Zusammen mit Sue Grafton und Sara Paretsky gehört Marcia Muller zu den Begründerinnen des modernen „weiblichen“ PI (private investigator)-Kriminalromans. Seit 1977, eine Weile vor ihren Mitstreiterinnen, ist Sharon McCone, Heldin ihrer Bücher als Privatdetektivin unterwegs und hat sich mit der Zeit ihren Platz in einer männlich dominierten Welt erkämpft. Muller selber war Grandmaster der MWA (Mystery Writers of America) und gewann darüberhinaus auch Eye, den Preis für Lebensleistungen der Private Eye Writers of America – tatsächlich sind die drei genannten Frauen, die einzigen Frauen, die diesen Preis bisher gewannen.
Vanishing Point illustriert sehr schön, dass McCone sich nicht mehr täglich beweisen muss, sie ist Inhaberin einer großen erfolgreichen Detektei und kann sich in Ruhe einem kniffligen Fall hingeben. Das Buch offenbart ein Maß an Teamarbeit wie es im PI Roman sonst sehr selten ist, Muller nutzt hier sehr vorteilhaft die Breite eines modernen Büros, welches mit mehreren Spezialisten bestückt ist. Während McCone im Feld, ganz im Stil des klassischen einsamen Wolfes, alleine unterwegs ist, sammeln ihre Mitarbeiter Hintergrundinformationen, beschatten Personen oder befragen Zeugen.
Der Auftrag, den die Detektei übernimmt, scheint verzwickt. Jennifer Aldin, verheiratet und als Künstlerin mit dem Aufbau einer eigenen kleinen Firma beschäftigt, hat in letzter Zeit nur mehr ihrer Mutter im Kopf. Diese ist vor etwa zwanzig Jahren plötzlich verschwunden. Ob sie umkam oder ihre Familie und damit auch ihre Kinder verließ, weiß man nicht. McCone und ihre Mitstreiter versuchen also die damalige Zeit zu rekonstruieren, befragen alte Zeugen und sammeln Daten. Was wie eine interessante, aber trockene Untersuchung anmutet, gewinnt plötzlich an Brisanz, als McCone bedroht wird. Gleichzeitig verschwindet Jennifer Aldin und alles wirkt doch fast wie ein Spiegel der Geschehenisse um ihre Mutter.
Das erzählt Muller natürlich alles kurzeilig, sehr routiniert, empathisch den Blick auf ihre Figuren gerichtet, die verschiedenen Erzählstränge verbindend und immer auch mit einem Überraschungsmoment für den Leser.
So eine lange Serie (Vanishing Point ist das 25. Buch) zeigt aber auch die Gefahr, die sich mit der Zeit einstellen kann, McCone gehört ja schon fast zur Familie und hat sich unter der rauen Schale nicht nur einen weichen Kern bewahrt, sondern (anders zum Beispiel als Rankings Rebus) in der Zeit um sich herum auch eine riesige Schar an Familie und Freunden versammelt; das wirkt dann schon alles relativ heimelig. Und anders als in früheren Büchern fehlt hier so ein wenig die verstörende Unruhe.
Die Homepage Mullers ist -> hier.
bernd




[...] des weiblichen hardboiligen Privatdetektivromans. Möglicherweise ist sie biederste der drei, ihr The Vanishing Point zumindest ist weniger on-the-edge als manch der [...]