Der Konsens scheint zu bestehen. Was auch immer es ist, im Krimibereich ist in Mode: Retro. Weniger eindeutig ist jedoch die Antwort zur Frage, was denn Retro sei.
„Was auf alt getrimmt ist, muss nicht automatisch antiquiert sein. Diesen Beweis liefert der britische Retro-Krimi „Bank Job“ höchst eindrucksvoll.“ Stellt zum Beispiel die ZEIT fest und führt damit einen Begriff ein, der anscheinend nicht deckungsgleich ist: „antiquiert“, also veraltet. Demnach könnte Retro also auch zeitgemäß sein.
Bezogen auf das Krimigenre zeigt folgender Dialog zwischen Thomas und Claus auf watching the detectives die Unsicherheit in Bezug auf den Begriff auf:
„Für mich ist „retro“, wenn ich in mein Bücherregal greife und einen in den 70er Jahren erschienenen Krimi von John MacDonald oder James Hadley Chase ergreife. Manchmal ist mir dannach, meistens nicht.“
„Na,na. Nach John MacDonald zu greifen, ist eindeutig Traditionspflege. Nach Chase zu greifen, ist dagegen sich-Kitsch-antun. Würde Chase heute neu verlegt werden, wäre das Retro.“
Der Focus scheint der ersten Position nahe zustehen, denn er bezeichnet zum Beispiel die Pastichen Gilbert Adairs als Retro. Vergleichbare Bücher, wie die von Laurie R. King zum Beispiel, würde ich nicht unbedingt als Retro bezeichnen. Ich persönlich glaube, dass es noch ein wenig anders ist als im obigen Dialog angedeutet. Je nachdem weswegen jemand John D. MacDonald oder James Hadley Chase liest, kann es retro sein, muss es aber nicht.
Man muss nicht groß exegetisch tätig sein um festzustellen, dass TW den Begriff “retro” im Zusammenhang eines ahistorisch festgeschriebenen Genrebegriffs verwendet. Oder noch deutlicher: Ein längst überholter Status von Hardboiled feiert als endgültige, nostalgisch verbrämte, beliebig reproduzierbare Definition fröhliche Urständ.
Schreibt wiederum dpr beim Ludger. Ich neige dazu, ihm und Thomas Wörtche, der schreibt “ [...] aber hardboiled ist und bleibt eine Einstellung zur Welt.“ zuzustimmen: Retro ist eine Geisteshaltung und natürlich nicht auf den Krimi beschränkt.
Retro ist eine Einstellung, die politische, künstlerische, sprachliche oder sonstige Prozesse/Objekte nicht als dynamisch versteht, sondern als konstant ansieht und aufgrund dessen unter nicht mehr zeitgemäßen Vorgaben entsprechende Prozesse/Objekte produziert oder konsumiert. Häufig geht Retro mit einer negativen Grundeinstellung gegenüber (entsprechenden Prozesse/Objekte der) Gegenwart und Zukunft einher.
Sehr schön wird das auch im Bereich der deutschen Sprache deutlich. Zahlreiche Menschen sorgen sich ganz inniglich um deren Zustand und Fortbestand und würden Wortschatz und Struktur am liebsten im jetzigen Zustand einfrieren. Warum nicht den Zustand vor 100 Jahren vor der damaligen Rechtschreibreform, oder den vor dem Einfluss des Französischen, oder des Lateinischen oder … ? Dazu gibt es auch ein schönes Gedicht, allerdings in Englisch. HAIL TO THEE, O ENGLISH USAGE PURIST von Kate Gladstone. Darin sind ein paar Beispiele genannt. Die Bedeutung die manche Wörter früher hatten und die die sie heute haben. Zum Beispiel:
In the days of Chaucer, once
You called your friend a DUNCE,
And meant he was a high-class intellectual:
But if you called somebody NICE,
What you meant, to be precise,
Was to label him as dim and ineffectual.
Zurück zur Kunst: Wenn ich mir den John D. MacDonald vornehme, weil früher die Bücher besser waren, ist das Retro, wenn ich es mache um zum Beispiel einen bestimmten Typus Detektiv besser zu verstehen, der auch heute noch in veränderter Form weiterlebt (bei Lee Child John Reacher z.B.), dann nicht.
bernd




Eigentlich war mein Kommentar zu Thomas eher ironisch gemeint. Das sollte die daran anschließende Frage an dpr verdeutlichen, die sich wieder auf dessen schönen Beitrag bezog, im dem er uns das richtige Lesen von TWs Artikel zeigte. Ist das kompliziert!
Deinem letzten Abschnitt stimme ich im übrigen zu. Ich wundere mich noch immer über den HCC-Streit. Viele amerikanische Diskussionsgruppen sehen das viel entspannter.
Ist das übrigens Retro, wenn Reich-Ranicki immer wieder betont, Thomas Mann sei „der größte Prosa-Autor in der ganzen Geschichte der deutschen Literatur“ gewesen?
Nein, lieber Claus, das ist nicht retro, was R-R da betont, sondern großer harter Käse.
bye
dpr
Unsinn. Das ist harter Tobak, aber ganz alter, stinkig verlaufender Käs. Ohne Apostroph.
Auch mein Beitrag sollte ironisch rüberkommen, weil ich den Nähr- bzw. Mehrwert von solchen Kategorien wie „retro“ nicht erkennen kann.
Aber diese „Diskussion“ hat mich ganz ernsthaft zu der Frage geführt, ob ich wohl einen Krimi, dessen Autor und Titel ich nicht kenne und in dem keine mir bekannte Figur mitspielt, zumindest einem Jahrzehnt zuordnen könnte. Dies glaube ich schon, ohne es ausprobiert zu haben, da sich auch in (guten) Krimis so etwas wie „Zeitgeist“ finden lassen müsste, allein schon über die Begrifflichkeiten.
Damit aber wäre der Griff z. B. zu MacDonald der (un)bewusste Griff zu einem Krimi, der diesen damaligen Zeitgeist transportiert und mich im Idealfall in diese Zeit „eintauchen“ und damit aus dem Hier und Jetzt verschwinden lässt. Vielleicht lässt sich dies als „retro“ bezeichnen, der Rückgriff auf bzw. die Sehnsucht nach Vergangenem und (vermeidlich) Verschwundenem, auf die (gute) alte Zeit? Jedenfalls ist dieser Vorgang vom Lesererlebnis in keiner Weise damit vergleichbar, einen Kriminalroman zu lesen, der z. B. im Römischen Reich spielt. Nur warum? Weil ich zu den 70ern einen persönlichen Bezug habe und Römisches Reich immer auch Geschichtsunterricht ist?
Lieber Thomas, lieber Claus,
seid mir nicht böse, natürlich war euer Dialog nicht bierernst, aber erstens hatte er einen wahren Kern und zweitens passte er gut.
Das mit den Römern muss nicht stimmen, lieber Thomas. Ich hatte ‘mal ein Kollegen im Labor, der sammelte römische Münzen und war schon recht per Du mit der Zeit, der würde ein entsprechendes Buch sicher ganz anders wahrnehmen als Du.