Richard Price schreibt Theaterstücke, Krimis und verfasst Drehbücher. Zum Beispiel für die hochgelobte US-Fernsehserie The Wire. Dort ist er auch ein Kollege George P. Pelecanos’ , ein Vergleich der beiden Autoren, die beide von den Schattenseiten der Strasse und der Bedrohung der geordneten bürgerlichen Gesellschaft erzählen, drängt sich ein wenig auf. Price schreibt im Vergleich zu Pelecanos, der immer ein Stück Hoffnung in seine Bücher hinein trägt, weswegen diese auch immer ein wenig Gefahr laufen (so in The Night Gardener (deutsch: Der Totengarten)), Fett anzusetzen, nüchterner. Fast kühl beschreibt er die Situation in den Wohnburgen der Armen und die unsichere bürgerliche Existenz jenseits der Bürotürme New Yorks, also auch bei der jungerwachsenen Boheme, den Inhabern kleiner Geschäfte usw.
Lush Life ist sein achtes Buch in über dreizig Jahren, eine gewisse Sorgfalt im Detail dürfen wir also erwarten. Schon der erste Satz schlägt einen in den Bann:
The Quality of Life Task Force: four sweatshirts in a bogus taxi set up on the corner of Clinton Street alongside the Williamsburg Bridge off-ramp to profile the incoming salmon run; their mantra: Dope, guns, overtime; their motto: Everybody’s got something to lose.
Ganz so schlank, verbarm bleibt es nicht, zunehmend drängen sich die Dialoge mit ihrer außergewöhnlichen Qualität, die so aus der Realität geschnitten wirken wie nur selten, in den Vordergrund.
Der Quality of Life Task Force, Polizisten ohne Uniform auf Streife, die versuchen Gangster, Gauner und Drogenboten hopszunehmen, oder wenigsten Informationen aus armen Sündern herauszupressen um andere ans Messer geliefert zu bekommen, begegnen wir im weiteren Verlauf des Buches immer wieder. Ihr Ziel: Ein Gun, ein Mörder mit Pistole zu finden.
Die Ausgangssituation von Lush Life ist eigentlich einfach. Drei weiße Männer ziehen durch die Kneipen New Yorks, am frühen Morgen ist einer von Ihnen so breit, dass die anderen beiden ihn abschleppen müssen. Sie werden überfallen, von zwei Schwarzen oder Latinos oder so und, wie es halt so ist, es geht etwas schief und einer der Männer wird erschossen. So erzählt es zumindest Eric, einer der Männer.
So etwas kann man dann aus der Opfer- oder Täterperspektive erzählen, Price macht beides. Im Mittelpunkt steht eine neutrale Darstellungen der polizeilichen Ermittlungen. Die beiden verantwortlichen Polizisten scheinen sich im bürokratischen Geflecht des NYPD (New York City Police Department) aufzuarbeiten. Dabei geht es hier weniger um prozeduralen Machofragen, sondern schlichtweg um das mangelnde Interesse der Granden der Polizei für den Fall und seine Medienwirkung.
Ganz anders natürlich die Familie und die Umgebung des Opfers. Die unaufdringliche aber anhaltende Präsents des Vater des Opfers, der sich in seiner Trauer zu verlieren droht, hält die Untersuchung am Laufen. Die beiden anderen überfallenen Männer, gehen mit dem Ereignis recht unterschiedlich um, aber auch ihre Geschichte ist Teil der Erzählung.
Ebenso wie die des Täters (der dem Leser bekannt ist), und der nach seiner Tat so richtig aufblüht. Überhaupt, das Milieu aus dem er stammt, es wird ruhig, ohne Showeffekte und Sentimentalitäten dargestellt.
Es entwickelt sich daraus das Panorama einer Stadt. New York als rassischer, ökonomischer und kultureller Schmelztiegel, mit Personen die keine wandelnden Klischees oder von der Agenda des Autoren gesteuerte sind – bei Pelecanos ist das im direkten Vergleich gelegentlich anders. So divers, so vielschichtig und so offen liest man das ganz selten (andere Beispiele fallen mir sogar gar nicht ein). Zudem und überhaupt zeigt Price, wie man gekonnt eine Erzählung, ihren Rhythmus und ihre Struktur variiert. So ist der erste Teil, nach der Tat, ein bravouröses Beispiel für die moderne Inszenierung eines Verhörs, danach jedoch entwickelt es sich anders weiter. Dabei schafft er es immer wieder in seine nüchterne Darstellung genug Humor ‘reinzupacken.
Also, dass Lush Life 2009 nicht für den Edgar nominiert wird, liegt nicht an der Qualität des Buches, den diesjährigen Kandidaten zumindest begegnet es locker auf Augenhöhe – der hochgelobten Lippman ebenso.
bernd




Kann mich nur anschließen. Eines der besten Bücher des Jahres. Vielleicht war es der Edgar-Jury nicht krimimäßig genug…?
Ist das Buch (ohne erheblichen Qualitätsverlust) übersetzbar???
Ich frage deshalb:
„Genau das ist auch der Grund, warum Richard Price unübersetzbar, deswegen ein amerikanischer Klassiker bleiben wird, und „Lush Life”, wie schon seine anderen Romane, in den lieblosen Taschenbuchreihen deutscher Großverlage untergehen könnte.“
http://www.buecher.de/shop/Pe-Pz/Price-Richard/Lush-Life/products_products/detail/prod_id/23577782/vnode/2/lfa/richcontent-0/selection/1728163/#richcontent_1728163
Thomas,
Danke für den Link. Sehr gute Rezension.
Ich kann mir schon nicht verstellen, dass Ellroy ordentlich übersetzbar ist … Price scheint mir, sich diesbezüglich auf ähnlichem Niveau zu bewegen. Mit Ellroy scheint man ja in Deutschland zufrieden zu sein … dann kann es auch bei Price gehen.
Diese Aussage aus dem Artikel ist allerdings falsch:
Für seine Drehbücher zur Serie „The Wire” hätte er fast einen Edgar Allan Poe Award bekommen
Der Autor der Süddeutschen hatte sich wohl bei der Wikipedia informiert, deren Beitrag ist nämlich nicht aktualisiert worden und suggeriert, dass The Wire nicht gewonnen hätte – hat es aber, siehe oberen Link.
[...] von Verbrechen handele, ein Krimi sei. Zum Beispiel das von Montgomery entsprechend bezeichnete Lush Life von Richard Price sei für sie kein Krimi, “It’s why AMERICAN TRAGEDY or APPOINTMENT IN [...]
[...] Lush Life von Richard Price [...]
[...] Lush Life, von Richard Price [...]