Es gibt ja Autoren, die möchte man seinen Bekannten unbedingt aufdrängen, aber man traut sich nicht. Solche Autoren sind meist sperrig, anders, kein „easy listening“. erfordern Konzentration, belohnen dieses aber auch mit besonderem Lesevergnügen. Malcolm Pryce ist so ein Autor – definitiv.
Pryce’ Bücher laufen als „welsh noir“, was ja für den einen oder anderen Leser, der sich für Regiokrimi interessiert, Anreiz sein könnte. Sowohl über „welch“ als auch über „noir“ kann man allerdings diskutieren. Die Bücher spielen in Aberystwyth, einer kleinen Stadt an der Westküste Wales. In Pryce’ Version tauchen kriminelle Druiden, Bauchredner und eine Essen-auf-Räder Bande auf, ein Kenner der Stadt mag diese ja in der Erzählung des Autors wiedererkennen, aber für die restliche Leserschaft spielt das sicher keine große Rolle.
Wahrer der moralischen Integrität im Ort ist Louie Knight, der beste, da der einzige Privatdetektiv der Gemeinde. Er ist der Inbegriff des klassischen Privatdetektivs US-amerikanischer Prägung, der sich auch nicht scheut mit Trenchcoat und Hut los zuziehen. Es ist eine düstere, teilweise auch verdorbene Welt mit der er sich auseinander setzen muss, aber so richtig noir ist weder diese Welt noch das Buch, dazu fehlen moralische Abgründe oder der Sog, der den Helden nach unten zieht. Das Buch geht eher als schräger Mystery durch.
Pryce ist ein Erzähler, dessen burleske Bücher voll mit Geschichten und Geschichtchen sind. Der könnte auch über einen Bierdeckel ein brillantes Buch schreiben. In Der letzte Tango in Aberystwyth (1) erhält Knight den Auftrag Dekan Morgan zu suchen, der im benachbarten Lampeter den Lehrstuhl für Bestattungswesen inne hat und seit einigen Tagen vermisst wird.
Das Buch ist ein wenig eine Fortführung vom Aberystwyth Mon Amour, dem ersten Buches des Autoren. Knights trifft auf alte Gegner und alte Geschichten werden fortgesetzt. Knight arbeitet sich durch die Unterwelt des Ortes, stößt auf brutale Polizisten, muss um seine junge Kollegin fürchten und erlebt einiges Bizarres.
Diese vielen Geschichte und die Personen im Buch sind ungemein dramatisch und überspannt. Das kann alles irgendwie nicht sein und kommt doch glaubwürdig ‘rüber. Dabei ist die Rahmenhandlung komplex mit vielen, ineinander verflochtenen Handlungssträngen.
Auch wenn Der letzte Tango in Aberysrwyth bei Funny Crimes des Shayol Verlags erscheint, als „funny“ würde ich das Buch nicht bezeichnen. Natürlich ist es witzig, sowohl von der Handlung her, als auch vom Wortwitz, aber dieser Witz ist zu sehr mit dem Buch verwoben, zu wenig aufgesetzt um als „funny“ bezeichnet zu werden. Und wer angesichts der Druiden so eine Art Harry Potter Verschnitt erwartet, sieht sich sowieso enttäuscht, die Gestalten sind dafür viel zu bodenständig. Wie überhaupt die Beobachtungen Pryce’ definitiv von dieser Welt sind, das „Bed-und-Breackfast-Ghetto“ zum Beispiel ist einfach treffend.
Unabhängig davon, ob nun Fantasy oder Krimi oder Literatur, Der letzte Tango in Aberystwyth ist herrlich schräg: Mal mit subtilerem, mal mit offensichtlicherem Humor und voll mit Anspielungen ist es natürlich ein Buch, dem man viele Leser wünscht. Dabei schadet es gar nicht, wenn diese zuvor Aberyrtwyth Mon Amour lesen.
bernd
(1)Die Anspielung an den Film von Bernardo Bertolucci würde ich nicht zu ernst nehmen, die Bücher Pryce’ haben alle derartige Titel.
Shayol 2009,
Original: Last Tango in Aberystwyth, 2003
Übersetzt von Katrin Mrugulla und Nadine Mannchen




Okay, – bestellt!
anna
*ist gespannt.
Lehrstuhl für Bestattungswesen ist ein bisschen zu schräg, aber „Der letzte Tango…“ ist schön. Ich wußte gar nicht, dass der Bertolucci den gemacht hat. Na, ja , den Regisseur hat man bei dem Film auch schnell vergessen.
LG
Henny
Liebe Henny
eigentlich ist „Lehrstuhl für Bestattungswesen“ gar nicht so schräg, Riten und Gebräuche, Ästhetik, Hygiene, Trauerbegleitung, Administration usw. Das könnte doch schon einen Bachelor Wert sein.
Liebe Anna,
viel Spass
Beste Grüße
bernd
Vielleicht weiß ja dpr, warum auch sein Roman bei shayol unter funny crimes firmiert?
Auch James Crumley und Joe R. Lansdale sind ja nicht wirklich funny, eher edle Noir-Ikonen.
Ich denke, funny mag hier eher seltsam oder schräg bedeuten.
Zu Lansdale fällt mir auf, wie hochpreisig die vergriffenen Romane auf dem second-hand-Markt sind.
Spannende Review zu Lansdales Erstling Akt der Liebe
frisch auf der Krimi-Couch: http://www.krimi-couch.de/krimis/joe-r-lansdale-akt-der-liebe.html
In punkto Crumley hoffe ich, Shayol traut sich, dem deutschen Publikum auch noch The right madness zugänglich zu machen.
Shayol – ein Mini-Verlag mit Mut zum Besonderen.
Jürgen,
Du hast wohl recht damit, dass die Bücher bei Funny Crimes veröffentlichten Bücher alle keine witzigen Bücher sind. Aber es sind alles Bücher – zumindest die, die ich kenne – die einen sehr profunden und häufig entlarvenden Humor haben.
Bzgl. der Preise der älteren Bücher Lansdales hast Du recht, da werden doch zum Teil erstaunlich hohe Preise aufgerufen.