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Archive for September 2007

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Ich hatte es vorab schon befürchtet: Vermutlich würde John Case’ Ghost Dancer eines dieser überspannten Bücher, dessen Eigenwilligkeiten den guten Willen des Lesers strapazieren … aber dass das Buch so unerträglich werden würde, das habe ich nicht vorhersehen.

Dreh- und Angelpunkt des „globalen“ Thrillers ist Jack Wilson. Zehn Jahre war er im Gefängnis, genauer gesagt in Supermax, dem Hochsicherheitstrakt. Nun ist er wieder draussen, in der Freiheit. Um an Geld zu kommen, tut er sich mit libanesischen Freischärlern zusammen, Gauner eigentlich, die Opiate, Waffen und wer-was-was-sonst-noch schmuggeln. Sein eigentliches Ziel ist jedoch ein anderes: Er will eine neue Superwaffe bauen.

Die Libanesen geraten ins Visier der internationalen Antiterrorbekämpfung und fliegen auf. Die Spur zurück zu Wilson bleibt bei Mike Burke hängen. Auch Burke ist US-Amerikaner, lebt in Dublin und betreibt mit seinem Schwiegervater ein Büro, welches bei Firmengründungen und Kontoeröffnungen in Steueroasen und Schwarzgeldparadiesen hilft. Wilson war sein Kunde, doch Burke kann keine Informationen über ihn liefern, also lässt das FBI kurzer Hand das Büro zusperren (sic !). Um den Namen des Büros rein zu waschen, bleibt Burke nichts anderes übrig, als Wilson zu suchen.

Im weiteren Verlauf des Buches laufen diese beiden Handlungsstränge zusammen. Aber John Case (ein verheiratetes Autorenpaar) will mehr, viel mehr, zu viel eigentlich. Ein Kompendium der Fazetten des modernen Terrors solls sein: Weltkrieg in Afrika, Al kaida, Russland und natürlich der „Terror“  der USA gegen die eigenen Bürger. Alles dabei. Die Protagonisten werden durch eine Vielzahl von Orten getrieben, deren Atmosphäre mehr oder weniger stimmig wirkt oder, so mein -> Verdacht zusammen gegoogelt wurde.

Man findet im Netz immer wieder Aussagen von Lesern die John Case mit Dan Brown vergleichen. Nicht ganz zu unrecht, wie ich finde. Zwar beherrscht John Case sein Handwerk deutlich besser (z.B die Figur des hypochondrischen FBI-Agenten, da ist Ghost Dancer richtig witzig), aber auch hier tauchen sie auf: Die ellenlangen Dialoge in denen jemand versucht, eine schwierige Materie zu erklären.

Eine gefährliche Waffe will Wilson bauen, keine die Menschen tötet, sondern eine die einen Elektronenstrom (Elektromagnetischer Impuls) freisetzt, der alle elektrischen Systeme in den USA zerstören soll, worauf natürlich, weil ohne die USA gar nichts geht, die gesamte zivilisierte Welt zusammen bräche. 

Nun gut. Wer mag, soll sich gruseln. Aus Sicht des Lesers ist schlimmer, dass die Autoren hier nicht nur diverse physikalische Theorien verquarken und dass man das Gefühl hat, sie haben die Theorien eigentlich nicht verstanden und versuchen dennoch sie zu erklären. Da liest man zwei Seiten über Resonanz und der Text kommt nicht von der Stelle, das werden unterschiedliche Ebenen des Wissens miteinander verbunden, die inhaltlich nicht zusammen gehören [zum Beispiel die Tasache, dasss eine Opernsängerin ein Glass „zersingt“ und die Tatsache, dass das Glass aus Atome besteht, die wiederum aus elektromagnetischen Wellen aufgebaut sind], da wird schlichtweg … viel Schaum geschlagen.

Wer so etwas überlesen kann, bitte: Ghost Dancer ist ansonsten spannend zu lesen – hat allerdings ein recht undramatisches Ende. 

Am Ende, wie für Dan Brown auch typisch wird der Leser dann mit einem umfangreichen Abspann belohnt, in dem die Autoren die Quellen ihres Wissens offenbaren. Als wenn sich damit ein schlechtes Buch retten ließe.

Zur Geschichte mit dem Glas und der Opernsängerin siehe übrigens -> hier (die Sendung selber ist in meinen Augen recht oberflächlich, aber hier habens sie’s gut dargestellt).

bernd

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Blogethik

In den USA haben Blogs in der öffentlichen Diskussion einen höheren Stellenwert als bei uns. Sie und ihre Rezensionen und Beiträge können deshalb auch einen Einfluss auf den Erfolg von Autoren und Büchern haben.

Eine Diskussion die vor längerer Zeit in den USA ausgebrochen war, drehte sich um die Qualität von Rezensionen die gebloggt werden. Dabei ging es nicht nur um die Fähigkeit der Blogger Bücher angemessen zu bewerten, sondern u.A. auch um die (gelegentlich vorhandene mangelnde) Neutralität und das Veschweigen von Abhängigkeiten – eine gute Zusammenfassung gibt -> dieser Artikel der New York Sun

CyberJournalist.net hat deshalb nun einige ethische Regeln vorgeschlagen (-> hier). Kurz zusammen gefasst lauten die Regeln:

Be Honest and Fair (Quellen angeben; Inhalte nicht klauen; keine Meldungen weitergeben, von denen man weiß, dass sie unwahr sind; usw.)

Minimize Harm (Die Folgen von Berichten bedenken, insbesondere bei Kindern; Schutz der Privatsphäre respektieren; usw.)

Be Accountable (Interessenskonflikte offenlegen; keine Einflussnahme durch Werbende zulassen; usw).

Größtenteils trivial und vernünftig. Und anders als Journalisten gerne meinen, ist das Handeln nach diesen Grundsätzen nicht auf diese Berufsgruppe beschränkt – wenn ich mir -> diese Seite anschaue, auch nicht für alle Journalisten typisch.

Wie das praktisch aussehen könnte, hat Robert Nagle auf seinem Blog Idiotprogrammer -> dargestellt.

Ein aktuelles Beispiel gibt Declan Burke. Der -> weist nämlich darauf hin, dass er letzthin Allan Guthries Hard Man positiv besprochen hatte und dieser nun seinem Buch The Big O eine positive Bemerkung schenkt.

bernd

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Ab heute ist bei -> wtd die Rezension über Dan Fespermans The Prisoner of Guantanamo zu lesen. Ein -> aktuelles Interview mit Fesperman über das Buch gibt es bei crime time. Es scheint so, als hätte er tatsächlich seine Vorstellungen im Buch erfolgreich umgesetzt.

Fesperman gilt aufgund der geringen Zahl seiner Bücher (vier) immer noch als „junger“ Autor. Hauptberuflich arbeitet der 1955 geborene Fesperman als Journalist. Witzigerweise war er Tischnachbar von Laura Lippman und teilte sich mit ihr den Computer.

Seine Homepage ist -> hier zu finden. 

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Lonnie Cruse von Poe’s Deadly Daughters gibt in den nächsten Wochen Unterricht. Thema:  Recherche für Krimiautoren. Der -> ersten Unterrichtsstunde lag die These zugrunde, dass Leser ungnädige Menschen seien: „Readers love nothing better than catching writers in errors.“ „writer’s view“ und natürlich verkehrt: Ich will gute Bücher lesen, nicht Oberlehrer spielen. In dem Moment in dem ich einen Autor beim Fehler ertappe, ist es zu spät, denn dann ist die Illusion, die der Autor entstehen lassen wollte, kaputt.

Nun gibt es natürlich kleinere und größere Fehler und ob mich ein Fehler stört, hängt vom drumherum ab: Gehen mir Autor oder Buch auf die Nerven, bin ich fast dankbar, etwas gefunden zu haben, an dem ich mich reiben kann. Über kleinere Fehler in einem stimmigen Buch kann ich dagegen hinweg sehen.

Andere nehmen es wohl etwas genauer: „EXAMPLE: When writing my first book, I decided to take a research trip downtown for a closer look at the courthouse, since the body in my story was going to be found there. After the book was published at least two people told me they went downtown to verify whether it was physically possible to place a body where I’d placed mine. It is. (Wiping sweat from brow.)“

Konsens scheint darin zu bestehen, dass der Leser die Recherche nicht merken soll: „Or worse, we’ve spent all that time learning about a subject, so we’re going to teach every single bit of it to our readers,“ eine Einstellung die dpr -> teilt.

Ein aktuelles Lesebeispiel hierzu ist John Case‘ Buch Ghost Dancer. Die Bücher des verheirateten Autorenpaares sind voll mit wilden Bedrohungszsenarien. „The First Horseman“ (deutsch: Das erste der sieben Siegel ) z.B. handelte vom Versuch Mikroorganismen in die Luft zu blasen und mit diesen „giftigen Nebeln“ die Einwohner New Yorks zu töten.

Das war natürlich inspiriert durch die Versuche und Anschläge der Ōmu Shinrikyō (häufig auch Aum Shinrikyo geschrieben)-Sekte, die 1995 durch den Sarinanschlag in der Tokyoter U-Bahn bekannt geworden war. Vor dem Anschlag hatte sie versucht Botulinumtoxin und Sporen von Bacillus antracis (Antrax-Erreger) per Luft zu verbreiten. [Das Bild oben zeigt, einen derartigen Versuch aus dem Jahr 1993: Sehr unscharf kann man zwei Menschen im Schutzanzug sehen.]

Die fehlgegangenen Anschläge sind relativ genau analysiert worden (z.B. -> hier). Quintessenz ist, dass es technisch sehr schwierig ist, Keime in geeigneter Form in die Luft zu bringen und in der Luft zu halten. Die Keime werden in Form kleinster Wassertropfen in die Luft gebracht (aerosolisiert). Wenn die Tropfen zu groß sind, sind sie entweder zu schwer, sinken also zu Boden und/oder nicht lungengängig. Sie klein genug hinzukriegen und dennoch über eine große Entfernung zu schicken, scheint noch nicht gelungen zu sein – auch westliche Militärs beschäftigen sich schließlich mit dem Thema.

Vielleicht bin ich ungerecht, und außer einigen Spezialisten wird auch kaum jemand diese Analyse kennen, aber dennoch, das Autorenpaar sollte ja schließlich vernünftige Recherche betreiben. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Szenario genauso relevant wie die Rahmengeschichte vom „Da Vinci Code“. Und da es mir viel zu viele Menschen gibt, die das für wirklich halten, was sie für wirlixh halten möchten, hatte mich dieses billige Horrordrama in The First Horseman erheblich genervt [Dabei war das Buch sonst gar nicht ‚mal schlecht geschrieben].

In Ghost Dancer nun versuchen sie sich an einer anderen Wunderwaffe : 

The only problem he hadn’t been able to solve concerned the photon flux that takes place when a standing gravitational wave interacts with its electromagnetc counterpart in a static magnetic field. 

Nichts weniger als eine Gravitationwelle, eine stehende zudem, solls richten. Nun, leider sind Gravitationswellen durch die Allgemeine Relativitätstheorie zwar vorhergesagt worden, aber -> noch nie direkt beobachtet, geschweige denn von Menschenhand erzeugt worden. Nun weiß ich zwar, dass ich Bücher symbolisch deuten und nicht zu wörtlich nehmen soll, aber tut nichts: Mich nervt diese Pseudoernsthaftigkeit, die doch nur einen Zweck hat. Nämlich durch die Wortwahl die Gehirne der Leser so zu vernebeln, dass keiner mehr merkt, was für ein Unfug das ist.  

Letztendlich ist das Geschmackssache. Dass den beiden Schreibern hier wieder die Gäule durchgehen, werde ich bei der Besprechung des Buches nicht überbewerten.

Schlimmer jedch ist etwas anderes: Ghost Dancer spielt in vielen verschiedenen Orten und Regionen wie z.B. Dublin, Berlin, Zürich, Kuala Lumpur, Ukraine, Dubai, und Kongo. Ein Teil des Charakters des Buches basiert auf der Atmosphäre dieser Ort und dass ich den Autoren vertrauen kann, diese stimmig abzubilden. Deshalb sind einige Schnitzer, die in dem Kapitel auftauchen, welches in Berlin spielt, problematisch.

Die Berliner Atmosphäre soll wohl dadurch eingefangen werden, dass ein Taxifahrer Deutsch spricht. aber „Wo zu ?“ statt „Wohin ?“ würde er wohl auch in Kreuzberg nicht fragen. Dass die Doppelpunkte für englischsprachige Menschen schwierig sind, weiß ich, dennoch ein Jurgen gibt es auch in Berlin nicht [richtig gut ist die im weiteren Verlauf des Buches auftauchende „Gote Universität“] und dass das BfV (Bundesamt für Verfassungsschutz, O-Ton:“the office for the protection of the constitution“) Terrorverdächtigen hinterher stellt und nicht der BND, halte ich auch für unwahrscheinlich. Nicht großes also, aber dennoch erschüttert das mein Vertrauen. Wenn sie schon hier ungenau sind, wie ist es dann erst in anderen Orten, die ich nicht kenne.

Ganz zu schweigen davon, dass solche Fehler im Zeitalter des Internets nicht sein müssten.

bernd

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Um dem Netzgedanken der dem Internet zugrunde liegt, gerecht zu werden,  müssen Meldungen und Meinungen zu Reaktionen führen und die Abbildung von Ereignissen sich weiterentwickelt. Manches von dem ich in der letzten Zeit berichtet hatte, regte auch an anderere Stelle Äußerungen und Stellungnahmen an.

Hier und hier hatte ich einiges über die Veränderungen des Buchmarktes geschrieben und darauf hin gewiesen, dass vermutlich eine größere Verantwortung auf die Autoren zu käme, die gezwungen sein werden, sich selber zu vermarkten. Der US-Amerikanische Kritiker David J. Montgomery machte das am Beispiel Rezensionen deutlich.  Nicht selten würde es passieren, dass er ein Buch besprechen möchte, womöglich auch mit dem Autor vereinbart hat, eine Rezensionsausgabe zu erhalten und dann bringt die Marketingabteilung des Verlages diese nicht ‚rüber. Angesichts der „Untreue“ von Lesern, schlecht für den Autoren, denn Rezensionen sind für viele Autoren immer noch die beste Möglichkeit von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Passend hierzu -> schreibt Olen Steinhauer, dass die Besprechung seines neuesten Buches Victory Square in nationalreviewonline zum Anstieg in der Verkaufsliste (ich vermute von Amazon) von etwa Platz 200.000 auf circa Platz 19.000 führte. 

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Allan Guthries Buch Hard Man wurde nicht nur -> begeistert, sondern zum Teil auch irritiert aufgenommen. Guthries Bücher seien vergeudete Qualität und sinnlos brutal, fand zum Beispiel Paul Vallely im Independent. In -> einem Interview gibt Guthrie die richtige Antwort drauf: 

maybe there’s a perceived increase in violence due to the fact that Hard Man is written almost exclusively from the victims’ point of view, whereas in the previous books the description of the violence is largely from the aggressors’ point of view

Veilleicht, so sagt er also, wird die Gewalt in dem Buch als ungemessen empfunden, weil sie aus der Sicht des Opfers erzählt ist. Und da hat er recht: Das macht das Buch unbequem.

Damien Seaman hatte einen Beitrag in Allen Guthries Magazin Noirzine  geschrieben, in dem er sich über die männerzentrierte Darstellung des noir-Genre ausließ. Zufälligerweise bin ich auf zwei Zitate aus dem wissenschaftlichen Bereich gestoßen, die belegen, dass diese Vorstellung ein alter Hut ist. So schrieb Marty Roth in seinem Buch Foul and Fair Play: Reading Genre in Classic Detective Fiction (eine Rezension des Buches -> hier):

„gender is genre and genre is male“ und Frauen so schrieb er „flesh out male desire and shadow male sexual fear”. Und Christiana Gregoriou zitiert Peter Messent mit den Worten, „Hard-boiled detective fiction in America has been filtered through a white, heterosexual, and male perspective“.

Wenn wir schon beim Meister sind („Foul and Fair Play“ spielt wohl auf den ersten Auftritt der Hexen bei Macbeth an), sollten wir Peter Rozovsky nicht vergessen. Denn der fügte seiner wundervollen Analyse über Shakespeares -> Macbeth als Krimi jetzt nach einen Beitrag über -> Hamlet an.

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Dark Companion ist ein „Philosophic Noir“, die Vermählung einer dem Prinzip der freien Assoziation folgenden Erzählung mit einer noir-Kurzgeschichte. Bannerjhee Rolf war als Chemiker in einem kleineren pharmazeutischen Unternehmen tätig, bis dieses von einem Investor übernommen und ausgeschlachtet wurden und Rolf seine Stelle verlor. Die Entlassung wurmt ihn, denn er war immer mit sich viel Engagement tätig gewesen und hatte manch neues Produkt mit entwickelt.

Ansonsten aber ist er ein glücklicher Mensch: Er verbringt seinen Tag in der zur Bibliothek umgebauten Garage, beschäftigt sich mit Kosmologie , meditiert über Fernsehen und unsere Kultur im Allgemeinen (-> z.B. über das Phänomen Stau) und freut sich, wenn seine Frau Abends von der Arbeit kommt. Ein Mensch der so in sich ruht und sich von den Verlockungen der Welt nur wenig reizen lässt, ist für Verbrechen und Gewalt ja wenig empfänglich. Und doch. Nach zwei Drittel des Buchs passiert’s: Unvorhersehbar gerät er in etwas hinein und plötzlich nimmt sein Leben (und die Geschichte) eine ungeahnte Wendung.

The Dark Companion ist ein kleines Büchlein von 144 Seiten für erfahrene Leser englischsprachiger Bücher. So ein kluger Kopf wie es Rolf ist, der verfügt auch über einen umfangreichen Wortschatz; wen das nicht schreckt, der sollte unbedingt zugreifen, wenn er jemals auf das seltene Buch stoßen sollte. Denn ein so undemonstrativ kluges und witziges Buch, das einem solch einen Reichtum an Gedanken zu bieten hat, stimmig aufgebaut und doch von leichter Hand vorgetragen ist, gibt es selten.

bernd

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Zum Glück für uns, die wir uns mit amerikanischen Krimis beschäftigen und immer wieder versuchen, die vielen dort vorhandenen Krimipreise richtig einzuordnen, gibt es Droemer Knaur.

Der Verlag vermarktet auch Bücher US-amerikanischer Autoren. Auch wenn keiner in Deutschland die amerikanischen Krimipreise kennt, ein Verweis auf daheim gewonnene Krimipreise ist bei der Werbung immer hilfreich. Und so schrieb Droemer Knaur dann über Julia Spencer-Fleming (-> hier):  

 „Die USA haben fünf große Krimipreise – Julia Spencer-Fleming gewann sie alle!“

Agatha, Anthony, Barry, Dilys, Edgar, Gumshoe, Hammett, Macavity, Shamus, scheinen mir die bekannten US-amerikanischen Krimipreise zu sein. Da kann einem die Übersicht schon einmal verloren gehen.  Fünf der genannten seien also groß. Nur welche ? Hier läßt Droemer Knaur uns im Stich.

Schauen wir also bei den -> bei Award Annals nach:

Nur ihr erstes Buch In the Bleak Midwinter (deutsch: Das weiße Kleid des Todes) hat bisher Preise erhalten. Nach dieser Quelle vier Stück. Also muss es noch einen großen amerikanischen Krimipreis geben, den die Award Annals (deren einziger Bestimmungzweck ja die Krimipreise sind) übersehen hat. Fündig wird man bei -> Spencer-Fleming selber:  

Anthony AwardAgatha AwardDilys AwardMacavity Award und Barry Award

In der Tat, fünf Preise. Aber, sind sie alle groß ? … sind sie überhaupt alle amerikanisch ?  

Es ist sicher sehr subjektiv, wer denn nun der „wichtigste“ sei. Ganz klar: Die eigene Tochter ist immer am schönsten. Will sagen, natürlich und mit Recht freut sich jeder Autor über den Gewinn eines/seines Preises, ist er doch Zeichen einer öffentlich bekanntgemachten Wertschätzung und führt möglicherweise zum Verkauf von Büchern. Aber eine gewisse Übereinstimmung, welchen Preis Autoren sich am liebsten ans Revers heften würden, gibt es dennoch.

Die Peise unterscheiden sich u.A. hinsichtlich der Organisation, die hinter dem Preis steht, der Preisrichter und der Zielsetzungen. Vereinfacht gesagt werden Edgar, Hammett und Shamus  von Autorenorganisationen vergeben und von unabhängigen und jährlich wechselnden Juroren ausgewählt. Agatha und Anthony sind Leserpreise, die von den Teilnehmern eines Konvents ausgewählt werden, Macavity ein Leserpreis einer internationalen „Fanorganisation“, Gumshoe und Barry Preise von Krimizeitschriften und Dilys ein Peis der unabhängigen Buchhändler. Shamus und Agatha sind „Spezialpreise“, die sich an PI (Private Ermittler)- bzw. Cozy-Krimis richten. 

Aus dem Bauch heraus würde ich meinen, dass der Edgar über allen anderen Preisen steht, in der zweiten Ebene stehen Anthony und Shamus und in kleinem Abstand Hammett und Agatha, zum Schluss folgen Macavity, Dilys, Barry und Gumshoe.  

Es geht auch etwas objektiver. Allgemein gilt: Was uns beschäftigt und was uns wichtig ist, über das reden wir. Also dürfte das Prestige eines Preises ungefähr mit der Anzahl der Nennungen im Internet korrelieren. Wenn man jetzt also in allen englischsprachigen Seiten mit den Begriffen „Edgar Award“, „Anthony Award“, … „Hammett Prize“ (in Anführungsstrichen) googelt, bekommt man eine einigermaßen genaue Abbildung, wie sehr die Preise die öffentlichene Wahrnehmung bewegen.

Dabei ergibt sich folgendes Bild (genannt ist die Zahl der Seiten im englischsprachign Raum – gerundet, zum 18.09.06-, welche die Namen der Preise im Text nennen):

Edgar Award        270.000
Agatha Award      107.000
Anthony Award      66.200
Shamus Award       43.200
Barry Award            21.000
Macavity Award       18.500
Dilys Award             15.300
Hammett Prize        12.000 
Gumshoe Award        9.500

Abgesehen von Hammett Prize und Agatha Award stimmt diese Sicht sogar ungefähr mit meinem Bauchgefühl überein. Mehrere Einschränkung ließen sich machen; zb. dass Anthony, Barry und Macavity auf der gleichen Veranstaltung vergeben werden, so dass der Anthony möglicherweise die anderen beiden mitzieht. Aber ich möchte jetzt auch nicht übertreiben. 

Bliebe noch letztlich die Anmerkung, dass der Dilys überhaupt kein (rein) US-amerikanischer Krimipreis ist, denn die veranstaltende Organisation schreibt -> über sich: „The Independent Mystery Booksellers Association is comprised of a network of independently owned retail bookstores across North America and the United Kingdom„, umfasst also auch Großbritannien und Kanada.

Vergleicht man das alles mit der markigen Aussage von Droemer Knaur, bleibt nur die Feststellung, dass der Verlag unstrittig die Unwahrheit geschrieben hat. Mag man sich auch um Kleinigkeiten streiten, aber eindeutig wurde der Edgar genauso häufig auf den englischsprachigen Seiten genannt wie alle anderen Preise zusammen.

Das Schöne ist, alle schreiben ab: Amazon, Thalia, Libri, Familie-im-Web,  Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Literaturportal – Es geht doch nichts über die eigene redaktionelle Arbeit.

PS. Bliebe noch nachzutragen, dass  All Mortal Flesh mittlerweile auch den Gumshoe Award for Best Mystery erhalten hat – dessen Wert können wir ja jetzt einschätzen.

bernd

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