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Archive for 12. September 2007

Jim Huang ist Buchhändler in Carmel, Indiana, USA. In seinem Beitrag Where I am, after 20 years in bookselling, von Sandra Scoppettone als „essential reading“ bezeichnet, macht er sich Gedanken über die Arbeitsweise der großen Verlagshäuser (im Artikel als „NY publishers“ bezeichnet). Diese ziehen sich vom Geschäft mit „midlist“-Autoren (also mit mittlerer Auflagenzahl)  zurück. Früher konnten sich Autoren langsam entwickelten und die Verlage seien durch langfristige Erfolge z. B. von Laura Lippmann oder Michael Connelly belohnt worden; heute dagegen setzten die Verlage auf auflagenstarke „One-Night Stands“. Das mangelnde Interesse an „midlist“-Autoren führe nicht immer dazu, dass deren Bücher nicht mehr publiziert würden, sondern unter Umständen dazu, dass die älteren Bücher dieser Autoren (sog. „backlist“) nicht mehr erhältlich seien:

These writers might not ever become New York Times bestsellers, but their livelihoods might be significantly different if their hardcovers sold 15,000 copies instead of 7,500, and if their backlist titles stayed in print, continuing to generate income instead of disappearing from the marketplace.

Für Autoren, die im ersten Buch nicht gleich den Jackpot treffen, bedeute diese Strategie das schnelle Aus. Aber auch Autoren deren erste Bücher Erfolg hatten, ohne dass die Qualität der Bücher den Erfolg rechtfertigte, werden unter Umständen nicht weiter von den Verlagen gefördert – Huang wies hierbei auf Diane Setterfields  -> The Thirteenth Tale hin. Wenn mittelfristig den Lesern die geliebten Serien weggenommen worden seien, würde dieses das Spiel auch nicht länger mitspielen, so dass dann das gesamte Genre drunter litte.

70 bis 80% der Bestseller sind Bücher aus Serien, also seien Serien Dreh- und Angelpunkt des kommerziellen Erfolgs und die Strategien der Verlage müßten dieses berücksichtigen. Älteren, insbesondere die ersten Bücher von Serien müssten verfügbar sein, die Bücher einer Serie sollten sich optisch ähnlich sein usw („It’s incredible that a new hardcover release is ever published prior to the first paperback edition of its predecessor. And yet it still happens, over and over again.„).

Every time readers encounter a new series, the first thing they ask is „what’s the first book in the series?“ And if those readers like the first, they’ll want to go on to the second, third, fourth and fifth. Most publishers make it difficult to figure out where a series begins and how it progress.

Auch in den kleinen unabhängigen Buchgeschäften seien Änderungen notwendig, um den Bedürfnissen der Leser zu entsprechen und um sich von den großen Ketten abzusetzen. Denn wenn die großen Verlagshäuser an ihnen kein Interesse mehr zeigten und die Arbeit mit den großen Ketten bevorzugen, werden die selbständigen Buchhändler mehr mit den kleineren Verlagen zusammenarbeiten müssen – über die Vielzahl der kleinen Verlage hatte sich ja auch schon Sharon Westwind ausgelassen (Zusammenfassung -> hier).

Zu Huangs Beitrag gab es zahlreiche Kommentare, hauptsächlich von Autoren, Buchhändler und natürlich kleineren Verlagen, kaum von Lesern. Wenn man sich so manche Diskussion in den Leserforen im Internet durchliest, scheint es tatsächlich so zu sein, dass längere Serien einen großen Reiz ausübten, deshalb sollten Leser schon wissen, wohin die Reise möglicherweise geht. Und es ist ja nicht so, dass das Ganze in Deutschland nicht relevant wäre. Unterbrochene oder womöglich in unterschiedlicher Reihenfolge zusammengesetzte Serien übersetzter Autoren sind ja nicht gerade selten.

Dazu passen Beiträge in Literary Kicks. Im Rahmen der Reihe Does Literary Fiction Suffer from Dysfunctional Pricing ? Fragt Levi Asher Autoren, Agenten und Verleger zu Preisen und Preisbildung. Den Anfang machen zwei Beiträge über den ökonomischen Unterschied zwischen gebundenen Ausgaben und Taschenbüchern (-> hier und -> hier ).

Im Zentrum des wirtschaftlichen Denkens der großen Verlage stehe der schlichte Satz:

At the heart of the matter is the simple fact that going to trade paperback original (tpo) for most books would not increase sales for all books; all it would do is cut into the margins that publishers make.

Also vereinfacht ausgedrückt, nur weil Bücher als Taschenbuchausgaben billiger wären, würden die Menschen nicht mehr lesen. Und wenn sie nicht mehr lesen, dann kaufen sie auch nicht mehr Bücher. Also kauften sie, mehr preisgünstigere Taschenbücher und weniger gebundene Bücher, an denen Verlage mehr verdienten. Verlage schitten sich also ins eigene Fleisch, wenn sie gebundene Bücher per se durch Taschenbücher ersetzten.

So einleuchtend der Gedanke ist, er ist nur richtig, wenn man den Markt der Neuerscheinungen als einen geschlossen Markt betrachtet, aus dem die Käuferseite nicht auweichen kann. Gebrauchte Bücher – mit, wie wir gelernt haben, einem Anteil von 10 %  am Umsatz des US-amerikanischen Buchmarktes – und Bibliotheken brechen den Markt aber auf.

Folgt man der obigen Argumentation, dann ist klar, dass the fact that most books are first published in hardcover makes tpo an opportunity. It’s why it makes sense for publishers to launch tpo lines, denn einzelne Bücher können sich dann (gegen andere einzelne Bücher) leichter behaupten.

Zudem gibt es einen Faktor, der die Kreise der Verlage erheblich beeinflusst. Nämlich die Verkäufer von Büchern („Retailer“). Weniger die kleinen Händler als vielmehr die großen Ketten und die „super kostensensitiven“ Supermärkte (die, -> laut P.J. Parrish inzwischen etwas 50% Marktanteil in den USA hätten): 

Retailers LOVE trade paper original. Borders loves ‚em, Barnes loves ‚em, Prairie Lights love ‚em. It is not unusual for a book to start the publishing process as a hardcover but, through relentless pressure from the retailers on the sales reps, and the sales reps back on everyone else, to have it go to paper.

Bei neuen Autoren gäbe es einen Trend dahin, die ersten Bücher „nur“ als Taschenbuch zu veröffentlichen. Da Taschenbücher günstiger sind, kaufen mehr Leser Bücher der unbekannten Autoren. Später, wenn ein Autor bekannt genug ist, dann kommen auch gebundene Ausgaben auf den Markt, die eben den Verlagen größere Renditen versprechen. 

bernd

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