Nein, es ist keine Geschichte was die -> SZ berichtet, sondern wahr:
Ein Mann (72 J. alt) hält seine Tochter 24 Jahre im Keller eingesperrt, zeugt „mit ihr“ sieben Kinder, von denen eines bei der Geburt verstirbt, drei ebenfalls ihr ganzes Leben im Keller bleiben (19, 18, 5 J. alt) und drei von dem Mann und seiner Frau mit aufgezogen wurden.
Die Oma will die Jahre nichts mitbekommen haben, den Nachbaren hatte der Mann erzählt, die Tochter sei verschwunden bzw. lebe bei einer Sekte und hätte die Kinder vor die Tür gelegt.
Was muss sich dort abgespielt haben … welcher Schriftsteller übernimmt einen Versuch der Darstellung ?
bernd




je länger ich mir das anschaue, um so weniger kann ich glauben, daß die Literatur (oder die Kriminalliteratur) das richtige Medium für dergleichen ist.
Beste Grüße!
Naja, die Boulevardpresse aber auch nicht (Ja ! Ich weiß das haben sie auch nicht unbedingt im Sinn gehabt).
Ansonsten verweise ich auf den von Ihnen wenig geschätzten Andrew Vacchs, der gezeigt hat, dass da was geht. Oder an Sabine Deitmer, die angeblich gewisse Themen in Deutschland bekannt gemacht hat.
ich muss JL recht geben. nicht verwursten. nicht in den nächsten jahren zumindest. es ist zu ungeheuerlich. es GIBT grenzen.
Ja, nun !
„verwursten“
Hab ich doch auch nicht gesagt und nicht gemeint ! Nicht immer die eigenen Assoziationen in fremde Köpfe verpflanzen.
Ich verweise auf den Beitrag bei Georg, der empfiehlt sich defensiv auszudrücken. Müssen wieder diese (indirekten) persönlichen Anwürfe sein ?
… ich sprach von „Versuch der Darstellung“
Meine zweite Assoziation war Schenkel gewesen und die „Inspiration“ für das Buch, welches morgen besprochen wird, war ein realer Fall der literarisch überbaut wurde.
Die ganze Krimiwelt ist voll damit.
…
…
Mist, jetzt hat das mit dem Trackback wohl wieder nicht geklappt. Also guckt mal bei den Detektiven nach. Beginnt mit zwei Zitaten bernd / JL, die nachfolgenden Kommentare konnte ich jetzt nicht mehr berücksichtigen, ihr könnt sie aber im Geiste hinzufügen.
bye
dpr
Hallo,
schon. Vielleicht traut sich auch einmal jemand drüber über diesen „Versuch einer Darstellung“. Das hat durchaus seinen Reiz und könnte schmerzvoll und konfrontierend sein, zum Beispiel die LeserInnen mit eigenen Anteilen der Täterschaft und des Wegschauens konfrontieren. Aber ich denke, dass dann Distanz hilft. Distanz zum Thema, Distanz zu den Betroffenen, zeitliche Distanz. Solange das Thema im Boulevard ist (und das ist es jahrelang wie die Geschichte der Frau Kampusch zeigt), kann ich mir keinen Versuch der literarischen Darstellung vorstellen, der dem angemessen ist. Und auch darüber hinaus ist es schwierig, weil sich Fiktion und Realität in der Rezeption zwangsläufig vermischen würden. Es gilt auch, die Opfer vor fiktiven Zuschreibungen zu schützen. Vielleicht ist das etwas für die Frau Schenkel des 22. Jahrhunderts. Man darf nicht vergessen: Wenn der „Versuch einer Darstellung“ fehl läuft, dann trifft das reale und lebende Personen.
Das mit dem „verwursten“ ist vielleicht flapsig, aber die Assoziation entsteht auch in meinem Kopf. Weil Kriminalliteratur auch vom Spektakulären lebt und von der Lust am fiktiven Verbrechen und es läge auf der Hand, aus dieser spektakulären Geschichte eine spektakuläre Geschichte zu machen. Das wird ohnehin in vielerlei Form passieren. Aber es hat auch etwas mit „sich bemächtigen“ zu tun. Man bemächtigt sich einer fremden Geschichte, um sie für sich zu verwenden. Ich meine, es ist ein Zeichen von Respekt vor dem realen Schicksal, wenn zeitgenössische KrimischriftstellerInnen darauf verzichten können. Soweit meine 2 Cents, ich hoffe, das war defensiv genug formuliert.
da war nicht der geringste persönliche anwurf, bernd … noch defensiver als „verwursten“ sollte ich mich nun bei einem so emotionalen thema nicht ausdrücken müssen.
ich fände es über alle maßen unpassend, wenn irgendein autor sind jetzt auf das thema werfen würde (um damit schotter zu machen). einen anderen eindruck würde er damit bei mir nicht hinterlassen.
aber ich finde es GUT, dass du das thema zur sprache gebracht hast!
Wie soll ich denn den letzten Satz verstehen?
Hoffentlich nicht aus Wunsch, irgendein Schriftsteller möge sich dieser wirklich grauenvollen Geschichte annehmen und sie literarisch umsetzen.
1. Tatsächlich werden wir demnächst mit Informationen, Pseudoinformationen, Tränendrüsen, küchenpsychologischem Geschwätz usw usf überschüttet werden.
Tatsächlich gehen einem doch viele (legitime) Fragen durch den Kopf: Was ist für eine Gesellschaft in der das passiert ? (Ist es überhaupt eine Abbildung gesellschaftlicher Möglichkeiten ?) Woher speist sich die Gedankenwelt des Vaters ? Was für Interaktionen sind denn da zwischen Vater und Mutter, im Gefängnis, zwischen der Tochter und ihren Kindern, mit den Behörden passiert sein ? Usw.
Fragen, die keiner beantworten kann, deren Antworten uns aber um die Ohren fliegen werden und die die Realität unter sich begraben werden.
2. Es gibt zwei Bücher, die mein Erwachsenwerden sehr beeinflusst haben. Wolfgang Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ und (hier etwas relevanter) Manes Sperbers „Wie eine Träne im Ozean“ – mit anderen Worten ich glaube an die Beeinflussbarkeit des Lesers durch entsprechende Literatur.
3. Andrew Vacchs hat die Wahrnehmung von kindlichen Missbrauch und Gewalt an Kindern in den USA nachhaltig beeinflusst – als Autor und, so scheint mir, nahezu im Alleingang. Schön ist das nicht, was man bei ihm liest und in den letzten Jahren hat er sich auch verausgabt.
4. Katie Estills Dahlia’s Gone beruht auf einen wahren Fall (einem „schlichten Mordfall“), beschäftigt sich mit analogen Fragen, wie sie oben angedeutet sind und belässt den Menschen ihre Würde (wir wissen nicht ‘mal auf welchen Fall es beruht). Wenn ich Herausgeber von Frauenliteratur wäre, ich tät mir die Rechte sichern (und wenn ich sonstige Literatur/Krimi herausgäbe, dann auch !)
5. Summa summarum: Ich hielte es nicht für verwerflich wenn jemand diese Ungeheuerlichkeit (und ich bin wirklich nicht leicht zu schockieren) als Ausgangspunkt einer literarischen Betrachtung nähme. Dass ich dabei eine gewisse Pietät und Abstraktioon einforderte, versteht sich von selbst.
Lieber Bernd,
ad 3: Beeinflussung der Öffentlichkeit ist für mich kein literarisches Qualitätskriterium. Vachss fand ich (de gustibus … ) einfach schlecht — und seine Beeinflussung (vor dem Hintergrund der US-Justiz-Kultur) hat bei mir auch Zweifel hinterlassen.
ad 4: jeder Krimi beruht auf einem wahren Fall. Oder umgekehrt: das spielt keine Rolle.
Beste Grüße!
aber warum macht mir Ihr Programm so ein widerliches Grinsegesicht in den Text: hab’ ich da was verpasst?
ich glaube, ein wesentliches problem ist die ZEITNÄHE!
erinnere an foucault über den fall pierre riviere.
http://foucault.info/documents/pierreRiviere/foucault.pierreRiviere.foreword.en.html
Lieber JL,
für’s Programm zeichne ich nicht verantwortlich, offensichtlich sitzt da ein Männchen bei wordpress, das eine bestimmte Zeichenfolge in Emoticons übersetzt … c’est la vie, c’est les temps.
Es ist natürlich unmöglich, ihre und anobellas/marens Aussagen gemeinsam zu beantworten.
Ihre Meinung zu Vachss ist mir bekannt, ich kann sie nachvollziehen. Ich selber kenne dreiundhalb überzeugende Bücher von ihm. Ich unterstelle ihm lautere Motive, der Child Protection Act ist Symbol einer öffentlichen Wahrnehmung eines Themas das ignoriert wurde. Deshalb soll Vachss als Beispiel dienen, dass man sich solchen Themen nicht nur aus Profitsucht nähern muss und dass so ein Vorgehen für die Gesellschaft vorteilhaft sein kann.
Das mit den literarischen Qualitätskriterien ist natürlich so ‘ne Sache, aber das wissen Sie besser als ich.
Liebe Margit,
„Wenn der “Versuch einer Darstellung” fehl läuft, dann trifft das reale und lebende Personen.“
das verstehe ich und will es ich auch nicht.
Ich habe lange Zeit nicht verstanden, warum Ellroy in „American Tabloid“ und „The Cold Six Thousand“ die jüngere US-amerikanische Geschichte umerzählt und Personen hinzu erfindet. Er tat das um ihre Tiefenstruktur freizulegen.
(Mehr als Abstraktion ist, wie Maxim Billers Esra zeigt, auch kaum möglich)
@12: danke für’s Rausnehmen! (jetzt, wo ich nachdenke, selten genug, meine ich, daß man das in den Einstellungen von WP abstellen kann — aber das müssen Sie selbstverständlich nicht: ich vermeide es in Zukunft einfach, Pünktchen und Klammern in entsprechend fruchtbare Beziehungen zueinander zu setzen. Man könnt’ ja tiefsinnig darüber werden, daß das ‘intelligente’ Programm den einen (typographisch hergestellten) Unsinn durch einen anderen ersetzt (und jetzt hätt’ ich fast schon wieder ‘Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen, Klammer’ gesetzt.)
Beste Grüße (ehe der sittliche Ernst bei mir wieder Einzug hält)!
Liebe anobella,
da ich ja damit kokettiere franko(phono)phob zu sein, kannte ich das Dokument nicht, vielen Dank.
Ich brauche allerdings noch ein wenig Zeit es zu durchdringen. Es scheint mir in eine etwas andere Richtung zu zielen, da es ja die Stimme Rivieres nicht durch die eigene überdecken möchte.
Und ja, die Zeitnähe ist ein Problem, entsprechend hatte ja auch krimi.krimi argumentiert. Zur Zeitnähe fiele einem Wambaughs „The Onion Field“ ein, welches nicht fiktional ist.
@ Bernd.
„das verstehe ich und will es ich auch nicht. “
Das habe jetzt ich nicht verstanden. Mir fallen zwei Interpretationen ein:
„das verstehe ich nicht und will es auch nicht.“ oder
„das verstehe ich und ich will es auch nicht“.
Ich wollte darauf hinweisen, dass Opfer durch das Zeugs, das geschrieben wird, auch retraumatisiert werden können.
[...] wurde und eventuell kommender, noch nicht geschriebener Kriminalliteratur gibt es jedenfalls bei →Bernd Kochanowski und →Watching the [...]
Margit,
‘Tschuldigung: „Das verstehe ich. Auch ich will es nicht.“
Mir ist klar, worauf Du hinaus wolltest.
Davon abgesehen, stellt sich natürlich die Frage der Deutungshoheit, denn geschrieben wird über das Thema.
Aber ganz wichtig: Mir kam es ja nicht auf ein „true crime“ an, sondern auf eine Fiktionalisierung (hätte ich natürlich auch gleich schreiben können).
Hallo Bernd,
das mit der Fiktionalisierung war mir wohl nicht so klar. Wobei die Frage immer noch ist, was „Fiktionalisierung“ bedeutet, wenn auch „True Crime“ Fiktion ist. Ich habe schon ein Buch mit einer ähnlichen, erkennbaren Konstellation vor mir gesehen. Meinetwegen mit zusätzlichen Figuren, veränderten Schauplätzen, aber erkennbar. Meine Einwände bezogen sich auf ein derartiges Werk.
lg
Margit
Liebe Margit,
sicher sind „true crimes“ gestaltet. Aber man muss ja nicht immer alle Unterschiede verwischen. Anders als die Geschichte hat „true crime“ ein Urbild mit dem es verglichen wird.
Man mag ja in fiktiven Geschichten alle möglichen faktischen Elemente ausmachen, aber, siehe Ellroy, es ist ziemlich absurd die korrekte Abbildung einzufordern. Ein „true crime“, so habe ich es zumindest verstanden, hält die Fiktion dieser korrekten Abbildung jedoch aufrecht.