Kurzrezension: Queenpin von Megan Abbott
April 17, 2008 von krimileser
Queenpin ist eine im Prinzip interessante Variante der Hommagen an die klassische Pulpliteratur und spielt irgendwo in den USA, irgendwann in den 50ziger. Schon das Coverbild, welches doch deutlich an die Bilder der alten Büchern von Carter Brown oder Richard S. Prather erinnert, zeigt es. Der Titel – nicht kingpin, sondern das sehr viel ungewöhnlichere queenpin - deutet es allerdings an, es handelt sich um eine besondere Variante, um eine feminisierte nämlich. So sind dann auch zwei Frauen im Mittelpunkt des Geschehens. Die namenlose Icherzählerin und Gloria Denton, ihre Mentorin.
Denton ist für’s große kriminelle Gewerbe tätig und sammelt Zinsen (Vics), Schutzgelder usw. ein. Da ihr mit der Zeit die Arbeit zuviel wird, zieht sie sich die junge Icherzählerin heran, die selber aus einfachem Haus stammt und ein Teil der Arbeit übernimmt. Das geht so lange gut, bis die Icherzählerin auf einen Mann trifft und beim wilden Sex mit ihm ihre gerade angelernte Haltung und Vorsicht vergisst. Das heißt, ob der Sex wirklich wild ist, wissen wir gar nicht mal, Megan Abbott hält sich hier sehr zurück. Wir bekommen nur indirekte Hinweise, wie z.B. die blauen Flecke an den Oberschenkeln der Icherzählerin.
Irgendwie hatte ich eine Noirvariante erwartet, doch es dauert bis zur Mitte des Buches, bis der Ansatz einer Noir-Spirale zu erkennen ist, welche die beiden Frauen langsam nach unten zieht. Plötzlich haben sie eine Leiche an der Hand und fangen an sich gegenseitig kritisch zu beäugen.
Solche Pastischen sind so ungewöhnlich nicht, es ist Abbotts dritte, Sandra Scopettone hat so etwas schon gemacht, und auch Laurie R. Kings, Jacqueline Winspears oder Rhys Bowens Figuren kann man entsprechend deuten. Allerdings spielt Abbotts Geschichte mit der Frivolität, wo es bei den anderen „gesitteter“ zugeht. Allesamt zeigen natürlich Frauenfiguren die so nicht real sind ( trivial eigentlich, wurde aber zu diesem Buch diskutiert), Inversionen gewissermaßen, insbesondere bei Abbott.
Queenpin hat mich trotz der interessanten Rahmenbedingen enttäuscht. Es ist im letzten Jahr als ganz heiße Kiste in der englischsprachigen Internetwelt gelaufen und Abbott gilt als sehr gute Autorin.
Nun, eine gute Autorin ist sie tatsächlich. Sprache und Wortwahl verweisen auf die Vorbilder und zeigen doch Drive, große Eigenständigkeit und machen einfach Spaß. Aber die Geschichte langweilt, die namen- und konturlose Icherzählerin, ihr Verhalten und ihre Motive, man versteht sie nicht so richtig, sie nimmt einen nicht mit. Einerseits, in den inneren Monologen, spielt sie die Schüchterne, Unsichere, Ängstliche und spricht ihre Angst und Überforderung aus. Andererseits, in den Dialogen bringt sie die Leute mit dem Wortwitz ihrer Antworten zum Verstummen. Ganz klar: Das Erstere schafft Spannung und das Letztere unterhält, aber es überzeugt nicht und wirkt auf Dauer schon gar nicht glaubwürdig.
Zu lang braucht die Geschichte um in Gang zu kommen und sich von der Einleitung zu lösen, für einen guten Noir gibt es zuwenig Handlung, die die Spirale unterhält. Queenpin hat mehr die Attitude eines Noirs als die innerer Haltung. Und wie sich spät im Buch ‘rausstellt, spielt eine Falle eine Rolle, bei der man sich gar nicht vorstellen kann, wer sich so ein unsicheres Konstrukt ausdenken würde.
bernd



[...] Queenpin von Megan Abbott [...]
Weil es nämlich regnet, so hätte ich nun doch gern wieder einmal ein paar Seiten Krimi gelesen, aber ich stelle mir vor, die hier rezensierten Krimis sind alle eher ernst gemeint und schüderli wirklichkeitsnah. Der Simenon begann hingegen immer so selbstverständlich patriarchaisch in einem Bahnhofbuffet, wunderbar heimelig und mit Durchzug, weil die Türe nicht funktionierte, und da war ein Passant, der seine Tasche auf den Tisch leerte, hatte Geld aus aller Herren Länder, was dem aufmerksamen Beobachter sogleich wie ein Indiz hergab.
“Nadie se dio cuenta de lo que pasaba.
“Nadie sospechó que era un drama lo que sucedía en la sala de espera de la pequeña estación, donde sólo esperaban seis viajeros con cara aburrida en medio del olor a café, cerveza y limonada.
Eran las cinco de la tarde…”
Ah! Voilà de la littérature!
” Nobody realized what was going on.
Nobody suspected that there was a drama going on in the waiting room of the small train station, where six travelers were waiting, looking bored.
It was five o’clock in the afternoon…..”
Schon als Kind zog ich es vor, wenn in einem Märchen alles schön nach Muster vor sich ging, zuerst die Hexe, dann die Prinzessin, dann Ivan Ivanovitch, and no surprises. Und Simenon tut dies wurderbar, doch statt dem Hüttchen auf Hühnerfüsschen hat er leider nur einen Wohnblock in Paris.
Ja, ich glaube Deine Darstellung von Simenon passt. Und, in der Tat die Krimis sind eher wirklichkeitsnah, wenn nicht, wird’s mitgeteilt. Ein Autor der allgemein als überspannt gilt ist die Französin Fred Varga, die in der Tat ganz vorzüglich ist.
Ansonsten gilt Simenon als “legitime” Lektüre , wenn man auch Heute anders schreibt. Aber von einem Muster kann natürlich immer noch die Rede sein.