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Archive for 24. September 2007

Lonnie Cruse von Poe’s Deadly Daughters gibt in den nächsten Wochen Unterricht. Thema:  Recherche für Krimiautoren. Der -> ersten Unterrichtsstunde lag die These zugrunde, dass Leser ungnädige Menschen seien: „Readers love nothing better than catching writers in errors.“ „writer’s view“ und natürlich verkehrt: Ich will gute Bücher lesen, nicht Oberlehrer spielen. In dem Moment in dem ich einen Autor beim Fehler ertappe, ist es zu spät, denn dann ist die Illusion, die der Autor entstehen lassen wollte, kaputt.

Nun gibt es natürlich kleinere und größere Fehler und ob mich ein Fehler stört, hängt vom drumherum ab: Gehen mir Autor oder Buch auf die Nerven, bin ich fast dankbar, etwas gefunden zu haben, an dem ich mich reiben kann. Über kleinere Fehler in einem stimmigen Buch kann ich dagegen hinweg sehen.

Andere nehmen es wohl etwas genauer: „EXAMPLE: When writing my first book, I decided to take a research trip downtown for a closer look at the courthouse, since the body in my story was going to be found there. After the book was published at least two people told me they went downtown to verify whether it was physically possible to place a body where I’d placed mine. It is. (Wiping sweat from brow.)“

Konsens scheint darin zu bestehen, dass der Leser die Recherche nicht merken soll: „Or worse, we’ve spent all that time learning about a subject, so we’re going to teach every single bit of it to our readers,“ eine Einstellung die dpr -> teilt.

Ein aktuelles Lesebeispiel hierzu ist John Case‘ Buch Ghost Dancer. Die Bücher des verheirateten Autorenpaares sind voll mit wilden Bedrohungszsenarien. „The First Horseman“ (deutsch: Das erste der sieben Siegel ) z.B. handelte vom Versuch Mikroorganismen in die Luft zu blasen und mit diesen „giftigen Nebeln“ die Einwohner New Yorks zu töten.

Das war natürlich inspiriert durch die Versuche und Anschläge der Ōmu Shinrikyō (häufig auch Aum Shinrikyo geschrieben)-Sekte, die 1995 durch den Sarinanschlag in der Tokyoter U-Bahn bekannt geworden war. Vor dem Anschlag hatte sie versucht Botulinumtoxin und Sporen von Bacillus antracis (Antrax-Erreger) per Luft zu verbreiten. [Das Bild oben zeigt, einen derartigen Versuch aus dem Jahr 1993: Sehr unscharf kann man zwei Menschen im Schutzanzug sehen.]

Die fehlgegangenen Anschläge sind relativ genau analysiert worden (z.B. -> hier). Quintessenz ist, dass es technisch sehr schwierig ist, Keime in geeigneter Form in die Luft zu bringen und in der Luft zu halten. Die Keime werden in Form kleinster Wassertropfen in die Luft gebracht (aerosolisiert). Wenn die Tropfen zu groß sind, sind sie entweder zu schwer, sinken also zu Boden und/oder nicht lungengängig. Sie klein genug hinzukriegen und dennoch über eine große Entfernung zu schicken, scheint noch nicht gelungen zu sein – auch westliche Militärs beschäftigen sich schließlich mit dem Thema.

Vielleicht bin ich ungerecht, und außer einigen Spezialisten wird auch kaum jemand diese Analyse kennen, aber dennoch, das Autorenpaar sollte ja schließlich vernünftige Recherche betreiben. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Szenario genauso relevant wie die Rahmengeschichte vom „Da Vinci Code“. Und da es mir viel zu viele Menschen gibt, die das für wirklich halten, was sie für wirlixh halten möchten, hatte mich dieses billige Horrordrama in The First Horseman erheblich genervt [Dabei war das Buch sonst gar nicht ‚mal schlecht geschrieben].

In Ghost Dancer nun versuchen sie sich an einer anderen Wunderwaffe : 

The only problem he hadn’t been able to solve concerned the photon flux that takes place when a standing gravitational wave interacts with its electromagnetc counterpart in a static magnetic field. 

Nichts weniger als eine Gravitationwelle, eine stehende zudem, solls richten. Nun, leider sind Gravitationswellen durch die Allgemeine Relativitätstheorie zwar vorhergesagt worden, aber -> noch nie direkt beobachtet, geschweige denn von Menschenhand erzeugt worden. Nun weiß ich zwar, dass ich Bücher symbolisch deuten und nicht zu wörtlich nehmen soll, aber tut nichts: Mich nervt diese Pseudoernsthaftigkeit, die doch nur einen Zweck hat. Nämlich durch die Wortwahl die Gehirne der Leser so zu vernebeln, dass keiner mehr merkt, was für ein Unfug das ist.  

Letztendlich ist das Geschmackssache. Dass den beiden Schreibern hier wieder die Gäule durchgehen, werde ich bei der Besprechung des Buches nicht überbewerten.

Schlimmer jedch ist etwas anderes: Ghost Dancer spielt in vielen verschiedenen Orten und Regionen wie z.B. Dublin, Berlin, Zürich, Kuala Lumpur, Ukraine, Dubai, und Kongo. Ein Teil des Charakters des Buches basiert auf der Atmosphäre dieser Ort und dass ich den Autoren vertrauen kann, diese stimmig abzubilden. Deshalb sind einige Schnitzer, die in dem Kapitel auftauchen, welches in Berlin spielt, problematisch.

Die Berliner Atmosphäre soll wohl dadurch eingefangen werden, dass ein Taxifahrer Deutsch spricht. aber „Wo zu ?“ statt „Wohin ?“ würde er wohl auch in Kreuzberg nicht fragen. Dass die Doppelpunkte für englischsprachige Menschen schwierig sind, weiß ich, dennoch ein Jurgen gibt es auch in Berlin nicht [richtig gut ist die im weiteren Verlauf des Buches auftauchende „Gote Universität“] und dass das BfV (Bundesamt für Verfassungsschutz, O-Ton:“the office for the protection of the constitution“) Terrorverdächtigen hinterher stellt und nicht der BND, halte ich auch für unwahrscheinlich. Nicht großes also, aber dennoch erschüttert das mein Vertrauen. Wenn sie schon hier ungenau sind, wie ist es dann erst in anderen Orten, die ich nicht kenne.

Ganz zu schweigen davon, dass solche Fehler im Zeitalter des Internets nicht sein müssten.

bernd

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