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Archive for 17. September 2007

Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.

Nun, dass Äußerungen eines hohen Vertreters der katholischen Kirche apluralistisch oder ademokratisch sind, ist eigentlich nicht verwunderlich sondern Teil des Programms. Man muss sich von den neuesten Äußerungen des Kölner Kardinals Meisner also nicht mehr erschüttern lassen. Was mich ein wenig überrascht, ist die etwas naive Diskussion, die von den Äußerungen losgetreten wurde (z.B. -> hier oder -> hier).

Ganz klar: Von einem Mensch der in der Öffentlichkeit steht, per definitionem einen mehr oder weniger intellektuellen Job hat und ein Verkünder des Wortes sein soll, erwartet man eigentlich etwas mehr Sensibilität bei der Wortwahl. Aber dennoch: Die Äußerungen sind, wie in der SZ zu lesen steht, nicht mehr als eine „Eselei“ oder „Provokation“ [Johano Strasser, der Präsident des PEN, äußerte sich heute morgen im Deutschlandfunk gleichartig und sprach von „verblasenen Text“ und „Insinuationen“].

Ähnlich wie Franco Frattini, Vizepräsident der Europäischen Kommission, der gerne verhindern würde, dass manche „gefährlichen“ Wörter wie „bomb, kill, genocide or terrorism“ verwendet werden, so stört sich bei uns anscheinend auch die Öffentlichkeit an dem Gebrauch des Wortes „entartet“. Aber viel interessanter ist für mich, dass Meisner den Begriff der Kultur für sein Weltbild monopolisiert.   

Kultur habe etwas mit Kultus und mit Gottesverehrung zu tun, sagt Meisner. Das mag im Zusammenhang mit einem Museum für christliche Kunst, zu dessen Eröffnung die Wörter fielen, ja sogar angehen, aber Kultur ist ja mehr als Religion oder gar Christentum. Richtig ist zwar, dass Kultur und Kultus die gleiche Abstammung haben, aber Wortbedeutungen pflegen sich mit der Zeit zu wandeln:

Von cultus: Pflege, Verehrung. Aus den Bräuchen, die ein Volk pflegt, entsteht die Kultur dieses Volkes. Aus der Verehrung der Götter entsteht ein Kult. Man kann auch um einen Popstar einen Kult betreiben, ihn sozusagen als Gott verehren, wie dies z.B. bei Britney Spears und Robbie Williams geschieht.

(-> aus: Darum Latein lernen)

Lassen wir dahingestellt, ob der Kult immer religiös sein muss (ich würde das bezweifeln), die Kultur ist es sicher nicht – aber ich fürchte, dass Meisner, das schlechtweg nicht versteht. Diese Ausgrenzung von Menschen anderer Weltverstellung ist es, was mich eher verärgert – abgesehen davon, dass auch der Gebrauch von Messer und Gabel Kultur ist, die nicht primär religiös motiviert ist. Eine der -> klassischen Definitionen (von Edward B. Tyler) von Kultur lautet:

[…] that complex whole which includes knowledge, belief, art, law, morals, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society […]

Dabei ist die Ironie, dass Meisner möglicherweise (auch) das richtige meinte, aber schlichtweg nicht in der Lage war, es ‚rüber zu bringen.

Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen, wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden. Das war die schlichte Aussage dieser Passage

Ich verstehe das so, dass „Showkunst“ ohne innere Aufrichtigkeit wertlos ist. Und da hat er ja recht. Kunst, ob nun Krimis, moderne Musik oder meinetwegen auch Heiligenbildchen, die von Produzenten, Designer am Reisssbrett nur mehr produziert wird, um sich zu verkaufen, ist meist nicht besonders spannend.

bernd    

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Es gibt Autoren, die dem größeren Publikum weniger bekannt sind, deren Namen aber immer wieder auftauchen, weil ihnen von Kundigen Respekt entgegen gebracht wird. Gary Phillips ist so ein Autor. Obwohl das letzte Buch seiner Monk-Serie schon im Jahr 2000 erschienen ist, wird der 1955 geborene Autor immer noch mit seinem Privatdetektiv Ivan Monk identifiziert. Die vier Bücher der Monk-Serie haben nicht die zuweilen höfliche Unverbindlichkeit der Easy Rawlings-Bücher von Walter Mosley, sondern sind eher derbe Darstellungen sozialer Konflikte und der Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen. Sie versprühen den gleichen herben, aber nicht unangenehmen Charme, wie es auch die Musik Thelonious Monks tut, nach dem Phillips seinen Helden benannt hat.

Anders als bei Kritikern und Kollegen, hatten die Bücher beim breiten Publikum nie die richtige Anerkennung erhalten. Phillips wechselte, schrieb zwei Bücher um Martha Chainey (-> hier eine Besprechung) und mehrere Einzelbände (u.A. -> The Perpetrator). Seit 2003 sind nur noch Kurzgeschichten von ihm erschienen. Zumeist in Sammelbänden wie z.B. Dublin Noir, aber auch in einem Band mit dem Titel Monkology, mit 13 kürzeren Geschichten des Helden.

Wie nun Rap Sheet berichtete, erscheint zur Zeit bei FourStory.org eine auf 15 bis 16 wöchentlichen Fortsetzungen angelegte Novella des Autoren. Die fünf ersten Teile der Geschichte sind mittlerweile erschienen (-> hier der erste Teil). Der Sponsor, Four Story ist so eine Art Mieterschutzverein („housing advocacy“) und behauptet von sich: „We will support new affordable housing development that is sustainable, „green“ and well-designed. We will support preservation of existing housing.“ Über die als „als The Underbelly“ bezeichnete Geschichte schreibt der Sponsor:

The Underbelly is a serialized mystery that, while fiction and, we hope, entertaining, nonetheless incorporates issues of gentrification, tenants‘ rights and smart growth.

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Gerüchteweise ist zu vernehmen, dass die Novelle möglicherweise auch als Taschenbuchausgabe erscheinen soll. Gleichzeitig plant Phillips eine zweite Serie, mit dem Titel Citizen Kang, die in der Zeitschrift The Nation zu lesen sein soll und ein Beitrag zur Präsidentenwahl 2008 in den USA werden will. 

Monk comes back ? Phillips (und uns Lesern) wäre es zu wünschen.

bernd

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