stimmig ist. Eine Beziehung zu unserer Realität kann man herstellen, aber manche hergestellte Beziehung, vielleicht auch weil sie indiekt ist, wird nicht von jedem geteilt.

Die von mir gelobte Atmosphäre des Buches, ist ein weiterer Punkt, der hier eine Erwähnung verdient. Atmosphäre, zeitlich oder örtlich gemeint, wird gerne gelobt. Aber wer kann es schon wirklich beurteilen, ob eine Atmosphäre real ist ? Die allermeisten Leser von California Girl zum Beispiel waren viel zu klein, noch nicht geboren, oder damals nicht in Kalifornien, um objektiv beurteilen zu können, ob das Buch die damalige Realität korrekt darstellt. Und doch scheint es uns, dass die Welt die das Buch beschreibt, mit dem Bild der Welt das wir im Kopf haben, korrespondiert.

(Nächsten Montag im zweiten Teil geht es um diese Plausibilität, um Entfremdung und realitätsferne Krimis.)

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