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Archive for Oktober 2007

Über Interviews mit Autoren zum Hören hatte ich in der Vergangenheit schon einmal geschrieben. Im Vergleich zu den schriftlichen Interviews, die häufig sehr schematisch und ohne Dialog sind, sind sie zumeist lehrreich und unterhaltsam.

Am Wochenende hatte ich mit hingesetzt, um zu schauen, ob ich zu Autoren, deren Bücher ich in der jüngeren Zeit besprochen hatte, Interviews zum Hören (oder Sehen) finden kann. Dabei habe ich durchaus einiges gefunden:   

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Der Schriftsteller David Skibbins führte ein ausführliches (von der akustischen Qualität her allerdings lausiges) Interview mit -> Jan Burke . Die beiden sprechen über Burkes Leben in Kalifornien (sie ist in Texas geboren) und über kleinere Städte wie Laguna Beach, New Port Beach, Long Beach, die im Schatten von Los Angelos stehen und so ein wenig Vorbild für Las Piernas sind, der gedachten Stadt in der Burkes Romane um Irene Keller spielen.

Ein größerer Teil des Dialogs ist Burkes Arbeitsweise gewidmet. So macht sich Burke Gedanken über Hauptpersonen in Serien und wie sie sich im Verlauf ändern. Für sie sind solche Veränderungen wesentlicher Teil einer Serie. Anders als manch andere Autoren, sieht sie darin auch keine moderne Erscheinung, sondern kann derartiges auch schon bei Dorothy L. Sayers Lord Peter Wimsey ausmachen.

Ein guter Dialog zweier kompetenter Gesprächspartner, bei dem der Interviewer Burke auch Zeit zum Nachdenken lässt.

laura-thumb.jpg Laura Lippmans Auftritt bei CBS News am Morgen ist relativ kurz und alleine auf ihr Buch No Good Deeds bezogen. Sie schildert den vordergründigen Anlass zum Schreiben des Buches (der gewaltsame Tod eines Staatsanwaltes, der die Medien nur so lange interessierte, wie sie ihn für ihre Zwecke nutzen konnten) und die zugrunde liegende Motivation (die Kluft zwischen solchen „Celebrity-Toten“ und dem alltäglichen Mord auf den Straßen Baltimores).

Ein ausführliches Interview aus dem Jahr 2004 mit Lippman ist nicht nur für alle diejenigen interessant, die die Autoren nicht so gut kennen – relativ einfach zu verstehen, weil Lippman sauberes Ostküstenamerikanisch redet und die Interviewerin Engländerin ist. In diesem dreiteiligen Gespräch (dessen dritten Teil ich nicht öffnen konnte) wird sie über ihre Entwicklung zur Autorin und ihre Arbeitsweise befragt. Ausführlich äußert sie sich zu Every Secret Thing (deutsch: Gefährliche Engel) und seine Urspünge in einem realen Fall in Großbritannien. Auch hier gibt es einen ausführlichen Hintergrund, nämlich der Verlust der Kindheit, den sie überall in den USA ausmachen kann – sie folgt damit (zum Beispiel) auf Neil Postmans Spuren. So schildert sie, dass Anklagen wegen Gewaltverbrechen in den USA auch bei jüngeren Jugendlichen üblicherweise nach Erwachsenenrecht erfolgen.    

Der dritte Teil des Interviews soll über Lippmans Buch By a Spiders Threat gehen. 

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Zu Dan Fesperman und seinem jüngsten Buch The Prisoner of Guantanamo fand ich zwei Interviews.

Ein längeres Gespräch (von mancher Werbung unterbrochen), beschäftigt sich ausführlich mit dem realen Hintergrund des Buches und über die Erfahrungen die Fesperman vor Ort machen konnte [man muss, um das Gespräch öffnen zu können, zum 24.07.2006 runterscrollen]. Es ist für Menschen die das Buch schon gelesen haben weniger interessant. Liefert aber gute Information zum „Phänomen“ Guantanamo; über die Landschaft, die Grenze zu Kuba, seinen Aufbau, die Gefangenen und die verschrobenen Verstellungen vieler „indoktrinierter“ Wärter. Wenn Fesperman offenbart woher er sein Wissen über die Arbeitsweise des kubanischen Geheindienstes hat, zeigt sich auch, wie „down to base“ das Buch ist.

Ein kürzeres Interview mit ihm ist mehr auf das Buch fokusiert, und auch für Leser interessant, die das Buch schon gelesen haben.

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Kacey Kowar führt mit Laurie R. King hauptsächlich ein Gespräch über ihr Buch Looked Rooms, ihre Recherche hierzu und dem allgemeinen Hintergrund der Mary Russell Serie. So nebenbei ist es auch eine Erfahrung für den Rezensenten. Während ich mich bemühte, nicht zu erzählen, dass Holmes die Hilfe eines ehemaligen Privatdetektives von Pinkerton in Anspruch nahm, der unter Tuberkulose litt und sich mit Arbeiten in kleineren pulp-Magazinen über Wasser hielt, kicherte die Autoren gleich mehrfach im Interview über diese ihre Idee.

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Die Rezension zu William Kent Kruegers Buch Copper River ist -> bei wtd zu finden. Krueger ist ein eher konventional schreibender Autor, der komplexe Geschichten mit mehreren Erzählsträngen, einen hohen emotionalen Druck für den Protagonisten und einen Ausflug in die regionale indianische Philosophie Minnesotas kombiniert.

Trotz dreier Anthony Awards ist der große Erfolg beim Publikum bisher ausgeblieben. Sein erstes Buch Iron Lake war auch in Deutschland unter dem Titel Indianischer Winter erschienen und erhielt bei Kaliber 38 eine gute Kritik. Dort ist auch ein Interview mit dem Autor zu lesen.

Die Homepage des Autors ist -> hier zu finden.

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Ich ziele immer auf den Kopf, und das nicht nur, weil ich sicher gehen will. Eher, glaube ich, weil der Kopf – ihr Kopf und meiner – der Ort ist, wo die ganzen Schwierigkeiten angefangen haben – ihre und meine.

(Aussage des Serientäters in Philip Kerrs A Philosophical Investigation (deutsch: Das Wittgenstein Programm)).
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Im Grunde, so die Vorstellung mancher Neurophysiologen und Juristen sei ein Täter gar nicht verantwortlich für seine Tat. Der Mord, die Vergewaltigung ect. seien schlichtweg eine Folge von Signalen im Gehirn, über die der Täter keine Kontrolle hätte und die zu der Entscheidung führten. Joachim Linders Verweis auf einen unterhaltsamen Artikel der sich über diese Vorstellung amüsiert, ist Anlass sich ‚mal wieder mit Philip Kerrs Buchs zu beschäftigen. Auf den Artikel selber gehe ich in ein bis zwei Wochen noch einmal ein.

Kerrs Buch befasst sich mit der Möglichkeit Verbrechen dadurch zu verhüten, dass Menschen auf bestimmte Merkmale untersucht werden, bevor sie straffällig werden. Und es beschäftigt sich mit den Folgen, die ein solches Vorgehen für die Gesellschaft haben könnte:

Man schreibt das Jahr 2013; mittels eines bildgebendes Untersuchungsverfahrens names Positronenemissionstomographie (PET) ist man in der Lage Männer zu identifizieren, denen ein kleiner Bereich des Gehirns, der ventromediale Kern – VMK –  [des Hypothalamus (?), bk]  fehlt. Das Fehlen dieses Areals führt dazu, dass diese Männer ihre Aggressionen nicht richtig kontrollieren können. Es besteht deshalb ein hohes Risiko, dass sie gewalttätig werden. Ein entsprechendes Untersuchungsprogramm, Lombroso genannt, läuft seit drei Jahren. Vier Millionen Männer sind in dieser Zeit untersucht und circa 120 von ihnen als VMK-negativ identifiziert worden. Von diesen waren zum Zeitpunkt des Nachweises 30% rechtskräftig für Straftaten verurteilt.

Philip Kerr macht daraus einen spannenden Thriller, bei dem eine Polizistin sich auf die Suche nach einem männlichen Serientäter macht, der VMK-negative Männer tötet, weil er der Gesellschaft einen Dienst erweisen will. Hinzu kommt noch, dass er während des Katz-und-Maus-Spiels mit der Polizistin häufig den Philosophen Wittgenstein zitiert.

Über die Art und Weis wie Kerr in dem Buch mit dem Genre spielt, ließe sich einiges sagen. Ich möchte mich jedoch auf die Möglichkeit vorbeugend Risikopersonen für Straftaten zu identifizieren, beschränken.

Seit jeher gibt es eine Diskussion um die Frage, ob Persönlichkeitmerkmale wie Intelligenz, sexuelle Orientierung oder Sozialverhalten angeboren oder anerzogen sind. Wie so oft, ist auch die Beantwortung dieser Frage der Mode unterworfen. Heutzutage geht die dominierende Meinung dahin, dass Erziehung die Persönlichkeit nur innerhalb der, durch die genetischen Möglichkeiten vorgegebenen engen Rahmen beeinflussen kann.

Innerhalb der Gruppe von Wissenschaftlern, die für Persönlichkeitmerkmale eine rein oder sehr überwiegend genetische Usache sehen, gab es in den frühen 90ziger Jahren (als auch Kerrs Buch entstand) eine Strömung die komplexe Merkmale wie Homosexualität, Schizophrenie oder Intelligenz auf die Veränderung eines jeweils einzelnen Genes reduzieren wollte. Mehrfach konnte man damals in den wissenschaftlichen Gazetten (i.e. nature oder science) lesen, dass ein Wissenschaftler glaubte, ein entsprechendes Gen gefunden zu haben: Komplexes Phänomen einfache Erklärung – diese Sehnsucht ist ja noch nicht einmal auf Wissenschaftler beschränkt.

Kerr greift diese Vorstellung sehr schön auf und variiert sie dahingehend, dass hier nicht nach einem Gen, sondern nach einer einzelnen, definierten Lokalisation im Gehirn gesucht wird. Auch diese Annahme ist plausibel, weil es in der Hirnforschung tatsächlich ähnliche Tendenzen gab und einige Eigenschaften auch erfolgreich bestimmten Hirnarealen zugeordnet werden konnten – zum Beispiel die Parkinsonsche Erkrankung, Sprechen und Sprachverständnis.

Anders als zum Beispiel -> John Case schafft Kerr es also, fiktive Wissenschaft zu beschreiben ohne unplausibel zu werden.  Dieses Verständnis für Wissenschaft zeigt sich auch in der Beschreibung der Entdeckung der Bedeutung des VMK. Nicht als großer genialer Wurf, sondern durch eine Folge von kleineren Beobachtungen und Schlußfolgerungen.

Nächten Montag: Moderne Diagnostik auf den Weg zu Kerr.

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  • lm.jpgNicht mehr ganz neu ist, was Olen Steinhauer vorletzte Woche im Blog contemporary nomad verkündete. Nämlich dass sein nächstes Buch, mit dem Arbeitstitel The Tourist möglicherweise auch in Deutschland bei Heyne veröffentlich wird. Steinhauer hat soeben eine fünfteilige Serie abgeschlossen, die dem kalten Krieg aus der Sicht Osteuropas nachspürt – zwei dieser Bücher (-> hier und -> hier) hatte ich  besprochen. Das neue Buch wird sich thematisch ein wenig neu ausrichten und ist, soweit ich weiß, ein Thriller rund um die CIA.
    Eine gute Nachricht für deutsche Krimileser: Wenn man sich die Bandbreite der Stilistik in den vier ersten Bücher seiner Serie anschaut, sieht man sofort, was für ein guter Autor Steinhauer ist und welches hohe handwerkliche Können er besitzt. 
  • Otto Penzler ist so etwas wie der große alte Mann des amerikanischen Krimibuchmarktes. Seit 28 Jahren hat er ein Buchgeschäft in New York, er ist Herausgeber mehrerer jährlicher Anthologien (z.B. The Best American Mystery Stories) und war Eigentümer eines kleineren Verlages.
    Für den monatlichen newsletter seines Buchgeschäfts konnte er zahlreiche nahmhafte Autoren motivieren, kurze „fiktive“ Porträts (circa 5000 Wörter) ihrer Serienhelden zu schreiben. Diese Porträts gab und gibt es monatlich für Kunden der Buchhandlung. Später wurden auch kleine edle Bücher gedruckt (60$ pro Bändchen).
    Wie nun Sarah Weinman schreibt, soll ein Sammelband mit diesen Porträts bei Little Brown erscheinen. Beteiligte Autoren scheinen Robert B. Parker, Michael Connelly, Jeffery Deaver oder die Kellermans zu sein. Schon fast ein Pflichtkauf für alle Leser von US-Amerikanischen Serienkrimis.
  • cover12.gifÜber US-amerikanische Krimipreise hatte ich mich ja schon einmal ausgelassen. Spinetingler, ein Crime Fiction Ezine versucht für die Spinetingler Awards einen neuen Weg zu gehen und das Internet ernst zu nehmen. Zur Zeit läuft die Nominierungphase und man macht sich einen Haufen Arbeit:
    Es gibt unterschiedliche Kategorien für Autoren, die sich an der Zahl der veröffentlichten Bücher orientiert. Legenden mit mehr als acht publizierten Büchern, steigende Sterne mit vier bis acht publizierten Büchern und Neulinge.  
    Und es gibt Preise für Editors, Publisher, Bestes Cover, Besondere Verdienste und Beste im Netz veröffentlichte Kurzgeschichte.
    Bis zum 15. November kann jeder seine seine Vorschläge (bis zu fünf pro Kategorie) per E-Mail einreichen. Einzige Bedingung: Die Erstausgabe der Bücher muss in englischer Sprache zwischen 1. Oktober 2006 und 30.Sptember 2007 erschienen sein.
    Sandra Ruttan, die alle zugesandten E-Mail auswerten soll, wünsche ich viel Glück.

bernd

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Robert Beck hat im wahren Leben, wie im Buch den „street name“ Iceberg Slim

Iceberg ist Zuhälter und sitzt im Gefängnis.

I was having a bitch of a quarrel with a stupid jerk inside me.

Over and over I hollered at him, „You’re Iceberg Slim, the pimp.You can’t cash out like a square.“

I was trying to convince the screwy bastard that he shouldn’t go crazy and hang himself from the steel-barred cell door. (1)

Dort trifft er White Folks. Zehn Tage teilen sie sich die Zelle; während dieser zehn Tage erzählt White Folks ihm seine Lebensgeschichte.

White Folks ist ein con man, ein Betrüger. Er erzählt von seiner Kindheit, seiner Jugend und seiner Ausbildung bei Blue, der der beste Betrüger ist und sich seiner annimmt wie ein Vater. White Folks ist ein „white Negro“, einer den sie für einen Weißen halten. Seine Muter war ’ne schwarze Nutte, sein Vater ein weißer Jazzmusiker. Sie waren verheiratet … bis der Vater die Mutter verließ. Aufgrund seiner Hautfarbe nannten sie ihn als Kind Trick Baby [Trick: Besuch einer Nutte durch einen Freier] und nun zieht er mit Blue durch die Strasse Chicagos. Es sind dunkle Straßen, in denen finstere Gestalten lauern. Die Mafia und ihre schwarzen Vertreter und die Polizei sind immer in Reichweite. 

Er lernte den schnellen Betrug (short con) auf der Straße und den aufwendig inszenierten Betrug (long con). Betrug ist ein kleines Theaterstück und funktioniert nur bei denjenigen, die verführt werden möchten und in denen selber einen Betrüger schlummert.

Iceberg Slim erzählt die Geschichte in einer „dirty language“ frisch von der Straße direkt auf den Tisch. In ungewöhnlichen, starken Bildern und intensiven Dialogen folgt er dem Leben White Folks. Dessen Hautfarbe ist natürlich ein Trick des Autors um Zugang zu und „Vertrauen“ bei den weißen Figuren zu finden. Letztlich ist es die Liebe zu einer weißen Frau mit pseudoliberalen Background, die da gar nicht ahnt, was sie da an ihrer Brust „nährt“, welche White Folks an den Rand des Abgrunds führt: In expressionistischen Passagen wird da der Fieberwahn der Pneumonie des Alkoholabhängiges beschrieben.

Iceberg Slim ist ein vollkommen zu unrecht ignorierter/ vergessener Autor, der mit Sprachgewalt, Einschüben von Humor und Konsequenz von den dunklen Seiten Chicagos, dem Stolz der Schwarzen und der falschen Liberalität der Weißen berichtet.

Einiger seine Bücher, u.A. seine Biographie, Pimp sind auch ins Deutsche übersetzt worden. 

(Trick Baby ist auch verfilmt worden und in Deutschland unter Geh zur Hölle (Trick Baby, 1973) als Video erhältlich.) 

bernd

(1) Ich hatte einen Wahnsinnszoff mit einem Dummkopf in mir.

Wieder und wieder schrie ich ihn an, „Du bist Iceberg Slim, der Lude. Du kannst Dich nicht den Abgang machen wie ein Spießer.“

Ich versuchte den kleinen Scheißer davon zu überzeugen, nicht verrückt zu werden und sich an der Stahlgittertür aufzuhängen.  

[mein eigener Übersetzungsversuch, bk]

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Ein Buch dessen Sprache offensichtlich spaltet. 

Peter Rozovsky ist -> hier von Peter Temple im Allgemeinen und -> hier von seinem Buch The Broken Shore (deutsch: Kalter August) angetan und bezeichnet den Autor sogar als „style king“: „Off the two Jack Irish novels I’ve read plus The Broken Shore, I’d say Temple is one of the very best and most distinctive crime-fiction writers in the world.

Temple does the things other crime writers do, but he’ll add that extra charge, that extra little touch that keeps me interested: the deadpan elliptical transitions or, especially, the descriptions of the protagonist’s outside interests. Crime writers by the score will do the latter but rarely in so compelling and even beautiful a manner as in, say, the descriptions of Jack Irish’s cabinet work. An author has got to be pretty confident of his technique to believe that he can do that and still hold the reader’s attention. With Temple, it always works.

Vorhandene Differenzen zwischen verschiedenen Kommentatoren der Beiträge ergeben einen Sinn, denn während crimeficreader ein grammatikalisches Problem beim Autor sieht: „However, I hate and don’t support bad use of grammar, and here, it was adopted as a style. Unique perhaps, but oh so annoying to me!„,

erläutert Jim Winter, Mitarbeiter bei Rap Sheet:

I had to read Temple for an award I was judging. I thought I’d picked up a Ken Bruen novel.

Turns out Temple and Bruen have compared notes. One of those great minds moments when I learned that.

und albrecht (ein deutschsprachiger Leser ?) sekundiert: “ Bad grammar? I cannot believe that the person in the earlier post does not understand that Temple is compressing till the pips squeak. He is a language stress-tester. Love it. Huge talent.

Also, so lese ich das, ein sprachlich eigenwilliger und gewöhnungsbedürftiger Autor – womöglich. Da verstehe ich dann, dass, wie bookfool schrieb „I […] had to reread some paragraphs to figure out what he was trying to say, occasionally, but it moved quickly for me.“ – aber ist das schlimm ?

Auch -> in Deutschland fanden sich überwiegend wohlwollende Stimmen für das Buch, so schrieb Ulrich Kroeger in seinen Krimitipps:

Ein Befund, der nüchtern diagnostiziert, aber brillant in Worte gefasst wird – mit tiefenscharf gezeichneten Charakteren, glaubhaften Milieuschilderungen und treffenden Dialogen – das ist welt- und gegenwartsbezogene Literatur, die etwas zu sagen hat.  

Allein, die beiden älteren Herren auf dem Balkon nörgeln über den Aufbau und einer von ihnen schimpft auch über die Sprache:

Was ich auch interessant finde, ist, dass man das eigentlich schon gleich am Anfang merkt. Nicht nur an der von mir kritisierten Sprache, die nicht durch die Übersetzung vermurkst wurde (das merkt man, dass es schon im Original so holprig ist). Sondern auch insgesamt: keine Atmosphäre, keine Personen, keine Lebendigkeit. Auch das merkt man sehr schnell. 

Nun, über den Aufbau mag man ja noch diskutieren, aber die Sprache ? Können die Juroren des Duncan Lawrie Dagger so sehr irren, dass sie nicht einmal holprigre Sprache erkennen ? 

Vielleicht hat Axel Bussmer das Problem festgenagelt, wenn er schreibt :“Denn die durchgehend holprige Übersetzung, die – immerhin hat Hans M. Herzog in den vergangenen Jahren Elmore Leonard, Jason Starr, Tom Sharpe und Russell Banks übersetzt – anscheinend unter höchstem Zeitdruck gefertigt wurde, liest sich immer wieder wie ein Rohentwurf. Fast immer kann mühelos auf den Originalwortlaut zurückgeschlossen werden.“ ? Schließlich liest er auch häufiger Bücher in englischer Sprache.

Kann man eine holprige Sprache des Originals über den Umweg einer Übersetzung erkennen ? Muss man sich (als Übersetzer und als Leser) auf die sprachlichen Intensionen eines Autoren einlassen und kann man das überhaupt anhand einer Übersetzung ?

Spannend. Da hilft nur eins: Selber lesen !

bernd 

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Die Besprechung von Locked Rooms von Laurie R. King ist ab heute bei -> wtd zu lesen.

Laurie R. King ist eine interessanten Krimiautorin, die unterschiedliche Genrestile beherrscht. Mit ihrer Kate Martenelli Serie hat sie den Edgar und dieses Jahr den  Lambda Literary Award/Lammy Award (die Homepage von Lambda nennt beide Namen), für LGBT (Lebian, Gay, Bisexual, and Transgender) Literatur gewonnen. Sie war zwar nicht die erste Autorin die eine homosexuelle Polizistin ins Genre eingeführt hat, aber sie war die erste, so scheint es, die im Massenmarkt Erfolg hatte und die einen der großen Krimipreise gewann.

Für ihr Buch Folly (einem „stand-alone“) gewann sie den Macavity Award. Am meisten Erfolg hat sie jedoch mit ihrer Serie um Mary Russel und Sherlock Holmes; das erste Buch der Serie, The Beekeeper’s Apprentice ist unter dem Titel Die Gehilfin des Bienenzüchters auch in Deutschland erschienen. Es hat noch nicht ganz die Souveränität der späteren Bände.

Die ausgebildete Theologin besitzt die rare Qualität intelligent und massenkompatibel zu schreiben. Ihre Ausbildung merkt man den Büchern (abgesehen von einer gewissen Symbolik vielleicht) nicht an.

Die Homepage der Autorin ist -> hier zu finden und sie führt auch einen Blog.  

bernd

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(Über verschiedene Hilfen für Autoren)

Als Kind hatten mich immer die Anzeigen in den Boulevardblättern fasziniert, welche Schreibunterricht anboten und eine schnelle Ausbildung zum Schriftsteller verhießen. Mehr denn je scheint heute ein Bedürfnis zu bestehen, durch kurze Lektüre von einigen Lektionen zum kompetenten Wortschmied zu avanzieren. 

Ludger Menke hatte schon wiederholt einige, mitunter unfreiwillig komische Beispiele auf seiner Seite genannt (-> hier zum Beispiel).

Wer sich ernsthafter informieren möchte und Rat von Autorenkollegen einholen will, nutzt möglicherweise das Montsegur Autorenforum. Obwohl ich fürchte, dass einem Infos wie 

Ich habe mich sowohl mit Christies und Simenons Krimis beschäftigt (auch D. Leon zählt dazu)
Der Aufbau ist simpel und heute nicht mehr zeitgemäß, kann also m.E. nicht mehr als Vorbild, und somit Regel, gelten.
Der Publikumsgeschmack hat sich spätetstens seit D. Brown geändert.  
Es sind andere Ideen und somit plots gefragt.

nicht wirklich weiter helfen.

Auch erfolgreiche Autoren probieren sich im Schreiben von Ratgebern. Auf Walter Mosleys This Year You Write Your Novel  hatte ich schon einmal hingewiesen und wer sich mit Glückseuphorie zudröhnen möchte, für den könnte auch Dara Girads The Writer Behind the Words etwas sein. Am häufigsten genannt wird jedoch Stephen Kings On Writing (deutsch: Das Leben und das Schreiben). Ein eher kleines Buch, dessen erster Teil eine Art Lesebiographie Kings darstellt, während es im zweiten Teil Grundsätzliches zum und über’s Schreiben bringt. Es ist ein unterhaltsames und interessantes Büchlein, eher, so vermute ich, für Autoren mit ein wenig Erfahrung und vielleicht in Teilen etwas zu sehr auf die USA zugeschnitten.

Diese Woche stellten Poe’s Deadlys Daughters zwei jeweils fünfteilige Beratungsserien fertig. Während ich bei den Jungautoren, an die sich die Beiträge richten sollen, grauenvolles erahne, sollten sie mit den Inhalten vorher nicht vertraut gewesen sein, scheinen mir diese how-to Serien für Leser interessant.

Sharon Wildwind beschäftigte sich in ihrer Serie mit typischen Fehlern von Autoren – nicht unbedingt neu, aber schön zusammengestellt. Mit einigen Beispielen peppt sie ihre Serie auf – den Lesern des Blogs (siehe Kommentierungen) schien es zu gefallen. Sie stellt folgende Kardinalfehler vor:

Violence as dialog (VAD) Brutalität, Gewaltdarstellungen

So schreibt sie über Gewaltdarstellungen, dass diese Dialoge ohne Worte seien. Sie sollen die Story voran bringen und glaubwürdig eingebunden sein: Ein Protagonist muss zur Gewalt fähig sein und z.B. eine Schlägerei müsse man ihm hinterher anmerken.  

 • Very special old pale (VSOP) Reduzieren

Darstellungen sollten so in den Kontext eingebunden sein, dass sie eine Verbindung zu den Personen oder der Haupthandlung haben und nicht isoliert als Hintergundsgeschichte (back story) dastünden. Als typisches Beispiel ungeschickter Hintergrundsgeschichte sieht sie den Prolog, weil er häufig in Darstellung und Erzählperspektive von der eigentlichen Geschichte abweicht.

Stop telling, start showing (STSS) Zeigen nicht erzählen

Some writers never see the micro-second between does this and did this. That hangs them up forever in the land of telling. If you can see the gap, you can bridge it!

Unabhängig von der Erzählperspektive sollten emotionale Teile der Geschichte so dargestellt werden, dass der Leser sich selber ein Bild über die Gefühle einer Person machen kann; der Text werde dadurch 3-4 mal so umfangreich.  Zusammenfassungen von Ereignissen dürfen auch erzählt werden. 

Perfectly nice syndrome (PNS) Unheimlich nett

Reale Menschen (auch Helden) haben auch Schwächen und reagieren auf Ereignisse; spiegelt sich das nicht im Buch wider, wirke der Text schaal und leer. 

 • What body language? (WBL) Körpersprache

Sechs Regeln (nach Sherry Lewis) um die Gefühle einer Person darzustellen:

  • What you do not write does not exist.
  • You can not assume that the reader knows what the character is feeling.
  • Resist the urge to hurry. Stay in the scene from second to second, from goal to disaster.
  • Use strong verbs: • rooted–flipping–bounded–skidded–manage
  • Stimulus first, then reaction or you created that half-second delay that means you’re telling rather than showing.
  • Layer: dialog, body language, emotions leftover from a previous scene, sensory texture

Dabei beschreibt sie im letzten Teil ausführlich, wie sie Ausdrucke ihrer Texte mit unterschiedlichen Farben markiert, die den verschiedenen zum Schluss genannten Schichten entsprechen. Sollten bei der Betrachtung aus größerer Entfernung Farben fehlen oder überrepräsentiert sein, feilt sie entsprechend am Text nach.

Dagegen ist die Series von Lonnie Cruse über die Möglichkeit sich Informationen zu verschaffen, weniger interessant. Angetrieben von dem Bestreben möglichst wahrheitsgetreue Krimis abzuliefern, betont sie die Möglichkeiten des Internets, von Zeitungen, zufälligen Beobachtungen auf der Strasse und Fachleuten zur Beschaffungen von Wissen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Fachleute gerne über ihr Spezialthema redeten, denn offensichtlich seien sie Fachleute, weil ihnen ihr Thema Spaß macht. 

Da steckt zuweilen eine Naivität dahinter, dass einem die Worte fehlen: 

Word of caution, check SEVERAL websites on ANY subject to gather information as some sites may be phony or running a scam.

Nun kenn ich ja die Bücher von Lonnie Cruse nicht, aber diese Serie macht auf mich einen derart kunstlosen Eindruck, dass ich auch nicht sehe, warum ich das ändern sollte. 

Denn letztendlich ist es wohl so wie King schrieb: Ratgeber können aus einem schlechten ein ordentliches Buch machen, mehr ist aber nicht drin.

bernd

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  • In Amerika unterscheidet man häufig zwischen Genre und Literatur. Und natürlich verkörpert die Literatur das Erhabene und die edle Kunst des Schreibens, während Genre pulpiges Handwerk darstellt.

Angesichts der Vergabe des Nobelpreises an Doris Lessing schreibt Cornelia Read im Blog Nacked Authors einen höchst unterhaltsamen Beitrag zu dieser Unterscheidung.

I think they’re [Autoren und Kritiker der „erhabenen“ Literatur, bk] all just pissed off because they’ve  turned „literature“ into the kind of Filboid-Studge Latin whose precise declensions can only be enforced with Joycean pandy-bats viciously applied to the reader’s tender palms and footsolesand meanwhile we’re all having so much goddamn fun over here in Vibrant Street-Italian Vernacular Land it should be illegal.

  • Dazu passt eine sehr ausgewogene Betrachtung zu Lessing aus der Zeit 43/2007, die, soweit ich sehe, bisher nur in der Papierform zur Verfügung steht. Darin werden auch endlich einmal mehr Bücher der Autorin als Die Afrikanische Trragödie und Das Goldene Notizbuch genannt. Die Autorin Susanne Meyer schreint zu Lessing:

[…] Das Goldene Notizbuch, das Meisterwerk, formal gewagt, ergreifend, von der Wucht jener Bücher, die ins Herz der literarischen Tradition treffen und dort bleiben, neben Ulysses oder Die Blechtrommel oder Das andere Geschlecht.

Jahrzehnte vor Sylvia Plath und Ann Sexton hat Lessing Women and Madness […] zum Thema gemacht, 

  • Auf ein ganz anderes Thema verweist M.J. Rose in ihrem Blog. Radiohead, eine der großen Rockbands der Gegenwart bringen ihr neuestes Werk lediglich zum Runterladen auf dem Markt. Einige Tatsachen sind daran bemerkenswert:
    • Die Käufer dürfen den Preis, den sie bereit sind zu bezahlen, selber festlegen. Dabei scheint es so, dass die meisten bereit waren, zwischen 10 und 20 US $ zu bezahlen.
    • Das läuft ohne die großen Medienkonzerne ab und schon frohlockt mancher, dass das der Anfang vom Ende der Majors sein kann.

M.J. Rose fragt sich natürlich, ob das ein Vorbild für das Büchermedium sein kann. Ich glaube das eher noch nicht, denn die Medien sind nicht vergleichbar. Mein Buch mag ich noch in den Händen halten – aber vielleicht bin ich auch schon ein Fossil.  

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(garantiert krimifrei)

Es gibt Tage, da mag man sein Abo der SZ abbestellen. So kann man dort aktuell einen Beitrag zur christlichen Mission lesen … geschrieben von einem Missionar. Wenig überraschend reicht es in diesem Artikel zu nicht mehr als einer deftigen Polemik. Man ist es ja gewöhnt, dass derartige Beiträge, auf dem Fundament eines festgezurrten Weltbildes, andere (Weltbilder) nicht respektieren, aber dennoch: Solche Ignoranz ärgert.

Erst einmal fallen die kleinen eleganten Beileidigungen auf, die ein Privileg der Amtschristen zu sein scheinen:

Europäer, die die Mission verteufeln, projizieren ihre neuheidnischen Vorbehalte in andere Kulturen

Vorbehalte gegen die Mission sind also nicht nur Vorbehalte, sondern „neuheidnische Vorbehalte“. Diesem Adjektiv wohnt gleich eine zweifache Beleidigung inne, erstens ist der Begriff des Heiden in der jüdisch-christlichen Tradition per se abwertetend gemeint und zweitens intendiert der Begriff des neuheidnischen einen Bezug zu alternativen religiösen Praktiken. Dass es im Europa des frühen 21. Jahrhunderts aufgeklärte Menschen gibt, welche keine Ersatzreligion brauchen, will in einem ideologisch verbohrten Kopf nicht `rein.

Wundern tut es, wie ein Mensch,der es schon nicht schafft, gegenüber Menschen seines Kulturkreises ohne herablassende Beleidigung auszukommen, es schaffen will, sich gegenüber Menschen eines anderen Kulturbereichs, denen er nichts weniger als das Heilswissen vorauszuhaben meint, respektvoll zu verhalten, wenn sie seine Botschaft nicht annehmen. 

Vom allgemeinen Schwurbel abgesehen, argumentiert der Autor im Weiteren soziologisch und psychoethnisch : „Auffälligerweise war die christliche Mission in Südostasien gerade unter Minoritäten erfolgreich“ und führt aus, dass das Christentum den Schwachen und Unterdrückten helfe:  „Der muttersprachlich assimilierte christliche Glaube hingegen versichert sich des Beistandes des einen übermächtigen Gottes.“

Die Argumentation ist nicht neu und wohl unter dem Stichwort „Innere Mission“ abzuhandeln. Dennoch bleibt die Tatsache, dass der Missionsgedanke einen Mangel an Toleranz gegenüber nicht-christlichen Vorstellungen offenbart.

Der Teuffel ist evangelisch, stellt sich aber in eine tausendjährige christliche Tradition: „Die europäische Zivilisation verdankt sich dem Umstand, dass die christliche Mission unter germanischen Stammesgesellschaften vor mehr als tausend Jahren erfolgreich gewesen ist.“ und weiter „Ohne die Kirche sind Schriftlichkeit und die Aneignung des klassischen Bildungsguts kaum vorstellbar“.

So habe ich die Geschichte noch nie gesehen. Bisher dachte ich immer, dass am Ende des Mittelalters, als die christliche Dominanz der Kultur langsam zu Ende ging, das gesamte philosophische, literarische und naturwissenschaftliche Wissen der Griechen von der Kirche weggesperrt worden war und die schriftliche und literarische Emanzipation (Luther war hiervon ein Teil !) der Bürger gegen die christliche Kirche stattgefunden hatte.  

bernd

PS. Eins noch: Nicht ohne Grund heißt sie Missionarsstellung. Auch in der jüngeren Vergangenheit würde ich im Genderbereich nicht nur segensreiches in der Mission sehen.

(Mit Dank an -> Georg)

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