Edgar 2008 - Beurteilung der nominierten Bücher I: Taschenbücher
April 18, 2008 von krimileser
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Am 1. Mai werden die Gewinner der Edgar Awards bekannt gegeben. Es wird also langsam Zeit die Kandidaten in den drei großen Kategorien unter die Lupe zu nehmen.
Wie die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt haben, ist es schwierig die Gewinner zu tippen. Der Edgar scheint ein wenig anders als die anderen US-Krimipreise zu funktionieren und in manchen Jahren haben es “literarische” Krimis besonders leicht, in manchen auch auch nicht.
Den Anfang macht die Kategorie “Best Paperback Original”. Dieses Jahr waren in der Kategorie folgende Bücher nominiert:
- Queenpin von Megan Abbott
- Blood of Paradise von David Corbett
- Cruel Poetry von Vicki Hendricks
- Robbie’s Wife von Russell Hill
- Who is Conrad Hirst ? von Kevin Wignall
Die Taschbuchkategorie hat in den letzten Jahren häufig interessante und ungewöhnliche Bücher nach oben gespült. Im letzten Jahr hatte man sich durch sehr eigenwillige (sprich gute, aber nicht “mehrheitsfähige”) Kandidaten in die Ecke manövriert und so letztlich für ein “relativ” schwaches Buch entschieden.
Dieses Jahr sind wieder Bücher nominiert, die mehr den klassischen Vorstellungen von Krimi entsprechen. Russel Hills Robbie’s Wife erzählt die Geschichte eines älteren Schriftsteller, als US-Amerikaner nach England gekommen, der während der Selbstfindung auf eine junge attraktive Frau stößt, die ihn nicht nur zum Schreiben zurückfinden lässt, sondern ihn auch belebt und stimuliert. Es ist das konventionellste Buch von allen, durchaus lesenswert, aber kein Preisträgermaterial.
Who is Conrad Hirst ? von Kevin Wignall ist da schon aus einem anderen Holz geschnitzt. Der Thriller, der die Erwartungen des Lesers von dem was erzählt werden soll, an der Nase herum führt, handelt von einem Mann der sich verlor, deshalb Killer wurde und sich nun wieder sucht. Es ist nicht so sehr ein spannendes, als klug konstruiert und erzähltes Buch. Deshalb fehlt ihm auch ein wenig das große Gefühl. Das etwas kühle Buch hat Aussenseiterchancen.
Zwei der Büche sind von Autorinnen erzählt, nicht nur mit Heldinnen, sondern auch in einer “weiblichen Verdrehung” des Genres, mit Frauen die Rollen haben und Verhalten ausleben, die ihnen klassischer Weise nicht zugeschrieben werden. Queenpin von Megan Abbott ist eine ins Weibliche gedrehte Variante der Pulpkrimis der 50er Jahre. In einer feinen Sprache erzählt es die Geschichte einer jungen Frau, die ins kriminelle Gewerbe eingeführt wird und mit der Zeit dort das Laufen lernt. Diese hardboilige Geschichte versucht sich als Noir, hat aber nicht die nötige Rasanz, reißt den Leser nicht wirklich mit und hat Konstruktionsmängel. Hätte eigentlich gar keine Chance, läuft bei mir als große Enttäuschung, ist allerdings im englischsprachigen Raum hoch gelobt worden.
Im direkten Vergleich entpuppt sich Cruel Poetry von Vicky Hendrix als Noir, so weiblich, so aufregend, so eigenständig wie nur wenige, mit einer kraft- und lustvollen Hauptperson. Das Buch dürfte mit seinem expliziten Sex und als Noir nicht mehrheitsfähig sein. Aber wie auch immer, es wäre ein würdiger Gewinner.
Blood of Paradise von David Corbett ist der klassische Thriller unter den Kandidaten. Es ist eine Buch mit einer politischen Botschaft, die auch ganz klar im Nachwort genannt ist. Aber diesen Auftrag merkt man dem Buch nicht an. Die Geschichte eines US-amerikanischen Leibwächters, der in El Salvador seinem Job nachgeht und dabei zwischen die Fronten und an seine eigene Vergangenheit gerät, liefert die vielschichtige und kompromisslose Darstellung einer Realität, an der die USA und ihre diversen geheimen Dienste nicht ganz unschuldig sind. Es ist eine Geschichte mit Esprit und Chancen auf den Gewinn.
Also: Cruel Poetry knapp vor Blood of Paradise und deutlich vor Who is Conrad Hirst ? Queenpin wäre ein Irrtum und Robbies Wife unverständlich.
bernd







Hallo Bernd,
mir ist aufgefallen, dass bei all den Preisen und Norminierungen “Driver” von Sallis nicht erscheint. Hat die englischsprachige Kritik das Buch nicht so euphorisch bewertet wie dies hierzulande geschehen ist?
Hallo Thomas,
das englische Original, “Drive” ist aus dem Jahr 2005. Es hat wohl einige gute Fachkritiken erhalten und gelegentlich liest man auch ‘mal ein lobendes Wort, aber viel Aufmerksamkeit hat es wohl nicht erzeugt - Sallis selber ist bei denen die ihn kennen, geschätzt.
Ähnlich verhält es sich mit “Legends” oder “Stalin’s Ghost”.
Die unterschiedliche Bewertung diesseits und jenseits möchte ich schon seit längerer Zeit thematisieren.
[...] letzten Freitag die Kandidaten in der Kategorie “Bestes Taschenbuch” dran waren, folgen jetzt die der [...]