Garcia’s Heart beschäftigt sich (vordergündig) mit einer der entscheidenden Fragen der Neurologie. Letztlich ist der Aufbau der Geschichte auch eine Antwort des Autors hierzu. Denn während es anfangs präzise auf die Frage der Moral und ihres neurophysiologischen Substrates zusteuert, verliert sich das im Verlauf des Buches und die Person Patrick Lazerenkos rückt ins Zentrum. Und dieser, so befähigt er wäre, die eingangs gestellte Frage zu beantworten, erkennt, dass es keine Möglichkeit hierzu gibt. Stattdessen muss er (wie unsereins auch) auf konventionellen Weg versuchen herauszufinden, warum Hernan Garcia strauchelte.
But if brain activity is largely determined, and determined by physical attributes of brain structure, then where is his decision-making capacity ? Where is his intent ?
Man merkt dem Buch an, dass Liam Durcan nicht “gut recherchiert” hat. Braucht er nicht, er ist Professor für Neurologie in Montreal und also mit dieser und den weiteren Thematiken des Buches vertraut. Der Unterschied zu Angelesen ist immens und für meiner einer gelegentlich beglückend. Dass auch weniger Vorgebildete, lobende Worte zu dem Buch finden, überrascht und freut mich.
Patrick Lazerenko ist Wissenschaftler, Neurologe und wenn auch kein Arzt, so doch Mediziner. Lazerenkos hat es nach Den Haag zum Kriegverbrechertribunal verschlagen, dort ist Hernan Garcia, Freund und Mentor angeklagt. Garcia war auch Arzt, Kardiologe und hatte eine Professur in seiner Heimat Honduras. Dort soll er zwischen 1981 und 1983 Opfer unter der Folter ärztlich betreut und so deren Leid verlängert haben.
Wie kann das sein ? Hat Lazerenko Garcia doch als engagierten, herzensguten Menschen kennengelernt, der zwar in seiner Wahlheimat Kanada nicht praktizieren durfte, aber den Menschen half und dieses offensichtlich fachkundig.
Lazerenko hat eine Firma aufgebaut, man berät große Unternehmen und versucht deren Marketingkampagnen zu optimieren – Neuroökonomie nennt sich das. Hierzu blickt man ins Gehirn von Probanten und sieht wie sie auf unterschiedliche Marketingkonzepte reagieren. Die Technik (siehe -> hier) ist die gleiche mit der neuerdings in Fachkreisen die Frage des -> freien Willen (und -> hier) untersucht und diskutiert. Vielleicht, so die Hoffnung der Verteidigung, kann Lazerenko helfen zu zeigen, dass Garcia doch unschuldig ist.
Geradezu obsessiv hat sich Lazerenko mit dem Fall beschäftigt. Und eigentlich will er der Verteidigung gar nicht helfen, die Sache scheint ihm klar, was Garcia getan hat, ist nicht vereinbar mit ärztlicher Ethik. Der Verteidigung kann er auch gar nicht helfen, für tiefschürfende Fragen und dann noch vor Gericht ist die Technik noch gar nicht geeignet.
Durcan erzählt die Geschichte durch eine Vielzahl von Erinnerungen, die Lazerenko während seines Aufenthaltes in Den Haag hat. Der Leser lernt ihn und seine Beziehung zu Garcia und dessen Tochter mit der er eine Weile zusammen war, sein Studum und seine Berufstätigkeit usw. verstehen. Derweil schreitet der Prozess voran und Verteidigung und Anklage versuchen ihn für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Dennoch ein Thriller schaut anders aus.
Die Geschichte setzt ihm zu. Je weniger ihm sein Wissen hilft, desto mehr geht er vor die Hunde.
Durcans Text ist alles andere als einfach; zahlreiche Anspielungen aus der Medizin reichern den Text ebenso an, wie Gedanken zu Kriegverbrechertribunalen, medizinischer Ethik und Moralität im Allgemeinen. Die beiden Männer sind durch zahlreiche “Parallelitäten” verbunden. Und Durcan schreibt (wie auch andere betonen) in einer sehr anspruchsvollen, aber klaren Sprache.
Das ganze führt zu einem interessanten, zuweilen fesselnden Buch, welches den Leser auf hohen Niveau unterhält und in dessen Mittelpunkt eine interessante, komplex gezeichnete Person steht. Ich hätte gedacht, dass sich mehr Reviewer an dem hohen Anspruch des Buches reiben würden, das ist aber nicht der Fall, was mich freut.
bernd




[...] Erstes Buch: García’s Heart, von Liam [...]